Stranger in the 40s
| Der erste Briefkasten auf meiner Reise |
In einer Geschwindigkeit von 1,5 Mikrometern pro Tag sammle ich Informationen. Wie soll man da weiterkommen. Ich braeuchte bei meinen Chinesischkenntnissen Jahre, um auf eigene Faust China einmal von Nord nach Sued zu bereisen. Will ich ja gar nicht. Ich will nur ungefaehr 300 km weiter nach Norden. Nach Jiujiang. Von da aus dann weiter. Aber Wuhan ist eine Grossstadt und Jiujiang...
Wenn ich also davon ausgehe, dass der Informationsfluss sich in Richtung Land verschlechtert, werde ich Deutschland nie wieder sehen.
Ich bin schon drauf und dran, mich in ein Flugzeug zu setzen und wieder Shanghai anzusteuern.
Ich muehe mich unendlich. Mein Lieblingswort ist: "Wait!"
Dieses Wort scheint jeder zu beherrschen.
"Wait!"
Eigentlich tue ich den ganzen Tag nicht viel anderes als "wait"-en. Zwischendurch renne ich kopflos durch die Stadt und suche. Nach Schreibpapier, nach einem Postkasten, nach einem Café, nach einer Moeglichkeit zu telefonieren, nach einer Auskunft, nach einer Apotheke, nach einem Arzt, der Englisch spricht...
Postkaesten habe ich immer noch nicht gefunden. Man sagte mir, sie saehen aus wie ein gruener Pilz, "a green mushroom". Ein Anhaltspunkt!
Ich suche und laufe, laufe und suche. Und dazwischen immer wieder: "Wait!"
Dieses Muss an Koversationsgrundlagen wird mir selbst dann entgegengehalten, wenn der Gefragte gar keine Antwort weiss, egal wie lange ich warte. Ich warte also...
...auf KEINE Antwort.
Nun, verbringe ich halt den Rest meines Aufenthaltes suchend-wartend. Warum nicht? Habe ja sonst nix vor. Wollte eigentlich China sehen, aber Wuhan ist ja auch schon was.
An dieser Stelle mache ich erst mal weiter mit meinen gesammelten Erfahrungen.
Zum letzten Blog moechte ich noch einen kleinen Nachschlag reichen. Ich ergehe mich dabei zum Teil in Wiederholungen, obwohl es doch noch so viel Huebsches zu berichten gibt.
Spucken:
Gespuckt wird ueberall. Zum Anlauf wird mit vernehmlichen Schlunz-Laut der Schleim aus den verborgensten Tiefen der Bronchialaeste geholt. Junge Maenner tun so was halt. Is irgendwie cool.
Nein, hier ist es wohl doch eher ein Akt innerer Hygiene. Denn auch junge Maedchen mit Pumps und Gucci-Taeschchen tun es. Hochrotz und spuck. Fein. Und nicht etwa dezent zum Strassenrand hin oder in den naechsten Gulli. Nein, immer dort, wo Mann/Frau gerade wandelt. Auch in Wartehallen. In Supermaerkten eher nicht. Aber die genauen Kodici dieser Spuck-Attacken sind mir fremd.
Kleinkinder:
Diese fast durchgehend niedlichen Dinger haben keine Windeln. Dafuer sind die Hoesschen so gebaut, dass die Suessen sowohl vorne Wasser als auch hinten Stuhl lassen koennen. Auch hier gibt es kein Innehalten. Gepinkelt und gekackt wird, wo's kommt. Egal ob ein Strassenlokal in der Naehe ist oder Passanten durchs Rinnsal waten. Kinder kacken nun mal. Und pinkeln.
Aber damit ist es noch lange nicht vorbei.
Maenner:
Sie pinkeln oeffentlich. Da, wo sie gerade stehen.
Das trifft sicher nicht auf alle chinesischen Maenner zu, aber eben auf eine ganze Menge. Und eine ganze Menge von ca. 750 Millionen Männern ist schon was.
Bei all den Sitzgelegenheiten in Form von Vorspruengen, Treppen, Pollern hatte ich mich schon gewundert, dass sich dort selten ein Chinese niederlaesst. Die sind doch sonst nicht zimperlich. Aber nach ein paar Beobachtungen maennlichen Miktionsverhaltens war mir klar, warum. Weil einfach alles hier bepisst wird. Und wer sitzt schon gerne auf eingetrocknetem Urin?
Als letztes sei anzumerken, dass es im Umfeld einiger Fischkuechen streng riecht. Derart, dass sich ein Urinstinkt, Ekel genannt, bei mir ruehrt. Dabei mag ich Fisch. Ich ueberlegte lange, an was mich dieser Geruch erinnert. Dabei war es so einfach.
