Eineinhalb Tage und schon fast Koreaner...

Königsgrab? Oder Attrappe?

Wo soll ich anfangen?
Gestern noch bei der Ankunft in Gyeongju, Suedkorea, fuehlte ich mich wie ein auf den Planeten Mars Verdammter.
Niemand spricht meine Sprache - um genau zu sein - niemand spricht meine Sprachen. Ich sehe nur Schriftzeichen und damit eigentlich nichts. Gar nichts. Alle glotzen mich an wie eine aegyptische Kuh. Gibt es nicht, ich weiss. Mich gibt es also auch nicht.
Dabei ist Korea total up to date. Hey, ich sage nur Samsung, LG, Daewoo, Hyundai... ihr versteht mich?
An jeder Ecke ein Internet-Hoellenpfuhl. Hier geht man hin, um online irgendwelche Monster abzuknallen.
Beispiel: Neben mir fetzt gerade ein mittelalter Koreaner irgendwelchen drachenaehnlichen Monstern, aus denen Baeume wachsen, die gruenen Glieder weg. Egal.
Aber ich, mit meinem Sein, bin einfach der totale Alien hier.
Gestern noch kaempfte ich mit einer Telefonzelle. Feindselig glotzte mir dieser Aparat entgegen, sich ganz sicher, dass ich in den naechsten hundert Jahren nicht herausfinden wuerde, wie man ihn bedient. Kann der denn Koreanisch, schien er sich zu fragen? Nee, aber ich habe ihn dennoch geknackt, den dummen Sack. Er wurde ganz leise in seinen Freizeichen. Anfangs sprach er noch koreanisch mit mir, und - oh Wunder - am Ende einer langen Litanei in Landessprache kam sogar ein Hinweis in Englisch: "Wrong card!"
Danke auch. Man kann ja fragen, Menschen, meine ich, gell. Ja, kann man schon, aber das nuetzt nur, wenn man die Antwort dechiffrieren kann.
Aber auch hier gibt es Engel, die des Englischen maechtig sind. Hey, immerhin hatte ich es geschafft einer netten koreanischen Lady mit vielen kleinen Verbeugungen und der Hand am Ohr klar zu machen, dass ich eine Telefonkarte benoetige. Den passenden Chip hatte ich also. Aber der Kampf mit der Telefonzelle stand mir da noch bevor.
Mein englisch sprechender Retter hat mir dann gezeigt, dass es verschiedene Telefonzellen gibt. Sie sehen alle gleich aus, haben alle ein kleines koreanisches Muendchen zum Schlucken der Karte, aber nicht alle schlucken alles, was man reinschiebt. Tu ich auch nicht, aber ich bin ja auch keine Telefonzelle. Nun, nu weiss ich, dass nicht alle... Aber ich weiss immer noch nicht anhand welcher Merkmale ich diejenige welche erkenne. Ich dachte, ich waere fein raus mit einer Telefonkarte. Jetzt muss ich jedesmal wieder nach einem Engel suchen, der mir den Weg, den richtigen Einschub weisst. Egal.
Also: Nach einem Tag bin ich schon so was von aklimatisiert. Ich kann brav "Guten Tag!" und "Danke" sagen. So kaempfe ich mich von Begegnung zu Begegnung. Geht schon.

