Pantomime Note 6, setzen!

1. Klasse Internet

Ja, da denk ick immer, ick wäre so talentiert mit dem Herumwedeln meener Hände und Füße, dass ick selbst dort, wo mich keene Sau verstehen tut, janz jenau illustrieren kann, wat ick möchte. Denkste.
Hej, ich gebe mir wirklich Mühe. Aber irgendwie mach ich mich hier nur zum Larry, wenn ich versuche a la Marcel Marceau Sprache durch Gebärde zu ersetzen.
Meine letzte Einheit war: Ich möchte bitte ein Tuch, um den Monitor reinigen zu können. Ich weiß ja nicht, was die hier beim Computer-Spielen machen, aber sie scheinen Schleim zu exspirieren. Wenn man aufregende Spiele nicht abkann, sollte man das Spielen bleiben lassen. Es gibt ja auch Menschen wie mich, die einen PC einfach nur zum Schreiben nutzen. Und ich kann meine Schrift nicht lesen, wenn die Scheibe im Schleimgrau aufgeht.
Zurück zur mimischen Umsetzung meines Anliegens.
Ich gehe zum Empfangstresen, mache einen auf Wischen, deute die Größe eines unsichtbaren Bildschirms an, fuchtle wild in der Gegend rum, mache dazu ein Geräusch, dass eindeutig auf mein Ziel hinweist, nämlich: "Iuiuiu".
Na, oder, wie klingt's denn sonst, wenn man mit 'nem Lappen und Flüssigkeit über Glas wischt??
Ich werde bestaunt und erhalte einen Kugelschreiber.
Danke.
Ich ziehe ein Taschentuch raus und mache dasselbe noch einmal. Ich wische auf einem nicht existenten Bildschirm herum, vor mir in der Luft.
Ich erhalte ein Päckchen Taschentücher. Hm. Was jetzt? Ich wische noch ein bisschen...
Ich erhalte Notizzettel.
Himmelherrgott. Ich halte einen Notizzettel doch nicht mit ausgestrecktem Arm in die Luft und mache Notizen mit Wischbewegungen.
Egal. Ich nehme die Notizzettel und bedanke mich artig.
"Xiexie!" (gesprochen: schieschie). Eher Scheiße, würde ich sagen. Es ist schon toll, so allein in China.
Chongqing (gesprochen: Tschongtsching) ist eine Stadt, die mehr Einwohner als Berlin zählt. Hier gibts alles. Nur keine blonden Deutschen. Das ist zu viel für die. Einfach zu blond, zu anders.
Wie kam ich HIER ins gelobte Netz?
Ich habe nach langem Herumfragen ein Internet-Café gefunden. Das, das ich mir rausgeschrieben hatte, hatte leider zugemacht. So weit konnte ich mich schlau machen. Und das, obwohl den jungen Menschen hier die Haare zu Berge stehen, wenn ich mich mit fragendem Ausdruck im deutschen Gesicht auch nur auf zwei Meter nähere. Ich glaube, die haben hier vor nix mehr Angst, als Englisch sprechen zu müssen.
Mein Gott! Ich erwarte doch nicht viel! Habe einige chinesische Wörter drauf, dazu so ziemlich alles, was ich suche in chinesischen Schriftzeichen gedruckt, oder von einer netten Hotel-Empfangsdame handschriftlich festgehalten bei mir!
Arabische Schriftzeichen stürzen die Lieben hier genauso in Verwirrung wie mich die chinesischen. Immerhin habe ich jetzt schon das wichtigste chinesische Schriftzeichen verinnerlicht. Nämlich das für "Internetzugang".
Ich war ja wirklich so naiv, zu denken, die würden hier brav wenigstens das Wort "PC" an die Häuser klatschen.
So war’s in Korea. Da waren die koreanischen Schriftzeichen und dann immer irgendwo das rettende Wort "PC".
So konnte ich die Dinger überhaupt finden. Die sind nämlich immer irgendwo im zweiten oder dritten Stock, die Internet-Cafés. Da muss man also in ein Haus rein und erst mal Fahrstuhl fahren.
Jetzt dasselbe in China. Nur in welches Haus??? Wenn unten nirgends ein Hinweis ist. Zum Mäusemelken, das!!!!
Nun, ich habe mit letzter Kraft einen Zugang gefunden und sitze in einer erstaunlich edlen, riesigen PC-Landschaft. Sehr schick das. Man kann sogar erste oder zweite Klasse wählen. Bin erster Klasse. Granit-Tisch, riesiger Monitor, Kopfhörer, Web-Cam, Infrarot-Maus und Club-Sessel... Alles niegelnagelneu. Von diesem Internet-Protz mal abgesehen ist es im Landesinneren, sprich hier in Chongqing, schon spürbar anders. Viel mehr als leuchtende Großstadt-Reklametafeln konnte ich bis jetzt allerdings nicht ausmachen.