Es riecht nach abgehangenen Smegma. Das ist keine Uebertreibung. Aber wo es so riecht, esse ich nicht. Keine Sorge. Mein Urinstinkt laesst mich einen weiten Bogen um diese Strassenkuechen schlagen.
Jetzt aber zum erfreulichen Teil.
China ist toll!
Ich liebe es, wie hier nachts das Wohnzimmer auf die Strasse verlegt wird. Es wird gegessen, Musik gemacht, getrunken, geschlafen, Babies und Kleinkinder immer dabei, bis spaet in die Nacht. Die meisten Laeden sind zur Strasse hin offen. Alle zwei bis zehn Meter, je nach Strasse, gibt es was zu essen. Schmalzgebackenes, Esskastanien, Ofenbrot, Wok-Gemuese, gegrilltes Fleisch, gegrillten Fisch, Rettich am Spiess, Melone am Spiess, geschaelte Pampelmusen, Nuesse, kleine gebratene Kartoffeln, Dampfnudeln (nicht wie bei uns, aber aehnlich) mit allen moeglichen Fuellungen von sauer bis suess. Und noch viel mehr. Und das wundersamste: Alles, ausnahmslos alles schmeckt vorzueglich. Ein lukullisches Wunder namens Chinesiche Küche.
Der Verkehr.
Der Verkehr fliesst, ueberall. Die Motorraeder brettern ueber den Buergersteig, Zebrastreifen und Ampeln sind, ausser an den groessten Kreuzungen, eher Zierde als Zweck. Es wird gehupt, die Fussgaenger weben sich dazwischen, niemand wird verletzt. Es fliesst. Alles im Fluss. Nur nie stehenbleiben auf der Strasse. Denn wenn der Fluss unterbrochen wird, gibts ein Unglueck. Alle sind auf Fliessen eingestellt. Haelt man sich daran, kann einem nichts passieren. Nur nicht aengstlich sein.
Nachts um 2 Uhr kommt noch ein fahrender Haendler bei den Strassenlokalen vorbei und verkauft Fruehlingszwiebeln fuer den Bedarf des naechsten Tages. Taufrisch.
Mit einer Handwage wiegt er das Gemuese ab, bevor er sein vollgeladenes Fahrrad zum naechsten Abnehmer schiebt.
Unendlich viel Leben.
Armut, auch das.
Ein Obdachloser, der vor einem schicken Esslokal, wo die eher gehobene Gesellschaft gerade in Feuertoepfen Meeresfruechte siedet, sein Nachtlager aufgeschlagen hat.
Oder die Menschenlager auf der Rueckseite des Faehren-Terminals von Wuhan. Ich hatte mich dorthin verirrt und war ploetzlich in der Unterwelt angekommen. Uebergangslos von der schicken Promenade auf die Rueckseite der Welt geraten. Pritschen, vier, acht, in einem kleinen dunklen, dreckigen Raum. Keine Laken, sondern Zeitungen als Unterlage, Decken nicht vorhanden. Nicht nur alte Maenner hausen dort, auch Familien, Kinder, Kleinkinder. Es ist dunkel, stockdunkel.
Und dann wieder die Strasse. Die Elektromotorraeder, die ohne Licht fahren, um Strom zu sparen. Sie sausen lautlos durch die Gassen. Man hoert sie nicht kommen, es sei denn, der Fahrer hupt. Sie schweben fluesternd vorbei. Toll.
Die gemeinsamen Exerzitien, die Motivations-Coaches:
Immer wieder Laeden, Firmen, vor deren Tueren die Crew einen gemeinsamen "Tanz" auffuehrt oder einen Schlachtruf uebt.
Oder tanzende Paare auf dem Stadtplatz. Eine mobiler Diskjockey spielt auf, man tanzt eng aneinadergeschmiegt. Eine wuerdevolle Chinesin im Outfit einer spanischen Flamenco-Taenzerin schwebt an mir vorbei.
Ein paar Meter weiter studiert eine Gruppe älterer Mädels einen Tanz ein. Die Melodien ueberschneiden sich.
Ueber allem klebt ein riesiger Bildschirm an einer Hauwand, ein Film wird gezeigt, Fernsehen? Eine Gruppe von fuenf Kindern hat sich hingekauert und starrt andaechtig zu der Leinwand aus Millionen Pixeln. Die Tonspur des Films untermalt als weiterer Live-Stream das Treiben auf dem Platz. Leben, Leben, Leben, ganz dicht, ganz viel.
Manchmal ist es schoen, all das einfach nur wahrzunehmen. Obwohl ich mitunter etwas ueberfordert bin. Ich kann all die Eindruecke nicht ordnen. Niemand kann sie mir erlaeutern. Ich bin ein Zuschauer aus einem fremden Land, "a stranger in the 40s", auf seiner Reise ins Land der Mitte. China kann man sich nicht vorstellen. Nicht einmal, wenn man hier ist.
Guckst du!
Kommentare