Le Mas


Geert. Flame, wie ich jetzt weiß. Holländer, dachte ich - die ganze Zeit. Geert, der Bildhauer, der in zehn Jahren aus vier Steinhaus-Ruinen sein Paradies schuf. Geerts Seidenspinnerei. Das Haupthaus, ehemals Haus des Maitre, noch eins – da wohnt Geert -, und das, wo wir wohnen, besser, die zwei, in denen wir wohnen. Alles ist Kunst hier. Zum Greifen, zum Dran-satt-Freuen. Die Anlage, der Garten, die Häuser, die vielen netten Details, innen und außen. Keramikscherben, immer wieder eingelassen, im Mauerwerk, auf der Treppe, an den Schwellen und natürlich im Bad. Aus dem Fensterbrett ragt der Griff einer türkisenen Tasse. Fenster zum Mitnehmen. Würd ich gerne. Fenster mitnehmen und Blick dahinter auch gleich. Blick auf Grün, Kastanien-, Maulbeer-, Feigenbäume, gigantische Findlinge, zu Skulpturen aufgetürmten Schiefer, Rosen, Holunder, Flieder und so viel anderes, was ich nicht benennen kann. Der Boden der Terrasse ist silberdurchwirkt. Schieferplatten, die metallisch in der Sonne glänzen. Was rede ich von „der Terrasse“? Da ist die vor dem Haus, die steinerne, dann ist beim kleinen Haus die Terrasse mit der von im Kreis angeordneten, senkrecht in die Erde eingelassenen Schieferplatten umringten Feuerstelle, dann die kleine, unter dem Haus, mit zwei Deck-Chairs auf Wiesengrund. Und gleich links vom Haus eine Grasterrasse, auf der zwei Bäume mit Haken auf die Hängematte warten. Wir bewohnen zwei Häuser. Wir zwei Menschlein. Und alles ist schön, tellement jolie. Gestern sagte ich, ich habe im Leben noch nie so etwas Schönes gesehen. Schon heute habe ich mich eingewöhnt, im Paradies. Nein, nicht selbstverständlich ist es, aber es ist da und wir mittendrin. Also real. Wir und das Paradies. Mai, die Natur hat so unglaublich viel Kraft, sagt Geert. Viel Arbeit, ihr beizukommen. Dem Paradies geht das Wasser aus, schließe ich, aus dem, was Geert erzählt, unten an der Dusche – auch eine dieser kunstvollen Freiluft-Installationen. Die Bäume würden sterben, sie kommen nicht mehr an das Grundwasser, sagt Geert. Aber ich, ich sehe das nicht, weiß es nicht, ich sehe nur das schier unendliche Grün. Mai, Wasser genug.
Heute Nacht habe es wie toll gestürmt, sagt Micha. Nicht einmal aufgewacht, bin ich. Tief war der Schlaf, im Steinhaus, auf dem Zwischenboden, auf dem früher die Seide gelagert wurde. Er habe fast kein Auge zugedrückt, meint Micha. Ich, der ich nachts sonst mindestens zwei Mal raus muss, ich, ich habe tief geschlafen. Um 6.30 Uhr zog es mich dann Richtung Anhöhe. Ein Ausläufer des Berghanges, an dem unsere Häuser liegen. Ein unglaublicher Blick, schwärmte Geert gestern. Habe die Sonne verpasst. Ihren ersten Wimpernschlag, meine ich. Sie war vor mir da, schneller als ich auf der Anhöhe. Ihr warmes Licht ließ den Ginster, der hier alles überzieht, bereits orange leuchten. Auch hier war Geert am Schaffen. Steintürme, ein kleiner, krummer Ast unter dem größten Stein an der Basis. Auch hier: Kunst. Kunst im Kleinen, aber unverkennbar Geert. Aber auch einfach von der Natur Geschaffenes. Nicht minder kunstvoll. Ein großer, ca. vier Meter hoher Findling, in der Mitte gespalten, genau in der Mitte, als wär der Blitz in ihn gefahren. Ich mache ein Foto. Der Schatten meiner unendlich lang wirkenden Beine spaltet die linke Hälfte aufs Neue. Ich schaue nach oben, den Berg hinauf. Ja, ich will. Will hoch. Am nächsten Morgen wache ich Punkt sechs Uhr auf. Dieses Mal könnt ich vor ihr da sein, souffliert mir die Sonne, sie hat mich wohl rechtzeitig geweckt. Nett von ihr. Aber ich nehme die Herausforderung nicht an. Der Berg. Hinauf. Steinerne Wege, ehemals Maultierpfade, führen nach oben. Ungefähr vier Kilometer von hier ist die Auberge