Big Likeng

Im Paradies. Im grossen "Li Keng". Es gibt auch noch ein kleines hier.
Ich lebe bei einer Gastfamilie. Mein Motoradfahrer, inzwischen weiss ich seinen Namen - gesprochen etwa "schan chsiaechsi" - hat natuerlich Familie. Und da bin ich. Familie vermietet kleine Verschlaege mit Betten, die eher so etwas wie Pritschen sind. Sehen aus wie Betten, aber die Matratzen bestehen lediglich aus ein paar Lagen Baumwolle. Ich schlafe gut, ich der ich sonst eher die Prinzessin auf der Erbse bin, wenn es um die Wahl meiner Schlafgelegenheit geht. Es gibt ein Klo, dass gleichzeitig die Dusche ist. Fuers ganze Haus, versteht sich.

Abends esse ich zwischen den Familienangehoerigen. Schan Chsiaechsis Bruder hat eine Frau (Alter?) und ein Kind im Alter von fuenf. Ausserdem leben da noch die Elternpaare der Verheirateten. Und mein Liebling, der Hund "Schau Hey". Ein Schatz. Gestern habe ich ihm Fleisch vom Metzger mitgebracht. Ein Schmusetier, ein Feiner, ein Lieber.
Die Mutter mag ich nicht besonders. Meine Antipathien scheinen auch bei mir unbekannten Ethnien zu greifen. Klein, rundes Gesicht, runder Koerper, oft laut und schrill keifend. Schreiend, waere treffender.
Ihr Kleiner ist dafür ein Schatz.

Gestern konnte ich Zeuge einer nicht ganz so schoenen Begebenheit werden. Der Kleine - wie gesagt fuenf Lenze - musste nach dem Abendessen noch chinesische Schriftzeichen ueben. Irgendwann wurde es ihm zu viel. Mama insistierte mit lautem Geschrei. Der Kleine fing an zu weinen, was sonst. Es war halb neun. Und Bettgehzeit fuer ihn ist 9 Uhr, wie ich herausfinden konnte. Mit ein paar - wenn auch nicht heftigen - Schlaegen wurde er wieder dahin zurueckgebracht, wo er eigentlich gar nicht mehr sein wollte: Vor sein Heft. Und er schrieb. Vielleicht ist dies die einzige Moeglichkeit in einem Menschenleben 3000 Schriftzeichen ("hannzi", in etwa"chandsö") zu lernen. Ich war betruebt und habe wie so oft versucht, die Situation durch beruhigendes Zureden zu entspannen, zu vermitteln. Der Diplomat auf verlorenem Posten.
Papa drohte am Hoehepunkt des kindlichen Widerstandes mit seinem Spazierstock.
Waere es nicht nur bei der Drohung geblieben, haette ich mich von meiner Familie verabschieden muessen. Gott sei Dank hatte der kleine staerkere Nerven als ich und machte sich wieder an die Arbeit.
Ja, das Leben auf dem Land ist mitunter hart, auch wenn sich dies Leben in den Augen eines Fremden im Paradies abspielt.

Die Haeuser, die Landschaft, zum Verlieben. Die Menschen auch.
Meine Familie ist maechtig stolz darauf, mich zu Gast zu haben. Was sie natuerlich nicht daran hindert, mir betraechtliche Summen für die Unterkunft abzuknoepfen.
Gut so, ich bin der Reiche. Zumindest in ihren Augen. Auch die Dorfbewohner sind stolz, einen Fremden wie mich hier zu haben. Keine auslaendische Menschenseele hier. Dafuer Chinesen ueber Chinesen.
In China gilt dieser Landstrich mit seinen pittoresquen Doerfern als ein lohnendes Ausflugsziel.
Wunderschoen anzusehen ist, dass hier in jedem Dorf Hundertschaften von Malern sitzen, auf Inselchen, Bruecken, an Haeuserwaende gelehnt, am Fluss... Sie tuschen, oelen, kohlen. Mal sehr talentiert, mal einfach nur so. Alle sind sie unterwegs mit ihren kleinen Staffelei-Stativen.