Heute stand auf dem Programm: Einen Koreanischen Tempel besuchen, eine Grossstadt bestaunen und dann noch Gyeongju unsicher machen.
Fange ich mit dem Ende an.
Hier gibt es alte Koenigsgraeber, aehnlich den Pyramiden. Es sind riesige Huegel, in denen ehemals die Koenige ihre letzte Ruhestadt fanden. Nun, so viel wusste ich. Ich guckte einen Huegel hoch, dachte mir: "Hm, von da oben muss der Blick in Richtung Berge und Sonnenuntergang malerisch sein."
Ich sah auch eindeutige Trittsteige auf einem Doppelhuegel. Also hoch. Grabschaenden. Fein gemacht, Herr Tourist. Die Urahnen mit Fuessen getreten. In der Tat war der Blick von da oben zum Heulen schoen. Nicht lange. Unten schrillte eine Trillerpfeife. Zuerst blickte ich weiter gen Sonnenuntergang, hatte es mir gerade bequem gemacht, die Zigarette hing schon in meinem Mundwinkel. Ignorant, wie Touris so sind, bezog ich das Trillern erst mal nich auf mich. Aber das kleine Maennlein dort unten winkte leider eindeutig in meine Richtung. Die sollen sich doch nicht so haben. Werden einem doch eine kleine Zigarette auf ihren ollen Koenigsgraebern goennen, oder? Wie lang sind die jetzt schon tot, die Koenige? Ausserdem weiss ich, dass nicht unter allen Huegeln erlauchtes Gebein zu Grabe getragen wurde. Einige wurden installiert, um es ein wenig schwieriger zu gestalten fuer Menschen wie mich, die ihr Gedenken mit Fuessen zu treten versuchen. Oder Grabräuber. Ich glaub, das war der Grund für die Attrappen-Hügel. Nuja. Bin ich also wieder runter. Seis drum.
Das Maennlein - und das ist der feine Unterschied zum europaeischen Waechter - laechelte mich an. Kein erhobener Finger, kein boeses Wort - waere sowieso vergebene Muehe gewesen - ja, ich meinte zu fuehlen, nicht einmal boese Gedanken. Ich bitte Euch: Wuerde ein deutscher Parkwaechter einen Missetaeter, der etwa die Wiesen von Sanssouci geschaendet hat, anlaecheln. Eben nicht. Doch diesem Parkwaechter genuegte anscheinend die Tatsache, dass ich bereit war, ohne zu murren meine koenigliche Aussichtsplattform zu verlassen. Ich mag Koreaner.