de Peyre, bis ins 19. Jahrhundert eine Maultierstation. Dort konnten sie fressen, sie und ihre Treiber. Der Maultiertreiber hat natürlich gesoffen, wo der Esel nur getrunken hat. Trinkfest sollen sie gewesen sein, die Treiber. Irgendwann bin ich oben, nur seh ich nix, will doch von oben auf das Haus schauen. Aber da muss ich noch weiter nach Norden. Muss nur noch über ein kleines Feld, da stehen am Rande ein paar liegen gelassene Granit-Findlinge. Ja, hier weiden wohl Kühe, zumindest treffe ich auf ihre Hinterlassenschaften, Kühe sehe ich nirgends. Auch haben sie das Terrain derart vorbereitet, dass mein Fortkommen gesichert ist. Gebüsch überall, eigentlich kein Durchkommen, aber die Paarhufer haben winzige Schneisen geschlagen. Das kenn ich: Etwas, was so nah scheint, will einfach nicht näher kommen. Gerade in den Bergen. Dann, kurz vor dem Ziel, zieht sich quer über die Seite des Hügels ein ungefähr zehn Meter breiter Streifen Dornengestrüpp. Auch hier waren die Kühe fleißig. Wie dick ist wohl Kuhhaut, frage ich mich, wenn der Mensch sagt, das gehe auf keine Kuhhaut, und meint, dass das Maß des Zumutbaren überschritten sei? Sehr dick. Einen Schritt mache ich hinein, in die kleine Schneise, dann ziehe ich meinen Fuß zurück. Der Mensch ist so ein erbärmlicher Dünnhäuter. Aber es gibt keine Probleme, nur Lösungen, wie meine Mitbewohnerin immer zu sagen pflegt. Ich will, will hinüber, ausblicken. Vielleicht geht’s, wenn ich unter dem Drahtzaun durchrobbe und es dann von der höher gelegenen Wiese aus versuche. Es geht. Ich komme durch und sitze bald auf dem Größten der Steine, rauche eine Zigarette und habe meine ganz eigene Bellevue erreicht.
Ein Tag zuvor. Wir schlängeln uns mit la voiture durch Serpentinen, zum See soll es gehen, Villefort. Micha sagt, ihm sei speiübel, er halte das nicht aus. Mir ist ein bisschen langweilig, für mich gibt es Schöneres im Leben, als meine ganze Aufmerksamkeit der nächsten Kurve und dem Wahnsinnigen, der dahinter vielleicht auf uns lauert, zu widmen. Vielleicht war ich deshalb gestern so müde. Über Stunden gehaltene Konzentration. Nix für mich. Aber zwischendurch gabs auch Stopps. Erster Stopp Villefort. Als wir das Ortseingangsschild im Heckfenster sehen, fängt es an zu schiffen. Aber so was von. Wir fahren auf und ab. Zum See wär blöd, die angepeilte Aussicht anfahren wohl auch. Also auf und ab fahren und denken. Wir können ja eine Kleinigkeit essen, meint Micha. Wir kehren ein im „Le National“. Mittagszeit. Ein Plat du jour und ein Omelette des cèpes, letzteres mein Überraschungsgericht. Ich habe keine Ahnung, was cèpes sind. Das Omelette hat die Gastfreundlichkeit der Pfanne etwas überschätzt, nun sind beide schwarz geworden. Die Füllung schmeckt nach Pilzen. Die, die zu lange im Einmachwasser gelegen haben, sprich, die aus dem Glas. Aha. Cèpes. Als ich den Kellner frage, meint er, cèpe, dies sei ein Champignon. Nun gut. Aber der Preis? Als wir das Lokal verlassen, sehe ich beim Metzger nebenan in kleinen Tüten verpackt das, was cèpes eigentlich meint: Steinpilze. Aha. Daher rührte der Preis, nicht der Geschmack. Ich mag Villefort nicht, Micha auch nicht. Unsere letzte Etappe, nach schätzungsweise 367.235 Kurven ist der Ort Thines. Ein Kloster gabs mal dort, eine romanische Kirche sieht man. Ein netter Ort, der einen wundervollen Blick auf das Tal der Thine freigibt. Wir laufen ein paar Schritte durch den Ort. Da gibt es ganz oben ein Haus, an dem ein Schild steht, dass alles, was verkauf würde, den herrenlosen Katzen des Ortes zugute komme. Eine Trödlerin. Die Katzen profitieren bereits, ziehen schmatzend, aber in ausreichend Distanz zum Touristen ums Haus. Wir kehren wieder um und dann ein im einzigen Lokal des Dorfes. Drei Tische, sechs Stühle, etwas kitschige Deko. George Michael schallt in die Gasse. Ich gucke in die Tür, von der ich fälschlicherweise denke, sie führe in die Gaststube. Da ist nur eine Treppe nach oben. „Bitte die Klingel schlagen.