Die Landschaft rundherum laesst vieles wachsen. Gestern habe ich die ersten Teebuesche meines Leben gesehen. Ich war hin und weg.
Aber meine groesste Liebe gilt dem Bambus. Diese Baeume sehen so zerbrechlich aus, wie sie sich feingliedrig in schwindelerregende Hoehen ranken. Ein einziger duenner Stamm mit Blattwerk. Aber: Ein Stamm von unbeschreiblicher Kraft. Was aussieht wie eine Stange mit Federn, die beim leisesten Windhauch umfaellt, laesst sich nicht schuetteln, nicht bewegen, auch nicht mit meiner ganzen Kraft. Und wenn der Wind durch die Bambusblaetter streicht, bewegt sich das Blatwerk wie Wolkenformationen. Nicht wie die Blaetter eines gewoehnlichen Baumes, die alle in dieselbe Richtung wehen. Das Blattwerk rauscht in verschiedenen Wellen, gegeneinander, verschiedenste Formationen bildend. Schaut man einen einzigen dieser Staemme im Wind, hat man das Gefuehl einen ganzen Wolkenhimmel zu betrachten.
Und das glatte Gruen des Stammes. Unbeschreiblich. Ich moechte diese Baeume immerzu umarmen. Ich glaube, es gibt keine vollkommenere Pflanze. Zumindest keine, die bei solch filligranem Bau so kraeftig und widerstandsfaehig ist.
Dann natuerlich die Reisfelder, die gerade geerntet und gerodet wurden. Schon zeigen sich wieder die ersten feinen gruenen Triebe. Und die vielen kleinen Nutzgaerten mit ihren Zucchini, Auberginen, dem Pak-Choi, dem Kohl, den Suesskartoffeln... Ein Paradies.

Gestern wurde ich vom kleinen Bruder ("kleiner Bruder" heisst hier "didi", in diesem Fall 32 Jahre alt) Schan Chsiaechsis mit dem Motorrad zu einem Gebirgsbach entfuehrt, der sich ueber viele kleine Wasserfaelle ins Tal ergiesst. Er nutzte die Gelegenheit, um auf Vogeljagd zu gehen. Schmeckte mir natuerlich nicht.
Der Vegetarier unterwegs mit einem Wilderer. Aber hier gelten selbst fuer mich andere Normen.
Ich behalte die meinen. Sollen sie ihre haben.
Der Wildtoeter - das Schiessgeraet - war graesslich anzuschauen. Ein Riesending, schon leicht rostig. Und ich durfte die Mordwaffe, nachdem "didi" einen kleinen Vogel geschrotet hatte, auch noch auf meinem Schoss zuruecktransportieren.
Beim Mord war ich nicht dabei. Das war mir recht.
Kurz vor seinem Vogelanschlag setzte er mich in einem kleinen Dorf ab und ich zog meine Kreise allein. Ich hatte schon ein wenig Panik mit einem blutigen Vogel im Schoss die Rueckfahrt antreten zu muessen. Doch: Der Vogel starb umsonst. Sprich, er wurde vom Himmel geschrotet, verschwand taumelnd im Gebuesch und ward nie mehr gesehen. Das wurde mir jedenfalls in einer bühnenreifen pantomimischen Leistung erklärt. Dumm fuer den Vogel, gut fuer mich. Ich vertrage ja einiges, aber keine frisch blutenden Tiere.

Danach stand fuer mich erst mal Raubtierfuetterung an.
Es gibt Hunde hier, dass einem schwindlig wird. Die wenigsten gehoeren irgedwohin. Viele Jungtiere, viele Hundebabys. Und alle schnucklig. Und hungrig. Wuehlen den ganzen Tag in irgendwelchen menschlichen Abfallhaufen nach Essensresten. Habe also ein Riesenstueck Fleisch beim Metzger erstanden.
Ich musste dem Mann mehr als zehn Mal beteuern, dass ich diese zwei Kilo in kleinen Stuecken haben wollte. Ich deutete ihm und seiner Frau, dass ich fuettern wolle. Tiere. Die Gute bekam fast einen Schreikrampf. Wollte mir schon das Fleisch verwehren. Aber einem sturen Touristen wie mir kann man so leicht nix ausschlagen.
Dann gings an die Fuetterung. Die Hunde hier sind misstrauisch. Wohl schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht?! Ich musste ihnen das Fleisch teilweise mit gezieltem Weitwurf an den Kopf schmeissen. Und ich bekam boese Blicke von den Dorfbewohnern. Natuerlich. Was Bekloppteres als einen blonden Deutschen, der hier den Hunde-St.-Martin gibt, haben sie in ihrem Leben noch nicht gesehen. Ich hatte meine Freude.

Heute nieselts. Auch egal. Trotzdem schoen. Aber der Winter kommt langsam, auch im Paradies.
Guckst du!

Mein Fahrer. Für sieben Tage.

Sein Bruder, mit noch verpackter Flinte




Malende über Malende


Mein "Zimmer"

Der Herr des Hauses kocht mein Abendessen

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