Pippi-Pott-Stauschlange & Co.
So, dette war’s denn, oder?
Frühdienst, ooch der Hechel-dich-tot-und-leg-dich-nach-Arbeit-flach-Dienst jenannt, war ziemlich ... nu, sajen wa mal, anspruchsvoll.
Müsste man noch ma kuaz det Wörtschen "anspruchsvoll" definieren. Also. Anspruchsvoll meent: Det jeht in die Beene, uffs Jemüt und in die Jahre. Letzteret soll heißen, det so een Frühdienst eenen mindestens eenen janzen Monat Lebenszeit kostet. Rechnen kannste selba, oder? Uff jeden Fall sind die Enerjiereserven bald verbroocht, wenn de dir ville Frühdienste anlachst. Aber wer tut det schon freiwillich. Nur PflejerInnen mit nem Super-Knall-Syndrom. Essig mit "Duracell, det läuft und läuft und läuft..." Vier Frühdienste - im Monat - und du krebst uff deinem Daumen. Sechs Frühdienste und du krebst uff deene Einjeweide. Haste mehr Frühdienste, haste Pech jehabt.
Und ick will hier noch ma betonen, det wir Schüler uff Schülerstation nur die Hälfte an Patienten haben, wie so ne echte examinierte Pflejekraft. Und trotzdem Zahnfleisch, guckst du! Aber Holla die Waldfee!
Ne examinierte Kollejin beschrieb det jestern so: "Frühdienst is Luft holen, rinn ins Wasser und gejen 14.30 wieder uffjetaucht." Haste um 6.00 Uhr früh nich jenug Luft jeholt, musste zwischendurch an den Sauerstoff. Oder Wiederbelebung. Also schön Luft holen vor die Frühdiensterei!
Soviel zum frühen Dienst.
Folgt die Beschreibung von nem Nachtdienst.
Det jeht so. Zimmer uff, Pippi-Pott unter Frau oder Mann geklemmt, Zimmer zu, uff Klingel warten, Pippi-Pott weg. Po frisch jepämpert, weiter zum nächsten Pippi-Pott-Aspiranten.
Wenn de Pech hast. Wenn de Glück hast, kannste dich den größten Teil der Nacht uff det Medikamente-Stellen konzentrieren. Tolle, konzentrations-resorbierende Arbeit. Haste ca. 22 so Schieber mit Morjens-Mittags-Abends-Nachts-Jedöns vor dir und die darfste füllen. Jede Nacht wieder. Wie 'n Adventskalender. Jeder Schieber hat also vier Löcher, die de mit allerlei bunten Leckerlies zutürmen darfst.
Frage: Hast du schon mal um 3.00 Uhr nachts ca. 200 bunte Pillen in verschiedene Plastikschieber jeordnet. Betonung liegt uff jeordnet.
Wenn de dich nicht konzentrierst – wie jesacht 3.00 Uhr nachts, zumindest bei mir sowat wie der Konzentrationsgipfel im Tagesablauf – kriejen die Herzkranken am nächsten Tag wat jegen schlechte Stimmung und die Depressiven wat zum Blutdruck-Senken.
Ooch fein. Eijentlich ejal, oder? Der Blutdruck kann im Alter immer noch een wenich nach unten und die Stimmung immer noch een wenich nach oben.
Fällt mir jerade so ein. Hätt ick mir jar nich so anstrengen brochen.
Aber weeter im Text. Haste also so an die 200 Pillchen ausjedrückt – inzwischen ca. 4 Uhr morgens – haste schon mal viel Jutes jetan. Die Pippi-Potts stauen sich allmählich vor den Spülen. Die nächtliche Pippi-Rate is eben höher als die Desinfektionsleistung unserer Spülmaschinen. Jetzt fragst du dich sicher: Warum müssen die denn nachts alle det letzte Quäntchen Nass aus ihrer Blase quetschen?
