Ein Traum von Land


Glaubt es oder nicht: Ich bin schon auf dem halben Weg zum Chinesen. Ich spucke meinen Rotz durch die Gegend, sitze mit Familie am Tisch und picke mein Gemuese so wie alle aus den Tellern, die in der Mitte stehen, ich lasse die Fischgraeten aus meinem Mund auf den Tisch gleiten, ich verdruecke jeden Tag an die vier Schuesseln Reis, ich trinke "lu cha" (gruenen Tee) zum Fruehstueck, ich schaufle und schluerfe Suppiges mit Essstaebchen in mich hinein, ich ruelpse beim Essen, schmatze nicht zu knapp, hau meine Fluppen einfach da hin, wo ich stehe, handle um fast jeden Preis, ich hocke beim Kacken, und und und...
Aber ich bin eben doch anders. Ich weigere mich zum Beispiel Muell oder Kippen in die Landschaft zu klatschen. Auch, wenn ich dazu angehalten, ja fast genoetigt werde. Wieso Muell mit sich rumtragen? China ist eine wunderbar grosse Muellhalde. Weg damit!
Seufz.
Dafuer kann man hier aber auch nix knipsen, ohne dass eine Umverpackung fuer Schokolade, Waschmittel oder Damenbinden im Weg ist.
Was noch?
Ich fuettere streunende Tiere. Die gehen vor, dann komm ich.
Ich springe auf jedes Baby an. Ich komme aus dem Laecheln gar nicht heraus, bei all den entzueckenden Menschen- und Hundebabys. Und wenn so ein Menschenknirps dann ausser dem runz
elnden Staunen gegenueber meiner Wenigkeit noch eine andere Mimik offenbahrt, dann bin ich gluecklich. Oder wenn so ein Hundewelpchen an meinen Fingern schleckt. Dann bin ich seelig.
Ich weigere mich, mir meinen Koffer schleppen zu lassen. Ich kann selba tragen. Dafuer habe ich ja schliesslich vom Schicksal zwei Haende bekommen. Finger weg, lasst mich... Also doch kein Chinese.

Ausserdem werde ich bemuttert, als haette ich es im Leben noch nicht zu mehr gebracht, als zu der Faehigkeit, mir den Arsch abzuwischen. Das lassen sie mir hier noch.
Kaum bewege ich mich zwei Meter von meiner Mutterkuh weg - meinem "Begleiter" - will mich schon ein anderer Chinese leiten. Ja gibt's denn das? Kann ich hier nicht mal ein paar Meter gehen, ohne dass sich irgendwer Sorgen macht, der einfältige Touri koenne verloren gehen? Vielleicht leitet sie mein falsches Blond in die Irre? Kennen die hier ueberhaupt Blondinenwitze? Fragen ueber Fragen...
Ja, es wird Zeit, mal wieder ein paar Schritte auf eigene Gefahr zu machen. Aber das wird nicht einfach. Muss mir gleich noch 'ne Machete kaufen oder Aehnliches...
Vor den Schlangen will mich dann hier doch niemand beschuetzen. Diese Biester. Gestern - ich hatte als Gast den Vortritt auf unserem Weg durch
die Berge - rauscht es im Gebuesch und ich denke: Nee, das ist keine Schlange - ich hatte hier naemlich schon das zweifelhafte Vergnuegen... Muss ein groesseres Tier sein. Groesser schon. Aber Schlange eben doch. Das Geraeusch hatte sich kurz entfernt und ich mich entspannt. Aber dann machte es einen Sauser, als fliege ein ICE vorbei. Und 30 Zentimeter vor meinen Fueßen sah ich kurz den Mittelteil einer riesigen Schlange. Hey, Moment mal, mein Lonely-Planet-Buch hatte nix von "Boa Constrictor" erwaehnt. Ich hatte lediglich von Vipern und Cobras gelesen. Was soll das?
Das Tier muss, wenn ich die Wegbreite berechne, die das Viech kreuzte, und die Tatsache, dass ich weder Kopf noch Schwanz ausmachen konnte, mindestens 1,50 m lang gewesen sein.
Und das Geraeusch! Wusstet ihr, dass grosse Schlangen sausen? Sausewind sozusagen. Ich nicht.
Jetzt weiss ich, was ich das naechste Mal mache, wenn ich es im Gebuesch laut sausen hoere. Ich mach mich vom Acker. Gott sei Dank sind die Biester aengstlich. Was ich bei dieser Spezies nicht verstehe. Die haette mich locker zum Lunch vernaschen koennen. Aber besser so, als mich im Würgegriff einer Riesenschlange wiederzufinden.
Also alles in allem weiss ich von frueheren Begegnungen mit diesen Viechern, dass sie Streit eher aus dem Weg gehen, sich schleunigst davonmachen, wenn sie Menschen hoeren.
Mann darf sie nur nicht reizen und nicht beim Essen stoeren. Habe ich im Apenin mal gemacht. Dachte, das Ding waere tot und beugte mich ueber die Windungen. Dann fing die "tote" Schlange an, die Ratte wieder auszuwuergen, die sie gerade angedaut hatte. Da bin ich aber gelaufen. Uiuiui...
Das duerften dann aber auch die einzigen chinesischen Gefahren sein, die Mich-an-die-Hand-nehmenden Kuhmuetter und die Schlangen.
Heut bin ich gleich wieder ueber eine Giftspritze gestolpert. Diesmal eine klitzekleine Viper. Im Reisfeld. Weil ich hoeher hinaus wollte, um einen Tempel im richtigen Licht zu fotografieren. Fast bin ich auf sie draufgetreten. Ich hab einen Riesen-Satz gemacht und mich dann umgedreht. Weg war sie. Hm. Also doch aengstlich. Uff.
So, und morgen ruft mich endlich ein richtiger Berg. Nix mit 'n paar hundert Metern dahinschlurfen.
Mein Führer geht nicht so gerne. Und wenn, nimmt er jede Gelegenheit wahr, stehenzubleiben. Man möcht gar nicht glauben, wie viele Chinesen einem am platten Land begegnen. Und hier kennt man sich.
Morgen will ich hoch hinaus. Auf den "Santqin Shan" (sprich: Santjin San).
Heilig? Sind alle irgendwie heilig. Dabei besteht China zu zwei dritteln aus Bergen. Kann es so viel Heiliges geben?
Ich werds erfahren.
Guckst du!!


Schutzhütte?


Zentraler Raum in der Mitte der Häuser

Mein Führer frühstückt

Reis wird zum Trocknen ausgelegt

Zwei alte Gingko-Bäume. Hier so was wie heilig...

Der Metzger geht durch die Orte

Windeln braucht es hier nicht

Schule am Weg



Wie gut, dass mein Führer immer wieder stehenbleiben kann...
Laufen ist nichts für ihn.


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