Das Wunder Musik
Wir sind angekommen. Zusammen, endlich. Seit geraumer Zeit. Uns verbindet: Musik.
Ich erfuhr vor etwa zwei Monaten, das unser Zivi auf eine ganz nahe liegende Idee kam. Er legte bei Frau J. Musik auf, wenn er sie nach Hause brachte.
Genial, dachte ich. Die Bang & Olufsen-Anlage, die schier unendliche Klassik-Sammlung und das Klavier im Ankleide-Zimmer deuteten ja wohl auf ein ehemalig sehr Musik-liebendes-Dasein hin.
Also begann ich, bei all meinen Einsätzen Musik aufzulegen. Und siehe da, wir beiden und unsere Welten kamen zusammen.
Inzwischen habe ich viele Artikel über die Wirkung von Musik bei Alzheimer-Syndrom lesen dürfen. Petr Janata, ein amerikanischer Neuropsychologe forscht seit Jahren auf diesem Gebiet. Das ist nur die Unterfütterung dessen, was ich erlebe.
Frau J. kommt an, im Hier und Jetzt. Abend für Abend sitzen wir zusammen und lauschen hingebungsvoll klassischer Musik. Mein neuer Liebling: Mozart. Ihr Favorit: Schubert. Wir treffen uns in der Mitte. Mögen Beide beides.
Dazu muss ich erwähnen, dass man mich vor meiner Begegnung mit Frau J. mit Schubert hätte jagen können. Ich wäre gelaufen, bis ans Ende der Welt, um Schubert zu entgehen. Launische Forellen waren wirklich nicht meins. Nun höre ich Schubert. Sogar zuhause. Frau J. hat ihre Liebe für Schubert auf mich übertragen. Man muss Schubert einfach lieben, wenn man sieht, was er in dieser Frau auslöst, was er aus ihr macht.
Ich erfuhr vor etwa zwei Monaten, das unser Zivi auf eine ganz nahe liegende Idee kam. Er legte bei Frau J. Musik auf, wenn er sie nach Hause brachte.
Genial, dachte ich. Die Bang & Olufsen-Anlage, die schier unendliche Klassik-Sammlung und das Klavier im Ankleide-Zimmer deuteten ja wohl auf ein ehemalig sehr Musik-liebendes-Dasein hin.
Also begann ich, bei all meinen Einsätzen Musik aufzulegen. Und siehe da, wir beiden und unsere Welten kamen zusammen.
Inzwischen habe ich viele Artikel über die Wirkung von Musik bei Alzheimer-Syndrom lesen dürfen. Petr Janata, ein amerikanischer Neuropsychologe forscht seit Jahren auf diesem Gebiet. Das ist nur die Unterfütterung dessen, was ich erlebe.
Frau J. kommt an, im Hier und Jetzt. Abend für Abend sitzen wir zusammen und lauschen hingebungsvoll klassischer Musik. Mein neuer Liebling: Mozart. Ihr Favorit: Schubert. Wir treffen uns in der Mitte. Mögen Beide beides.
Dazu muss ich erwähnen, dass man mich vor meiner Begegnung mit Frau J. mit Schubert hätte jagen können. Ich wäre gelaufen, bis ans Ende der Welt, um Schubert zu entgehen. Launische Forellen waren wirklich nicht meins. Nun höre ich Schubert. Sogar zuhause. Frau J. hat ihre Liebe für Schubert auf mich übertragen. Man muss Schubert einfach lieben, wenn man sieht, was er in dieser Frau auslöst, was er aus ihr macht.
Einen fühlenden, fröhlichen, wachen Menschen.
Das Abendbrot steht vor ihr, wir sitzen in der Küche, ich habe meinen i-pod mit Lautsprechern vor uns aufgebaut, um ihr die Musik heute noch näher zu bringen. Sie hat aufgehört zu essen, ich habe uns beiden eine Tasse schwarzen Tees aufgesetzt. Wir sitzen einträchtig versunken nebeneinander und lauschen. Lauschen Ian Bostridge, einem jungen Schubert-Interpreten. Wir sind beide angerührt, andächtig sitzen wir und lassen die Musik ihr Wunder entfalten.
Frau J. weiß nicht, wer ich bin, was sie noch vor fünf Minuten getan hat, was Wörter wie "ausziehen" oder "Toilette" bedeuten. Aber sie weiß, dass sie Schubert liebt. Sie sagt ganz leise "Schöne Stimme, nicht?" oder "Das habe ich auch gesungen."
Das Abendbrot steht vor ihr, wir sitzen in der Küche, ich habe meinen i-pod mit Lautsprechern vor uns aufgebaut, um ihr die Musik heute noch näher zu bringen. Sie hat aufgehört zu essen, ich habe uns beiden eine Tasse schwarzen Tees aufgesetzt. Wir sitzen einträchtig versunken nebeneinander und lauschen. Lauschen Ian Bostridge, einem jungen Schubert-Interpreten. Wir sind beide angerührt, andächtig sitzen wir und lassen die Musik ihr Wunder entfalten.
Frau J. weiß nicht, wer ich bin, was sie noch vor fünf Minuten getan hat, was Wörter wie "ausziehen" oder "Toilette" bedeuten. Aber sie weiß, dass sie Schubert liebt. Sie sagt ganz leise "Schöne Stimme, nicht?" oder "Das habe ich auch gesungen."
Das oder Ähnliches wiederholt sie im Abstand von drei Minuten immer wieder. Ja, sie war wohl im Chor, ob sie Schubert gesungen hat, ist unerheblich.
