Takadetiketakedik
Man sagt, Demenz habe kein System. Man sagt, selbst der Betroffene sei sich vieler seiner Handlungen nicht bewusst.
Vielleicht möchte ich auch einfach nicht wahrhaben, dass es hier kein System zu entdecken gibt, das alles "sinnlos" geschieht. Aber ich erkenne doch Muster. Und wo ein Muster ist, ist doch irgendwo auch ein System.
Bei Schizophrenen konnte ich immer ein System ausmachen. Ein In-sich-Geschlossenes. Eine andere Welt, die aber in sich durchaus logisch war.
Hier ist es wohl anders. Dennoch: Wir kommunizieren. Ich komme durch, in ihre Welt. Die Fenster die mich einlassen sind klein und eng und oftmals so schnell wieder zu, wie sie geöffnet wurden.
Dennoch gibt es ein Gemeinsam. Und das für sich ist schon ein Wunder. Ich und sie stammen aus verschiedenen Welten, Lichtjahre voneinander entfernt. Dennoch treffen wir uns bisweilen minutenlang in ein und derselben. Ich hole sie ab, immer wieder. Jeden Abend an die zehn bis zwanzig Mal. Und dann ist sie bei mir, und ich bei ihr.
Wie wäre es wohl, wenn sie mich abholte, rüber in ihre Welt. Ich würde so gerne sehen. Sehen, ob es dort was zu verstehen gibt. Fühlen, wie es dort ist. Spüren, wo mich das lässt.
Ich kann sie also abholen, hier rüber bringen, in diese Welt. Sie hingegen hat keine Chance, mir einen Eindruck ihrer Welt zu vermitteln. Weil ich in ihrer Welt nie gelebt habe, keine Erinnerungen an ihre Welt habe.
Ich trete nach dem Klingeln ein, rufe ein Guten-Abend in den Raum und finde sie im Bett. Sie schlägt die Decke zurück. Darunter finde ich ein Michelin-Weibchen.
Ich fange an zu schälen, sie soll für die Nacht fertig gemacht werden. Ich, wir, legen ab: Eine Wollweste, ein zum Schal gebundenes Hemd, ein Halstuch, ein Nachthemd, darunter einen Wintermantel, einen Pullover, noch einen Pullover, ein T-Shirt, eine Hose und drüber noch eine Hose. Die Frage, ob ihr kalt sei, kann sie aus ihrer Welt heraus nicht beantworten. Warum dann?
In meiner Welt schwitze ich beim bloßen Hingucken. Ihr scheint es da drüben aber nicht zu warm zu sein, oder nicht warm genug sein zu können. Als ich ihr das Nachthemd wieder anziehe und darüber den Morgenmantel lege, wirkt sie nicht verstimmt, nicht unzufrieden, scheint nicht zu frösteln. Müsste sie jetzt doch, oder? Vielleicht habe ich sie gerade wieder einmal rübergeholt. Und hier im Jetzt, in der Realität dieser Wohnung ist es nicht kalt. Hm.
Vielleicht nimmt sie mich ja eines Tages mit in ihre Welt. Und ich kann dann sehen, warum sie dort so viele Lagen Stoff benötigt. Oder was "Takade-tike-take-tik" meint.
Wir werden sehen. Oder auch nicht.

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