Sterbensmüde

Ja, da kann man auch müde werden, soll man, darf man, soll ich, darf ich - sag ich mir! Des Sterbens müde.
Zwei Dienste habe ich noch vor mir. Und bisher ist das Unvermeidliche an mir vorbeigerauscht. Dankbar bin ich dafür. Das Unvermeidliche ist der Tod. Ja, es sind natürlich schon Menschen gestorben - sonst ginge es in diesem Hospiz nicht mit rechten Dingen zu -, aber irgendwie nie während ich im Dienst war, sondern immer davor oder danach. Ein Kerzlein brannte bei Dienstbeginn, das mir sagen sollte: Ja, es ist wieder ein Gast verschieden.
Aber: Es macht einen Unterschied ein Kerzlein simmern zu sehen, das nur sanft an die Allgegenwart des Todes in diesem Hause erinnert, oder bei Eintritt des Todes zur Seite zu stehen.
Dazu muss ich sagen, dass ich dieser Erfahrung bereits in meinem ersten Einsatz teilhaftig werden durfte. Eine alte Dame machte ihren letzten Schnapper, während ich an ihr die tägliche Grundpflege vollzog. Verwirrt war ich damals, der Tod war so nah und doch so fern, weil ich ihn irgendwie nicht so recht begreifen konnte, so oder so gleich weiter musste, den nächsten Leib im Nachbarzimmer zu waschen.
Als dort auch noch eine Patientin anfing, beim Auf-die-Seite-Rollen röchelnde Laute von sich zu geben, schwor ich mir, hier uns sogleich aus dem Fenster zu springen, sollte auch diese Dame entschieden haben, am selben Tage aus dem Leben zu scheiden. Sie schied nicht und dem Personal der Station 4.2 blieb es erspart einen Schüler von ihrem diakonischen Hof zu kratzen.
Nein, Grundpflege im Akkord ist schon schwer zu ertragen, aber Tod im Akkord, das hätte ich nicht verkraftet.

Zurück zum Thema: Zwei Nächte habe ich noch vor mir und rechne in meinem Kopf die Wahrscheinlichkeit aus, noch an einem Tod teilnehmen zu dürfen. Ja, zu dürfen. Zählt dies doch zu den elementaren Erfahrungen, die hier im Hospiz-Praktikum gemacht werden sollen - O-Ton Praxis-Anleiter. Er hat sicher Recht. Ganz sicher sogar, weil er ist ja Anleiter, weiß also um die Lerninhalte und Lernziele dieses Einsatzes besser Bescheid als ich.
In diesem Punkt will ich aber das Lernziel gar nicht erreichen. Danke, ich bleibe in diesem Punkt gerne hinter den Erwartungen zurück...
Nun, die Wahrscheinlichkeit sagte mir, nachdem ich innerlich die ein, zwei infrage kommenden Gäste Revue passieren ließ, dass diese mir angedachte Erfahrung wohl an mir vorüberschrappen würde.

Im Nachtdienst eins gehe ich mit Schwester Kerstin zur ersten Wende-Aktion (Man nennt es auch Lagern, welches sein muss, damit die Rückseiten der Bettlägerigen nicht allzu großen Schaden nehmen!) und siehe da, der Gast vor uns sieht irgendwie reichlich still aus.
Zu still um noch gewendet zu werden.
Gerne würden wir beiden jetzt einfach Frau O. von einer Seite auf die andere betten. Aber, wir sind uns einig, das tut hier nicht mehr Not.
Statdessen werden Strippen und Kabel gezogen, (aus dem Gast, weil - merke! -, der Angehörige möchte seinen Anverwandten ohne entstellende Kabellage in Erinnerung behalten!), Zimmer aufgeräumt, Blümchen gestellt, Kerzchen gezündet und telefoniert.
Ich funktioniere, sprich desinfiziere das Sauerstoff-Gerät vielleicht ein wenig zu gewissenhaft (gegen Gefühle anschrubbend), versuche schnell das Feld zu räumen, bevor die Angehörigen das Haus und damit ihre Wehklagen mein Aug und Ohr erreichen. Aber dem Schmerz der Tochter, des Sohnes, des Mannes entkomme ich nicht.
Soweit, so schlecht, denke ich mir.