Das Unglaubliche an der Musik ist, dass sie das kann, was sonst nichts und niemand mehr kann: Einem dementen Menschen Gefühle erschließen. Gefühle, die irgendwo zwischen den Welten komplett verloren gegangen schienen. Gefühle, die sogar frühere Lebensabschnitte wieder mit dem Jetzt verknüpfen. Ein verdammtes Wunder, so groß und kraftvoll, so schön und so unendlich wahr.
Und so tue ich, was ich tun muss. Ich spiele Musik, wann immer wir uns begegnen.
Diese Woche durfte ich - ja, durfte - Frau J. von der Tagespflege abholen. Der Zivi war im Urlaub. Ich hatte vorher Klassische Musik auf meinen i-pod geladen. So schwebten wir eine Woche lang über einen Klangteppich aus Bach, Schubert und Mozart von Berlin-Steglitz nach Berlin-Lichterfelde. Auch im Auto saßen wir andächtig lauschend, kaum ein Wort wechselnd nebeneinander. Wieso reden, wenn uns die Musik so stark verknüpft? Das einzige, was uns beide aus der Ruhe bringen konnte war Kopfsteinpflaster. Denn dann hörten wir die Musik nicht mehr richtig. "Das ist aber ganz schön .... *hahahoho*..." "Hart!", ergänzte ich. Ja, das Kopfsteinpflaster war wohl hart, hart, weil es uns unseren Musikgenuss versaute.
Am Donnerstag muss es gewesen sein, da brachte ich Frau J. wieder in ihre schöne alte Lichterfelder Villa. Unten leben die Kinder, oben sie, in ihrer kleinen Welt. Ich brachte sie nach oben, legte Schubert auf, zog ihr die Straßenschuhe und die Jacke aus und verabschiedete mich bis zum Abend. Sie brachte mich zur Tür - auch neu und ebenfalls ein Wunder - sagte "Auf Wiedersehen!", stutzte kurz und meinte dann: "Dann komme ich wohl eben mit." Nun, ich wusste, dass dies nicht möglich ist, dass ich unten würde die Haustür vor ihrer Nase verriegeln müssen.
Als ich am Abend am Ende meiner Tour bei ihr ankam, traf ich ihre Schwiegertochter im Garten. "Meine Schwiegermutter steht den ganzen Tag schon im Flur und lässt sich nicht bewegen. Viel Glück!" Ich erschloss die Haustür, begrüßte Frau J. und sagte: "Dann wollen wir mal nach oben gehen und das fortsetzen, was wir heute Nachmittag begonnen haben ... Schubert wartet auf uns!" Ich bot ihr meinen Arm, sie hakte sich ein und wir gingen nach oben - zu Schubert.
Das Unglaubliche an der Musik ist, dass sie das kann, was sonst nichts und niemand mehr kann: Einem dementen Menschen Gefühle erschließen. Gefühle, die irgendwo zwischen den Welten komplett verloren gegangen schienen. Gefühle, die sogar frühere Lebensabschnitte wieder mit dem Jetzt verknüpfen. Ein verdammtes Wunder, so groß und kraftvoll, so schön und so unendlich wahr.
Und so tue ich, was ich tun muss. Ich spiele Musik, wann immer wir uns begegnen.
Diese Woche durfte ich - ja, durfte - Frau J. von der Tagespflege abholen. Der Zivi war im Urlaub. Ich hatte vorher Klassische Musik auf meinen i-pod geladen. So schwebten wir eine Woche lang über einen Klangteppich aus Bach, Schubert und Mozart von Berlin-Steglitz nach Berlin-Lichterfelde. Auch im Auto saßen wir andächtig lauschend, kaum ein Wort wechselnd nebeneinander. Wieso reden, wenn uns die Musik so stark verknüpft? Das einzige, was uns beide aus der Ruhe bringen konnte war Kopfsteinpflaster. Denn dann hörten wir die Musik nicht mehr richtig. "Das ist aber ganz schön .... *hahahoho*..." "Hart!", ergänzte ich. Ja, das Kopfsteinpflaster war wohl hart, hart, weil es uns unseren Musikgenuss versaute.
Am Donnerstag muss es gewesen sein, da brachte ich Frau J. wieder in ihre schöne alte Lichterfelder Villa. Unten leben die Kinder, oben sie, in ihrer kleinen Welt. Ich brachte sie nach oben, legte Schubert auf, zog ihr die Straßenschuhe und die Jacke aus und verabschiedete mich bis zum Abend. Sie brachte mich zur Tür - auch neu und ebenfalls ein Wunder - sagte "Auf Wiedersehen!", stutzte kurz und meinte dann: "Dann komme ich wohl eben mit." Nun, ich wusste, dass dies nicht möglich ist, dass ich unten würde die Haustür vor ihrer Nase verriegeln müssen.
Als ich am Abend am Ende meiner Tour bei ihr ankam, traf ich ihre Schwiegertochter im Garten. "Meine Schwiegermutter steht den ganzen Tag schon im Flur und lässt sich nicht bewegen. Viel Glück!" Ich erschloss die Haustür, begrüßte Frau J. und sagte: "Dann wollen wir mal nach oben gehen und das fortsetzen, was wir heute Nachmittag begonnen haben ... Schubert wartet auf uns!" Ich bot ihr meinen Arm, sie hakte sich ein und wir gingen nach oben - zu Schubert.

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