“, steht auf einem Schild. Ich lasse den Klöppel schwingen. Schwups, geht über uns ein Fenster auf: „Ja, was kann ich für Sie tun?“ Aus dem Fenster, unter dem die Regenbogenfahne hängt, lugt ein kurzgeschorener blonder Frauenkopf. Wir drei, ich Micha und die Lesbe einigen uns auf „Fondant au chocolat“. Sie bringt es uns sogar an den Tisch. Die Sprühsahne an der Seite ist mit bunten Zuckerstreusseln dekoriert. Das Fondant ist gewaltig. In meiner Sprache ist das ein Super-Brownie. Kurz darauf geht das Fenster wieder auf, unsere Wirtin setzt zu der Frage an, ob es denn schmecke, stutzt kurz und kommt beim Anblick unserer leeren Teller dann zu dem Schluss, dass es bei diesem Verzehrtempo wohl geschmeckt habe. Ein bisschen neidisch wirkt sie, weil sie immer wieder die Backen aufpflustert, um zu veranschaulichen, wie sehr es so ein Fondant in sich habe. Kann sie wohl nur backen, nicht essen. Das mit dem Backen-Pflustern wiederholt sie noch ein paar Mal, als sie zu uns in die Gasse tritt, um neben uns stehend eine Zigarette zu rauchen, und ein wenig in uns zu horchen. Woher wir denn seien, wo wir wohnen würden. Ah, Deutsche, vacances, bei Geert dem Flamen. Aber so erfahren auch wir ein bisschen was über den Ort. Acht Leute seien sie hier in Thines, sie, Geraldine sei das ganze Jahr hier. Die Katzenfrau, jaja, die verkaufe Antiquarisches, um die Katzen zu ernähren. Gerne hätte ich noch die anderen sechs kennengelernt. Wenn die auch so sind, denke ich, wie ihre zwei Dorfgenossinnen, dann ist das wohl ein ziemlich irrer kleiner Haufen. Uns zwei eingerechnet beträgt der Homosexuellen-Anteil im Moment 30 Prozent. Wow. Europas schwulstes Dorf. Ja, Thines gefällt uns beiden. Als ich Madame um die Rechnung bitte – l’addition, direkt übersetzt: die Addition – da pflustert sie auf ein Neues die Backen und meint: Ah ja, nun drei und drei, das mache dann wohl sechs. Netter Humor, den sie da hat, unsere Lesbe im Exil. À la prochaine sagen wir, wir wollen wiederkommen.

Donnerstag, es tut weh, zu denken, zu denken, dass am Ende dieses Tages schon Halbzeit ist. Wir wandern. Immer mal wieder falsch, aber wir wandern, nach den gelb-weißen Markierungen Ausschau haltend. An einer Weggabelung die Karte konsultierend, hält ein alter Mann in seinem Renault-Kastenwagen neben uns. Er gibt uns Wegbeschreibung, wie nett. Rührend kümmert er sich um die leicht orientierungslosen Touristen. Runter sollen wir, an die Drobie, da sei eine Brücke, die bringe uns auf die andere Seite, der Weg nach Sablières führe uns drüben oberhalb des roten Daches entlang. Er wisse aber nicht, ob der Weg jenseits der Brücke „propre“ sei. Nun, wir brauchen keinen sauberen Weg. Bon journée, oder wie man hier sagt, Buon Giornée, ganz guttural, alle Konsonanten verschluckend, versteht sich. Als wir nach ein paar weiteren Weg-Irrungen in Sablières am Kircheportal stehen, springt eine kleine alte Frau aus ihrem Terrassenstuhl und will den Schlüssel holen gehen. Zu viel der Mühe, sage ich und wir gehen weiter. Ich meine, sie enttäuscht zu haben. So viele Touristen kommen hier wohl nicht vorbei. Und dann ein Geert: Mitten auf dem Hauptplatz vor der Mairie. Nein, bei näherem Hinsehen handelt es sich um einen Willeem. Der wohnt hier mit seiner Frau und hat der Gemeinde seiner Liebe eine Holz-Skulptur gewidmet. Bald treffen wir auch auf sein Haus. Er ist sculpteur und paintre, sie ecrivain und decoratrice. Künstler über Künstler. Was