Le Cahors - Schwestern privat
Ich darf mich hier auch mal wieder zu Wort melden.
Alex' Label: „Schwestern schafft!“ wird hier und jetzt zu "Schwestern privat" erhöht.
Wo man doch den Großteil seiner Schwesternzeit darauf verwendet, Kurven zu malen, Arbeitseinheiten abzuhaken, Ein- und Ausfuhrpläne zu beschriften, den Akten-Wust von Zugängen und Entlassungen zu bewältigen oder sich mit weiteren sphärischen Dingen den Kopf und die Finger zu martern, kam mir der Gedanke, in meinem Frei einer meiner Patientinnen als Mensch mit Zeit für Menschen zu begegnen. Ich in Zivil sozusagen. Der Urlaub war angebrochen, und ich war im Rahmen unserer Abschlussveranstaltung gezwungen, mich noch einmal auf das Krankenhausgelände zu begeben. Kaffee mit Frau S., sagte ich mir, das wäre doch nett!
Kurz nach der etwas zähen Veranstaltung sprengte ich die Stufen hoch zu Station 2C und klopfte vorsichtig an Zimmer 49. Dort wurde ich mit den Worten:
„Ich dachte, sie hätten mich aufgegeben, wo sie sich doch gar nicht verabschiedet haben!“, begrüßt.
So war ich gezwungen, mich erst einmal zur Wand zu drehen, um mir verstohlen den Tränenkanal auszustreichen.
"Iwo, nix da", tönte ich, "sie werden doch so einen kleinen Infekt durchstehen. Das wäre doch gelacht, wenn Sie sich von so ein paar Bakterien unterkriegen lassen würden."
Fast hätte ich mich schon wieder zur Wand gedreht, wo doch der Krankenhausalltag mein Tönen Lügen strafte.
Als "Nosokomial-Infekt" umschreibt es der Mediziner, wenn Patienten sich im Bette des Krankenhauses Erreger einfangen, die den ein oder anderen zur Strecke bringen. Unten in der Pathologie ist ein kühles Viererzimmer reserviert, das der- oder diejenige dann mit ein paar anderen Keim-Opfern teilen darf. Ein ruhiges Zimmer, das schon. Ja, ich muss zugeben, die Kollegen hatten schon die ein oder andere Bemerkung fallen lassen, die Frau S.' Zukunft als eine ziemlich Kühle skizzierte.
Es war Freitag, noch am Mittwoch hatte ich es geschafft, die Dame zum Kaffee an den Tisch zu setzen. Nun lag sie hier vor mir, konnte kaum artikulieren und hatte die Augen mehr halb zu als halb offen. Ich war enttäuscht. Noch vor zwei Tagen wiesen alle Zeichen in Richtung Besserung. Hier lag sie nun vor mir, zahnlos, atemlos und fast bewegungsunfähig. Ich reichte erst einmal Wasser und Zähne an und das Kommunikationstempo steigerte sich langsam von schleppend zu mäßig.
Ich wirbelte, die Unpässlichkeit meiner Bekannten überspielend, als lustiger Tischlein-deck-dich-Derwisch durch das Zimmer und richtete die Kaffee-Tafel. Innerlich zerriss mein Schwestern-Herz. Wie war es möglich, dass sich der Gesundheitszustand dieser, meiner lieben alte Dame in den zwei Tagen meiner Abwesenheit derart verschlechterte?
Frau S. hingegen hatte an meinem Spiel gefallen gefunden und richtete sich tapfer in Ihren Kissen auf, um mich auf die Plastikschale mit türkischem Gebäck aufmerksam zu machen. In einer wiederverschließbaren Plastikbox mit eingestanzten kleinen Herzen lagen Blätterteighäppchen in Konfekt-Größe - diese sirup-triefenden, pistazienverklebten türkischen Schweinereien. Ich öffnete die Schachtel, griff auf Frau S.' Wink beherzt zu, und machte mich bereit, Konversation zu halten. Mit Entsetzen sah ich, wie nun auch ihre Hände in Richtung Blätterteig wanderten. Sie wollte sich doch tatsächlich an den trockenen Blätterteig-Brocken ersticken. Ich überlegte schon, wo ich auf dieser Station zuletzt das Intubationsbesteck gesichtet hatte. Selbst mir blieb der ausländische Schlunz ja fast im Halse stecken.
