Nichts als Chinesen


Sitze auf einem Schiff. Immerhin Einzelzimmer, dank Schicksals-Fügung. Denn selbst 1. Klasse fährt man hier mindestens zu zweit. Vielleicht wollten sie den Europäer niemandem zumuten. Egal, im Zimmer bin ich allein. Das allein zählt.
Das Schiff: Ein schwimmendes Wrack auf dem langen, langen Fluss. Ich darauf in einer Schuhschachtel. Vier Tage und vier Nächte. Jangtse oder Chang Jiang, wie er heißt, ist nämlich der lange Fluss (6300 km), nicht, wie ich irrtümlich dachte, der gelbe Fluss. Gelb ist nur seine Farbe. Brackig. Ich weiß nicht, wie so viel Wasser so dreckig sein kann. Aber hier wird alles, wirklich alles in den Fluss geleitet, und der entsorgt das dann 2000 km weiter flussabwärts im Ostchinesischen Meer. Praktisch.
Das Boot? Eigentlich ausgedient, würde ich sagen, stark überholungsbedürftig. Kein Platz, Enge, Hitze und nichts als Chinesen weit und breit.

Gerade sitze ich in einer mittelgroßen Stadt irgendwo in China. Das Boot hatte festgemacht, und auf dem Programmpunkt für heute Abend stand eine "Show". Bei dem Wort "Show" standen mir postwendend die Haare zu Berge. Ich habe mich schleunigst vom Acker gemacht. Ausserdem kamen wir eben von einem sechsstündigen Tagesausflug zurück. Raus aus einem kleinen Schiff, da soll ich jetzt schon wieder in einen Bus, auf zur "Show"?
Auf dem "großen" Schiff nichts als chinesische Touristen, die die "romantische Fahrt" den Jangtse hinunter gebucht haben.
Moment: Da ist noch Benni aus Bremen. Wir beide gegen den Rest der Chinesen. Den ganzen Tag spielt irgendwo Musik, laute Ansagen kriechen aus scheppernden Lautsprechern, man wird zu irgendwelchen Ausflügen genötigt, muss Schlange stehen, drängeln, auf ein kleineres Boot, auf einen Bus, auf eine Micky-Maus-Eisenbahn. Ohne Drängeln läuft hier aba gar nix. Muss dem Chinesen in die Wiege gelegt sein, weil eben sooo viele Menschen und sooo wenig Platz. Denk ich mir.
So ein kleines, fieses Mütterchen räumt mich da schon mal eben aus dem Weg. Mit ihren spitzen Ellbogen. Die sind flink hier. Dabei gibt’s gar nix zu drängeln. Alle müssen auf den Ausflug und das Schiff verlässt die Stadt eh erst wieder zur vereinbarten Zeit. Will sagen, es gibt keinen Zeitdruck und nix umsonst. Also all die Dinge, deretwegen selbst Deutsche drängeln würden, sind außer Kraft gesetzt. Aber hier wird trotzdem gedrängelt als ging's um Freibier fürs nächste Leben...
Und dann wird ununterbrochen gequasselt. Die Reiseleiterinnen mit ihren schrillen Stimmen blöken ohne Unterlass in kleine Kindermegaphone, die auch noch schrecklich scheppern. Und - na, was kommt jetzt wohl - sie sprechen Chinesisch. Toll. So kann ich nicht mal die Aussicht genießen.
Das Beste war heute der Ausflug vom großen Boot aus via kleinem Boot, via Möchtegerndschunke in eine ganz kleine, malerische Schlucht.
Hm. Dacht ich mir: Drängel ich mal, dann sitz ich im Bötchen ganz vorne.Tja, justamente dort, am Bug, wurden während der ganzen Fahrt Erinnerungsfotos geknipst. Mit Schlucht im Hintergrund. Eingeklemmt zwischen einer Chinesin auf der Linken und den Erinnerungsfoto-philen auf der Rechten, wurde die Sicht erst wieder frei, als wir die Schlucht verließen. Die spinnen, die Chinesen...
Die Landschaft ist so schön, und sie machen Fotos, angetan mit dem Outfit des Ruderers, um sich an das erinnern zu können, das zu sehen sie keine Muße hatten.
Was noch? Auf der Hinfahrt zu den Dschunken, also auf dem mittleren Boot, kam irgend so ein Chinese auf die tolle Idee, dass er doch ein Erinnerungsfoto von mir machen könnte. Bat mich an der Seite seiner Freundin vor die Kamera. Fand ich seltsam. Ich und seine Freundin. Hm. Muss man sich doch erinnern können, an den Deutschen auf'm Schiff.
Nur, dann wollten plötzlich alle ein Erinnerungsfoto mit dem Deutschen. Ich habe also wieder nichts von der schönen Landschaft gesehen. Dafür bin ich jetzt auf unzähligen Erinnerungsfotos verewigt, an der Seite von fremden Frauen und Männern, die alle ihren Arm um mich schlingen, als wäre ich der lang verloren geglaubte Verwandte aus „deguo“.
Ein paar Chinesen der vorwitzigen Art gaben mir den Tipp, doch pro Bild einfach 10 Yuan zu verlangen. Hätte ich mal machen sollen, dann hätte sich der Urlaub heute bezahlt gemacht...
Guckst du!

Landausflug

Seitenarm des Jangtse

Brackwasser

Nach oben verlegte Trabantenstadt am Jangtse

Morgengymnastik

Es gibt was Wichtiges zu sehen. Anscheinend.

Dschunkenfahrt in Nebenfluss

Bootsmann am Bug

Zubringer-Boot


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