machen wohl all die Flamen hier? Ein Bier, wär’ schön. Viele, viele Schilder führen uns zu einem Bar-Restaurant. Grunge-Musik wabert uns entgegen. Wir betreten die Gaststube, in der auf Tafeln für kaltes Bier geworben wird, ein paar Gläser mit der obligatorischen Crème de Chataignes – ich kenne es als Crème de Marons - sind auf einem Tisch aufgetürmt. Nein, sie verkaufe kein Bier, wir können ja an den Brunnen gehen, ein wenig Wasser schöpfen, scherzt sie. So setzen wir uns an den Beton-Brunnen Jahrgang ´33, rauchen eine Zigarette und schlürfen unser Mitgebrachtes, Source Faustine. Mönsch, selbst Aldi-Wasser klingt hier toll. Zurück geht es diesmal über die Wanderwege, nicht wieder die halbe Strecke über Straße, nur, weil wir die gelb-weiße Markierung nicht finden und kein alter Mann uns den Weg weist. Schön, durchs Unterholz zu laufen, immer bergan über die mit Granit ausgelegten alten Maultierpfade, Kastanien überall, vorbei an den Boules de Gargantua, riesigen runden Granitkugeln, die der Mär nach von Riesen hier liegengelassen wurden, nachdem sie eine Partie Boule gespielt hatten. Unser Haus „le gite Magnanerie“ – das Nachtlager zur Seidenspinnerei - ist nah und ich höre die Flasche Küsterbier von Aldi ganz laut nach mir rufen. Ankommen kann schön sein. Chips de l’ancienne (Chips von Damals), Noix de Cajou (Cashewnüsse) und das Küsterbier füllen den Magen bis unsere heiße Lauch-Oliven-Schafskäse-Quiche aus dem Ofen kommt. Fronkreisch, Fronkreisch, was schmeckst du gut.

Am nächsten Tag machen wir uns auf, den alten Pilgerweg nach Thines zu begehen. Oben von „Peyre“, der Maultier-Station aus. „Peyre“ steht für „la pierre“, für den Stein, mit dem die Tagesration der Maultiere aufgewogen wurde. Und Thines wurde im 12ten Jahrhundert von Benediktiner-Mönchen gegründet. Bis 1900 erreichte man das Dorf, das Kloster, die Kirche zu Unserer Lieben Frau nur über den Maultierpfad, den wir jetzt gehen. All das Material für die Bauten lief über diesen Pfad. Da hätt’ ich mir als Maultiertreiber wohl auch die Kante gegeben. „On plonge Thines littéralement dessus!“, meint unser Wanderführer. Man tauche wortwörtlich von oben nach Thines herab. Stimmt.

Von oben sieht Thines noch viel pittoresquer aus, malerisch, wie es sich da an die Berg-Zunge schmiegt. Und da sind wir wieder bei Geraldine. Micha möchte heute den Fondant au Chocolat und die Gauffre à la Crème de Chataignes. Als sie uns das Gewünschte bringt, sagt sie, voilà, das Fondant für Sie und das Fondant UND die Waffel für den Gourmand. Lustisch, die Lesbe. Ihr gefällt das auch. Das Wort Gourmand fällt noch einmal. Ich kläre Michael auf, dass Gourmand mitnichten für den Besser-Esser sondern vielmehr für den Viel-Fresser steht. Vier Kater habe sie und eine Hündin. Ich frage nach der Hündin, eine der Katzen labt sich gerade an der Deko-Sprühsahne meines Fondants. Geraldine meint, sie, die Hündin sei im Haus, ob sie sie holen solle. Na klar. Da ist sie, Sam, Charme-Bolzin auf vier weichen Pfoten, den ganzen Namen kann ich nicht erinnern, benannt nach einem Ort in der Dominikanischen Republik. Sam ist durch und durch liebenswert, eine grau-weiße Promenadenmischung, die so lieb daherwedelt, dass man sie küssen möchte. Sie springt an uns hoch, dreht sich vor unseren Knien. Eine Schar Hippies kommt vorbei, mit ihren zwei Kindern. Das größere der beiden Mädchen springt zuerst auf die Katze, dann, als diese die Flucht ergreift, auf Sam zu. Sam stellt sich auf die Hinterbeine und schwups liegt die kleine Große auf dem Granitboden. Sam, doucement, immer langsam, meint die Wirtin. Aber das Mädchen scheint nicht beeindruckt, springt auf, umarmt Sam und bedeckt sie über und über mit Küssen.