Bis ich vom Flughafen in die Stadt kam, war's duster.
Aber: Alles leuchtet und strahlt. Morgen sehe ich mehr.
Zurück zu den Verständigungsschwierigkeiten.
Das fängt bei "a" wie "abartiges Verlaufen in den Straßen" an und hört bei "z" wie "Zuflucht im Internet-Café" auf. Straßenschilder sind zwar freundlicherweise auch in arabischer Schrift gesetzt, aber die Dinger stehen hier nur an größeren Kreuzungen. Und ich will nicht jedes Mal, wenn ich in 'ne neue Gasse eintauche zur nächsten Kreuzung zurücklaufen, um herauszufinden, auf welches Sträßchen ich jetzt schon wieder gestoßen bin. Also laufe ich ziellos.
Die Stadtpläne sind hier leider auch sehr verwirrend. Habe mir gerade im Buchladen einen besorgt. Aber da blicke ich noch viel weniger durch. Wenn wenigstens wie in Shanghai an den Straßenschildern die Himmelsrichtungen vermerkt wären, dann hätte ich eine grobe Orientierung.
Das fand ich wirklich praktisch. So habe ich mich in Shanghai zumindest nie nach Süden bewegt, wenn ich eigentlich nach Norden wollte. Sollte man in deutschen Städten auch einführen. Sehr sinnig das, für Ortsfremde.
An keinem Laden, an keiner Apotheke, an keinem Amt, an keinem Bahnhof, an keiner Busstation finde ich arabische Schrift.
Nur diese 3000 chinesischen Schriftzeichen, die jeder Chinese kennen muss. Es gibt zwar noch einige tausend mehr, aber mit denen kommt man wohl durch.
Die spinnen, die Chinesen. Wir haben schlappe 26 Buchstaben und schaffen es, damit alles auszudrücken, was wir brauchen.
Die armen chinesischen Grundschüler! Ich wäre schon als Sechsjähriger in Streik gegangen, bis die Lehrerschaft anständige Lettern für mich eingeführt hätte. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht.
Und die 2874 Zeichen mehr... Pff. Wenn man 26 lernen kann, kann man auch 3000 büffeln, oder??
Aber schön ist das schon, das mit der Schrift hier. Ich habe zwar keine Ahnung, wie da irgendein normal begabter Mensch durchsteigen soll, aber die Schrift macht sich sehr pittoresk.
In einen Bus zu steigen, und in unterirdischem Chinesisch nach irgendeiner Station zu fragen, kann man hier ganz knicken. Es sei denn, man will sich irgendwo in der Peripherie der Stadt X wiederfinden. Davon abgesehen sind die Busse hier so voll, dass ich beim bloßen Hingucken schon Schweißausbrüche bekomme. Ich würde da nie wieder rauskommen. Wenn ich nicht schon kurz nach dem Einstieg hyperventilieren würde.
Also Taxi. Aber auch das ist schwer. Weil: Ich kann kein Chinesisch.
Wollte ich nur noch mal anmerken.
Doch: Das Ziel in schlechtem Chinesisch zu bellen, stürzt den Fahrer in tiefste Verwirrung. Obwohl: Manchmal wiederholt der Fahrer auch, was ich gesagt habe. Nachdem ich es bereits das zehnte Mal zum Besten gegeben habe. Dann weiß ich: Ich und mein Taxifahrer, wir verstehen uns. Auch wenn ER mich nicht versteht.
Am besten ist es, das Ziel in chinesischen Schriftzeichen vorweisen zu können. Doch, ich kann nicht nur kein Chinesisch, ich kann auch keine chinesischen Schriftzeichen. Argh.
Manchmal klappt es ja. Schon in Korea war das mit dem Taxifahren so schwierig, dass ich lieber über weite Strecken gelaufen bin, als zu versuchen, einem Taxifahrer mein Ziel zu erklären.
Einmal war ich nachts nach fast einstündigem Fußmarsch so sauer, dass ich am liebsten dem nächsten sich nähernden Taxi die Windschutzscheibe eingeschlagen hätte.
Nun, hier verhält es sich ähnlich. Aber eigentlich können die nix dafür, dass ich dämlicher Blondschopf ihre Sprache nicht beherrsche.
Das wird lustig, das alles. Morgen geht’s los. In die Tiefe der Tiefen. Die Untiefen des Jangtse und die Untiefen chinesischer Dörfer. Wenn die sich in der Großstadt schon so gut auf MEIN Chinesisch und meine dilettantischen Pantomime-Versuche verstehen, dann kann's ja auf dem Land richtig spaßig werden. Haha. Ick lach mir schlapp.
Guckst du!

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