Schwanger


Ich stehe am Mehringdamm und es fängt an zu laufen. Auf beiden Augen. Leise.
Ich vermisse dich. Ich vermisse dich so sehr. I
ch will zu dir und du bist eine halbe Welt weit weg. Ich will bei dir sein, dich fühlen, dich riechen, dich sehen, dich erleben, mit all deinen schönen und verrückten Seiten.
Du lebst. Du bist. Du lachst so schön. Du bist nicht imme
r fröhlich, aber nie verzweifelt, schon gar nicht resigniert. Was lieb ich so an dir? Was gibs't du mir, was ich hier nicht haben kann? Ich fühle mich unendlich alleine...
Auch bei dir war ich alleine, mutterseelenallein, aber du warst bei mir,
und ich hatte nie das Gefühl, einsam zu sein.
Ich will zurück auf deine Straßen, will jetzt dringend das Gewühl, das Stoßen, das Summen und Surren überall. Ich will mich an die Bordsteinkante setzen und einfach nur staunen, in mich hineinlächeln
können. Ich will die süßen kleinen Frätzer um mich haben, ob sie nun neben meinem Mittagstisch Stuhl lassen, oder nicht.

Ich will das Ungehaltene, das Unbekümmerte, das du mir warst. Ich will zurück.
Meine Tränen laufen noch, als ich die Haustüre öffne, und laufen jetzt, da ich dir endlich schreiben kann noch um so mehr. Sie laufen und laufe
n und ich sehne mich.
Was mach ich hier... Ich bin nicht wie sie. Auch ich bin in Teilen wie du, vielleicht mehr wie du, als ich jemals wie die Meinen war.
Was hab ich über dich geschimpft. Verzeih mir!
Was sollte ich anders tun, ich, der ich in dieser Gehaltenheit aufgewachsen bin, als über dich schimpfen. Jetzt, da ich dich nicht mehr habe, möcht ich all das wiederhaben. Hier in mir und um mich.
Ich möchte wieder mit dir um die Wette schmatzen und schlürfen, weiter spucken als du, an den nächsten Straßenmasten pinkeln, in der Hocke an der Bushaltestelle sitzen. Aber ich bin deutsch und all das bin ich nicht.
All das habe ich missbilligen gelernt, sozialisiert in Deutschland.
Aber ich liebe es, wie dich. Denn es gehört zu
dir, es ist ein Teil von dir. Und was du bist, das mag ich.
Ich möchte zu dir laufen, ganz schnell, jetzt sofort, ich möchte, dass du mich wieder aufnimmst, wie du es getan hast. Mich umschließt mit all deiner vertrauten Fremdheit. Ich möchte so gern sprechen lernen wie du,
damit ich dir noch näher kommen kann. Ich will Töne singen können wie du.
Hier ist es fade,
wie warme, abgestandene Fassbrause. Verzweifelt, schlimmstenfalls resigniert. Gerade hier, wo ich bin, hier in Berlin.

Ich will auf deine Hügel, den Reis schauen, über die glatten Bambusstämme streichen, die Schlangen um mich wissend, will essen, trinken, schlafen wie du.

Ich bin nur deutsch. Hier fühl ich es.
Du hast es mich vergessen lassen, für ganze wundervolle dreißig Tage, vergessen lassen, wer ich bin.
Oder noch besser, du hast mich der sein lassen, der ich bin. Ich war glücklich bei und mit dir!

Ich kann nicht schlafen, essen ohne dich. Ich will eine Schüssel von deinem Reis. Ich kaue verdrossen auf meinen zarten Körnern, aus dem Wohlstand importiert. Parboiled.
Das ist nicht du. Gib mir nur eine Schüssel von DEINEM Reis und damit ein Stück Glück zurück.

Ich will zurück, zurück zu dir.


Ich trage dich in mir, für immer, aber ich weiss nicht, ob ich dich hier jemals werde leben können. Du hast gesät und ich weiss nicht wohin mit dir, hier, zuhause. Zuhause?
Sag mir, dass ich verrückt bin, aber in diesem Moment möchte ich eher bei dir sterben als hier leben...
Meine Tränen laufen noch immer. Ich habe nicht geschlafen heute Nacht. Wie soll ich schlafen ohne dich?
Jetzt zieh ich los und suche deinen Reis...

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