Sam möge Kinder, sagt Geraldine. Irgendwie schließe ich aus der trockenen Art, wie sie das sagt, dass sie Kinder lieber von Weitem sieht. Aber Tiere scheint sie zu mögen. Der große, rote Kater heisse Rah, wie der ägyptische Sonnengott, R-A-H, buchstabiert sie mir. Eigentlich möchte ich nicht weg. Vier bildhübsche Kater, Sam, Geraldine, Super-Brownies, Waffeln mit Kastanienkreme, was will man mehr? Wir ziehen weiter, sie, Geraldine kommuniziert noch kurz mit einer Frauenstimme im Inneren des Hauses bevor sie uns den Einstieg in die Grande Randonnée Numéro 4 zeigt. Ist sie doch aus Liebe nach Thines gekommen, oder hat sie das Haus ihrer Mutter übernommen, des Lebens in der Großstadt-Szene überdrüssig… Fragen über Fragen. Au revoir. Gelogen. Das wird das zweite und das letzte Mal gewesen sein, dass wir Thines und damit unsere Bekannte besuchen. Aber: Wer weiß? Ich sehe sie noch ein letztes Mal, am nächsten Nachmittag, gleich beim Carrefourt (= REWE) in Les Vans. Ich und Micha kommen gerade von einer unbemannten Tankstelle, mein Körper ist nach dem Spiel mit der automatischen, französisch sprechenden Zapfsäule mit Blut und Wasser benetzt, der Tank endlich wieder voll, da sehe ich sie sitzen. Wir erkennen uns en passant, ich winke, sie winkt zurück, sie lächelt. Und da sitzt eine Frau bei ihr, mit dem Rücken zu mir. L’amour… L’amour?

Les Vans, Markttag. Ich habe nichts gegen Ökos und Hippies – dachte ich. Neben dem Üblichen – Baguettes, Bio-Brot in weiß, Kastanienkreme, Ziegenkäse, Honig, werden auch Räucherstäbchen, Batik-Bekleidung, Sandalen, Buddhas, Haschisch-Pfeifchen und allerlei exotischer Krimskrams feilgeboten, den sich meine Schwester vielleicht bestenfalls mit vierzehn um den Bauch gebunden oder in die Bude gestellt hätte, hätte sie in ihrer Pubertät eine derartige Neigung entwickelt. Die Hippies hier sind zu alt, zu alt für all den Quatsch. Ich finde, auch Ratten auf der Schulter gehören zu einem pubertierenden Mädchen, und vielleicht gar gleich in die 80ger, die junge Frau, die sie als Kettchen um den Hals trägt, geht auf die dreißig zu und wir befinden uns im Jahre 2011. Naja. Ich werde intolerant auf meine alten Tage. Das geht mir auf die Kastanien, aber gewaltig, dieses Getue hier, die flatternden Leinen- und Batik-Kleidchen, der Typ mit der roten Toga und nix drunter, die bekifften, betrunkenen, supercoolen ach-so-alternativen Vögel im Stammcafé der Esoterik-Liebhaber nebenan. Eine Hippie-Dichte hat das hier wie weiland nicht im Berlin der Hausbesetzer-Zeit. Ich und Micha linsen hinüber, von unserem schicken, aber ungemütlichen Besserverdiener-Imbiss. „Ah, ohlala, die Art und Weise wie ihr Freund da schreibt (Micha kritzelt Postkarten!), aaaah, das hat so etwas Außergewöhnliches, so etwas, das mich innerlich lachen macht, so viel Stil, Sie sind Engländer, sagen Sie gleich, ach, so viel Stil, die Art und Weise, wie ihre Sonnenbrille auf der Nase sitzt, sie müssen Engländer sein. Ja, an meinen guten Tagen spreche ich auch Englisch, sie verstehen mich doch, haha, NEIN!, wie er schreibt…“, flötet der Mann am Nebentisch in unsere Richtung. Die spinnen doch, die Gallier. Und wie man hört, nicht nur die Hippies. Ich versuche freundlich in seine Richtung zu lächeln, aber mein Lächeln ist bestenfalls gönnerhaft, wenn nicht komplett verzerrt. Raus hier.