Der Stadtbesuch heute Nachmittag war der Horror. Individualitaet ist hier ein Unwort. Die Haeuser alle gleich, die Autos alle gleich, die Menschen... nun, ich sag jetzt nichts.
Uner anderem war ich in einer Koreanischen Shopping-Mall. Verdammt, hams die hier wichtig mit dem Einkaufen. Die machen sich schick zum Shopping. Brezeln sich auf. Ich meine, wirklich schick. Mit Gucci oder Luis-Vuitton-Taeschchen, schicken High-Heels und noch schickeren Faehnchen. Das ist nicht abwertend gemeint. Wirklich schick.
Aber in die Hyundai-Shopping-Mall in Ulsan gehen wohl nur die Reichen und Schoenen. Und da gibt es einige. Dazu kommt, dass diese Luxusartikel gut um 30 % teurer sind als im Westen. Alles da: Gucci, Chanel, Dior, Bogner - ja, Bogner, ich lach mich schlapp - Calvin Klein undundund...
Aber der Hammer ist die Feinkostabteilung. Da muss man sich erst einmal in eine Ecke kauern und hecheln ob all der Herrlichkeiten. Fisch ueber Fisch, sowas gibt es bei uns nicht. Dasselbe bei Obst und Gemuese. Wow. Salat wird hier nicht im Kopf verkauft, nicht mal in den kleineren Maerkten, sondern schon in einzelne Blaetter zerlegt, gewaschen und abgetupft in Buendeln. Und es gibt ein Salatspektrum, dass jeden Regenbogen erblassen lässt. Das Ganze wird dann ganztaegig bedampft, mit kaltem Nebel. Toll.
Wer Fisch und Fleisch gerne mag, dem bleibt sowieso erst einmal komplett die Spucke weg. Und so teuer ist das nicht.
Aber wer Muesli, Espresso oder gar ne Dose Nivea will, muss tief in die Tasche greifen. Also, entweder verzichten auf West-Artikel oder mitbringen.
Meine Nivea wurde allerdings am Pariser Flughafen konfisziert. Diese Sprache spreche ich. Französich. Dennoch konnte ich nicht herausfinden, warum Nivea fuer den Franzosen eine brandgefaehrliche Fluessigkeit darstellt. Egal.
Ja, und jetzt noch zum Tempel heute Frueh um 8 Uhr.
Wir, ich und eine gute Freundin, fuhren mit einem wahnsinnigen Bussfahrer in die Berge. Ersterer und letztere sind hier ueberall zu finden. Die Berge unglaublich schoen, die Fahrweise der Busfahrer eher weniger. Ich gucke immer krampfhaft ins Land, so unter dem Motto: Guck ueberall hin, doch niemals in Richtung Windschutzscheibe. Wenn sich mein Blick dennoch mal nach vorne verirrt, muss ich mich postwendend uebergeben. Fuer Koreanische Busfahrer sind die Strassen alle Einbahn. Und frei von jedem sonstigen Verkehr. Werden schon alle beiseite fahren. Oder etwa nicht? Ach, und wenn sie dann mal anhalten, dann weil ein laestiger Fahrgast aussteigen will. Es wird aber gerade nur so kurz gehalten, dass man die mittlere Stufe auslassend auf die Strasse springen kann. Den Po sollte man im Sprung einziehen, damit die schliessende Tuer ihn nicht ramponiert. So schnell kann man gar nicht auf der Strasse landen, wie der Bus sich wieder in Bewegung setzt. Hat man Gepaeck dabei, hat man Pech gehabt.
Nun, wir sind heil angekommen.
Und dort dann: Nichts als Schoenheit. Die Berge, Reisfelder, der kleine Tempel, Blumen am Wegrand... Zum Weinen schoen. Meine Freundin Svetlana kennt den Moench, sie geht dort am Wochenende immer zum Meditieren hin. Um elf gibt es dann immer Mittag, zu dem alle Gaeste eingeladen sind. Und der Begriff Gaeste umfasst alle, die sich zu dieser Zeit am Tempel aufhalten. Das Essen war fantastisch. Man geht dann kurz in den eigentlichen Tempel und schiebt ein kleines Scheinchen in einen bordeauxfarbenen Umschlag, den man zu Buddhas Fuessen in eine Bretterbox fallen laesst.
Kann Essen schoener sein? Der Moench, sozusagen der Chef, wird mir in zwei Tagen die historischen Staedten Gyeongjus zeigen. Er hat Montag und Dienstag frei (Haben Buddhisten frei??) und kann mich fuehren. "You are lucky!", meinte er laechelnd. Ja, da hat er wohl recht. Ich bin sehr gluecklich. Muss man wirklich 38 Lebenjahre leben, um all dies Schoene erleben zu duerfen. Ich kann gar nicht alles aufschreiben, was ich in nur eineinhalb Tagen erlebt habe.
Und freundlich sind sie hier allemal. Wir waren zur Rückfahrt schon an der Bushaltestelle unweit des Tempels angekommen, als ein Wagen hielt, mit zwei andern Gaesten aus dem Tempel, die uns anboten, mitzufahren. Sie brachten uns dann nach Ulsan. Wir dachten einfach: "Ulsan, egal, let`s go..." Auf dem Weg unterhielten wir uns. Die Frau, auch so ein Engel, sprach relativ gut Englisch. Ihr Mann arbeitete frueher bei Hyundai, wie so ziemlich alle in Ulsan. Aber er ward mittlerweile zum Yogi mutiert. Das fand ich beeindruckend. Hinduismus ist hier nicht sehr verbreitet, und Yoga schon gar nicht. Als sie uns in Ulsan absetzten, deuteten die Beiden auf einen Laden an der Strasse und sagten: "Our restaurant!"
Sagte ich schon, dass sie Grundschullehrerin ist??? Meine Freundin Svetlana meinte dazu nur: "Korea, land of the burnout-sydrome!" Da hat sie wahrscheinlcih recht, und sie muss es wissen nach eineinhalb Jahren Korea...



Kinderbett in der Mall


Verbotener Aufstieg auf einen Erdhügel

Pagode in einem Feld von Lotusblumen


Kloster, Teil einer Führung meines Mönchs


"Mein" Mönch. Von hinten durfte ich...

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