Pass uff: Die kriejen tachs immer so Medikamente, damit se nachts schön laufen müssen. Und denn laufen se und laufen se und laufen se. Aus. Wasser marsch, sozusajen uff ärztliche Anordnung. Nett von die Ärzte, oder? Nennt sich janz fein "Diuretika". Inzwischen türmste Pippi-Pott Nummer 116 uff den Stapel vor den Spülen.
Und denn – und da darfste jetz echt nicht lachen – jibt es ooch nachts natürlich die Notfälle. Die Klingel brüllt und du läufst dir die Hacken in den Arsch, damit dir Frau XYZ zuflöten kann: „Können se meen Kopfteil bitte eene Stufe tiefer stellen, aber bitte nur eene Stufe!“. Ja, die Notfälle. Ooch nachts sind die Menschen in Not.
Ja, und denn kurz vor knapp kommt meen persönlichet Haileit: Tabletten deines Jejenübers kontrollieren! Spitze. Kurz vor 5.00 Uhr, die ersten U-Bahnen fahren gleich wieder und ick darf meen bisschen verbliebenen Grips noch mal so richtig zusammenraffen.
Spätestens da fühle ick mir wie uff Planet Pille. Die Medikamente kreisen wie kleene Asteroiden um det Zentrum meenet Jehirnet – oder um das, was da am Vorabend noch war. Kreisen, kreisen, ick sehe nur noch Alu-Folie, die ick ausdrücke und viele, viele bunte, längliche, runde, eckige Tabletten. Det is denn also die Endkontrolle. Ick hoffe inständig, det meen Jejenüber beim Stellen noch nich so viel Matsch in die Birne hatte wie icke jetz.
Denn wird noch Kaffee fürs Patienten-Frühstück uffjesetzt, Kaffee für die Kollejen, alle Oberflächen eenmal mit Sprüh-Desinfizienz abjerieben, der Pott-Stau vor den Spülen abjearbeitet und huuuups is et schon 6 Uhr früh, Zeit für die Übergabe.
Ja, kurz vor sechs - det hab ick wohl verjessen - darfste noch die Kurven schreiben. Machste x Häkchen hinter „Pippi-Pott wegbringen“ - zu Deutsch „Unterstützung bei der Blasen-Entleerung“, schreibst in leichten Varianten 22-mal den Satz „Pat. (= Patient) schlief bei den Durchgängen; verlangte 4-mal nach dem Steckbecken.“ und übergibst dich dann endlich.
Aber so een Spätdienst kann wirklich nett sein.
Heute hab ick jekuschelt mit meene Patienten, ick sach's dir. Da konnte ick noch mal so richtig nach Herzenslust Schwester Mutti sein. Aller Sorjen hab ick mir noch mal anjenommen. Ick habe Hämorhoiden-Salbe IN die Pos, Wundsalbe UFF die Pos, Anti-Pilz-Salbe uff die Muschis, Wasser-in-Öl-Emulsion uff Beene, Arme, Rumpf, Freier-Atem-Salbe uff Brustkörbe, kühlet Esemtan-Jel uff die Rücken jeschmiert, Stützstrümpfe ausjezogen, Kompressen in alle Körperhöhlen jeschoben, damit et nachts nich so scheuert, Augen betropft, Gaumen mit kleenen Tupfern und Kamillen-Tee abjerieben, Jebisse jebürstet und einjelegt, kurzum det janze Programm abjespult, damit meene lieben Damen uff 'ne ruhige Pippi-Pott-Nacht einjetaktet waren. Mögen sie alle nun selig pinkeln!
Ick werd se vermissen, meene Alten. Und ick hoffe, sie mich ooch.
Die Vorstellung, sowat wie diese Station - mit dem doppelten Pensum an Patienten - sei meene Zukunft macht mir allerdings een wenig zu schaffen. Hab ick doch gleich noch een paar Valium jemopst, und een paar Antidepressiva dazu. Und nich zu verjessen, noch een paar Blutdruck senkende Mittelchen. Man kann ja nie wissen. Guckst du!
Schön wars, mach et jut, Schülerstation!!!
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