Eine kleine Wanderung Richtung Naves. Ein wunderhübscher alter Steinweg an einem Flussbett entlang, links von uns Weingärten und Olivenhaine, vor uns Kirschbäume und immer im Blick, auf einem Hügel, das Örtchen Naves.
Und an diesem Punkt kommt wieder die Mär ins Spiel. Mär haben sie hier gern. Das Vom-hören-Sagen. Die Mär sagt, dass der Pater von Naves eine Höhle ausgebaut habe, um die vor den Katholiken fliehenden Protestanten zu verstecken. La Baume Bâtie. Die befestigte Höhle, übersetze ich frei. Belegt ist, dass geschnappte Protestanten auf genau dem Platz in Les Vans geköpft wurden, auf dem heute Haschisch-Pfeifchen verkloppt werden. Ihre Häupter wurden anschließend zur Abschreckung bis hinein in die Nachbardörfer getragen. Die spinnen, die Gallier… Die Grotte gibt es. Der Weg dorthin ist gelinde gesagt abwechslungsreich. Aber was tut man nicht alles, wenn einem so ein katholischer Pfaffe im Nacken sitzt, und es darauf anlegt, deinen aufgespießten Kopf durch die Dorfgassen zu tragen. Nun gut, wieder was gesehen.
Zurück in Les Vans suchen wir einen Tabak-Laden auf. Erst einmal wird mein zugegebenermaßen SEHR großes Feuerzeug von Inhaber und Inhaberin lange kopfschüttelnd in den Händen gedreht, dann lasse ich mir die Blättchen zeigen. Das letzte Mal erwischte ich in Joyeuse eine Packung Kifferblätchen, die so dünn und transparent waren, dass sie sich beim Drehen Backoblaten gleich, die mit Wasser in Berührung kommen, in den nervös-feucht-fummelnden Händen auflösten. Ich lasse mir Papier um Papier zeigen, schüttle den Kopf, bekomme weitere angereicht, „Trop fin, äh?“ („Zu dünn, was?“), kommentiert der Tabakier jedes Mal. Ich schüttle. „Vielleicht möchte der Herr ja ein Journal, um seine Zigaretten zu drehen, was?“ Ja, ein Journal wäre fein, wenn es mir damit gelänge, eine ordentliche Zigarette zu drehen. Sag ich nicht, finde ich ja auch wirklich witzig, seinen Kommentar. Ein Journal, haha. Das Feuerzeug will er mir, meine ich zu verstehen, für drei Euro abkaufen. Aber ich versteh ihn irgendwie nich. Äh?
Inzwischen ist Les Vans geräumt, die Buden, Touristenströme und Hippies verschwunden. Wir trinken noch einen Kimbo-Kaffee – Kimbo scheint in der Ardèche das Monopol zu haben – und essen ein Eis, artisanale, versteht sich, denn hier ist so ziemlich alles, was man sich nahrungstechnisch zuführen kann „artisanal“, handgemacht, oder „à l’ancienne“ (frei übersetzt: wie bei Oma), selbst die Chips bei Aldi. Und heute, le dimanche, ein letzter Tag, à l’ancien, wie bei Oma, ich gebe die Oma, backe Gâteau aux Cerises, Kirschkuchen, angle mir hie und da eine sonnenwarme Kirsche aus dem Sieb und mache alles artisanal. Nein, Rührgerät gibs hier nich. Die strapazierten Sehnen meiner Hand lassen auf ein gutes, mit Liebe und Krampf gemachtes Ergebnis hoffen. Und in der Tat, als wir uns den Kuchen in der heißen Nachmittagssonne zu Gemüte führen - die Crème fraiche, mit der ich ihn, noch warm, deckelte, hat sich zu einer glänzenden, mildsäuerlichen Schicht verwandelt - schmeckt er einfach total artisanal et à l’ancienne. Handgemacht und wie bei Oma. Hmmmmm…
In der Hängematte leicht schaukelnd lausche ich dem Treiben. Das Meckern der Ziegen, Blöken der Schafe ist am lautesten, Vögel zwitschern um die Wette, Zikaden zirpen und über all dem liegt ein leises, aber gut vernehmbares Summen, wie von abertausenden kleinen Flügeln. Bestäubt, befruchtet, verkündet den Sommer! Und ich, moi, je reste simplement l’écrivain, le pâtissier, la grande mère à l’ancienne, le decorateur…

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