Zweiter Nachtdienst.
Bis auf einen dauer-durchfälligen Gast (Klingel-Frequenz 12/h) keine Auffälligkeiten.
Dann gegen 5.00 Uhr morgens - meinen letzten Dienst habe ich innwendig schon zu den Akten gelegt - ein Stöhnen und Wimmern aus Zimmer 10. Schmerzen im Unterbauch, schwere Atmung. Schwups wird Buscopan, Allheilmittel gegen Krämpfe jeglicher Art, unter die Haut gespritzt - die Atemnot bleibt. Dann erbricht die Gästin Kot. Der wird teilinhaliert, versackt irgendwo in der Luftröhre, brodelt dort vor sich hin. Die arme MenschIn vor mir ist nicht mehr imstande aufzuhusten, ihre Lungen, ihre Atemmuskulatur kommen gegen diesen Widerstand nicht mehr an.
Und ich stehe dabei, blöde, saudumm, ein Arsch mit Herz zum Fühlen ohne irgendwelche Fähig- oder Fertigkeiten zu helfen. Schwester Kerstin telefoniert mit Arzt, um noch ein wenig Beruhigendes hinterherspritzen zu dürfen. Dormicum, um... ich weiß es nicht. Ich bitte nur inständig, es möge helfen, dieser MenschIn helfen, wieder atmen zu können. Tut es natürlich nicht.
Schwester Kerstin hält die rechte, ich die linke Hand.
Wer bin ich denn, einer Sterbenden die Hand halten zu wollen, die mich bis gestern nie in ihrem Leben gesehen hat?
Immer wieder bäumt sie sich auf, brabbelt irgendwas, was nach "Schmerzen" klingt. Zieht die Hände aus den Unseren. Ich deute das als Ablehnung, ziehe meine Hand zurück, stehe nun nur noch da und gucke blöde leer, beide Hände auf das Bettgitter gestützt, einem fremden Menschen beim Sterben zu. Ich frage mich, wie lange ein Mensch wohl braucht um an seiner eigenen Scheiße zu ersticken.
Jetzt kommt mir nicht wieder mit den Begrifflichkeiten. Koterbrechen ist lateinisch "miserere" und wenn das in die Luftröhre gerät nennt man das Aspiration, ja.
Aber wer könnte angesichts dieses Todes so spitzfindig sein, IST ES DOCH, was es ist: Ein Mensch erstickt an seiner eigenen Scheiße und ich kann nichts dagegen tun außer Da-Sein. Ein absoluter Alptraum.
Er endet leider nicht.
Soll meinen, ich werde abgerufen, noch bevor Frau S. ihren letzten Atemzug tut.
Während sie endlich stirbt, bin ich damit beschäftigt, die Frühstücksbestellung eines anderen Gastes entgegenzunehmen: Haring (soll heißen: Hering!), heißes Wasser, ein Viereinhalb-Minuten-Ei, Brot mit Butter und So-dick-Käse (Gast deutet einen halben Finger breit). Willkommen im Wahnsinn!
Ich konnte den Moment nicht miterleben, wo der Kampf endlich zu Ende war, die Gesichtszüge sich von verkrampft-schmerzvoll-ängtlich zu absoluter, letzter Entspannung glätteten. Ich durfte nicht dabei sein, als der Körper von Frau S. hinüberging und sie auf einmal aller Sorgen frei wurde. Wegen So-dick-Käse.
So bleibt in mir jetzt dieses Bild des unglaublichen, weil schmerzhaften, ausweglosen Todes stehen.
Eines meine ich gelernt zu haben: Dass es in der Hospizarbeit vor allem Dingen darum geht, den Betroffenen ihren Schmerz zu nehmen. Mittels Morphin und seiner Schwestern. Dass das Leben selbst an dieser Stelle unberechenbar bleibt, ist eine Erfahrung, die weh tut.
In Zukunft lasse ich das mit den Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Statistik geht am Leben vorbei, oder das Leben einfach an ihr. Zwei Nächte, zwei Tote, das ist meine Realität.

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