Der Sirup war trotz Plastikbox so gut wie verdunstet. Was blieb, war Blättaataaaaaaiiiig. Und den wollte nun dieselbe Dame, die noch vor zwei Tagen bei jedem Schluck Wasser einen schieren Erstickungsanfall bekommen hatte, hinunterwürgen, um mich nicht alleine essen zu lassen.
Mutig kaute sie. Jede müde Mahlbewegung ihres Kiefers trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Sie bereitete sich auf den Schluckakt vor und...
Sie schluckte. Spülte langsam einen Mund voll Kaffee nach und redete bei all diesem Aktionismus reichlich unbeeindruckt weiter. Langsam, aber eben doch.
Im Laufe der nächsten Sätze durfte ich dann erfahren, dass Frau S. an jenem Morgen zur Endoskopie gewesen war. Man habe ausschließen wollen, dass sie innerlich blute. Für das Procedere hatte man sie natürlich mit Anästhesie-Mittelchen betäubt. Innerlich dankte ich dem Schöpfer, dass Frau S. geruhte, mir dieses kleine nicht ganz unwichtige Detail mitzuteilen. Auf Droge war Sie noch, die Gute!
Ich konnte mich endlich entspannen. Ein wunderbarer Nachmittag nahm seinen Anfang.
Frau S. erzählte mir, dass sie im Berlin der 30ger-Jahre tanzte, Modernen Tanz, dass sie ursprünglich hatte Tanz studieren wollen, bei Gret Palucca in Dresden. Erzählte mir von der Szene, damals in Berlin. Von den vielen Künstlern, die ihr begegneten. Hitler wurde kurz genannt, als Großverhinderer jeglicher Kunst, die nicht auf seinem Masterplan stand. Kurz umschrieb sie still trauernd die Deportation von homosexuellen und jüdischen Kollegen. Kurz, sie lies mich teilhaben an einer Zeit, an Figuren, die ich nur aus den Büchern oder vom Hörensagen kannte. Sentimental war sie dabei nicht einen Wimpernschlag lang.
Von dieser Zeit ihres Lebens kam sie zum Haus ihres Sohnes in Frankreich, das sie zur Hälfte geerbt hatte. So erfuhr ich, fast nebenbei, dass ihr Sohn vor ein paar Jahren verstorben war. Beim Tode ihres Sohnes hielt sie sich nicht lange auf, stattdessen schilderte sie mir den atemberaubenden Blick von der Schwelle dieses Hauses als "Alles meins, soweit ich blicken kann. 2000 Hektar Land." Sie wusste von der Generationen übergreifenden Frankophilie Ihrer Familie zu berichten, von Ihrer Schule in Berlin, wo sie schon ab der vierten Klasse Französischunterricht erhielt.
Sie bat mich, die Flasche Wein heranzuholen, die sie aufgrund Ihres Infektes schon seit über einer Woche keines Blickes mehr gewürdigt hatte. Ein Wein, wie sie sagte, aus der Region in der Dordogne, wo auch ihr Haus stehe. Zusammen tranken wir diesen Rotwein, der, wohl mehr ob ihrer liebevollen Landschaftsschilderungen, denn dank seiner Substanz, ein Genuss war. Gemütlich war es, dort auf Zimmer 49.
Es gab noch so einiges mehr an Gesprächsstoff. Er ging uns nicht aus. Nach dreieinhalb Stunden wurde unser gemeinsamer Nachmittag durch den Besuch Ihrer Freundin beendet.

Kommentare