Ja, er lebt noch!
Namen von Personen und Orten wurden geändert, Parallelen zu lebenden Personen sind unbeabsichtigt und absolut zufällig.
"Guten Tag Herr Keks, alles okay?" So oder ähnlich einfältig begrüßte ich noch vor einem halben Jahr meinen Klienten. Zweites kommunikatives Moment ist und war jeden Abend die Übergabe der Pillen, die ich mein(t)e, mit dem Satz "Hier sind Ihre Tabletten!" illustrieren zu müssen.
"Guten Tag Herr Keks, alles okay?" So oder ähnlich einfältig begrüßte ich noch vor einem halben Jahr meinen Klienten. Zweites kommunikatives Moment ist und war jeden Abend die Übergabe der Pillen, die ich mein(t)e, mit dem Satz "Hier sind Ihre Tabletten!" illustrieren zu müssen.
Doch schon bald war klar: Jedes an Herrn Keks gerichtete Wort ist genau ein Wort zu viel. So war ich froh, dass die Replik sich in einem grantigen, guturalen Grunzlaut erschöpfte, fing ich doch an, mir einzubilden, dass das Grunzen irgendwann - zum Beispiel bei dem einen Wort zu viel - in ein gehässiges Bellen übergehen könne. Ja, es gab Zeiten, da musste ich vor Betreten dieser WG für Psychisch Defektierte tief Luft holen, mir Mut machen, da ich mir niemals sicher war, ob Herr Keks sich nicht doch irgendwann - bei eben dem einen Wort zu viel oder einer falsch verstandenen Geste meiner Wenigkeit - in einen tollwütigen Hund von Baskerville verwandeln würde. Beim Erschließen der Tür hatte ich nicht selten Visionen von blutunterlaufenen Augen, in weißem Schaum verlaufenden Mundwinkeln und Tollwutübertragung durch menschliche Bisse. Ich lies nichts unversucht, um aus meinem grunzenden Gegenüber, einen mir geneigten, oder zumindest mich tolerierenden WG-Bewohner zu machen. In meine tägliche Begrüßung und den Pillen-Satz legte ich abwechselnd, quasi subtextisch, tiefstes Mitgefühl für die gebrochene Seele, unbedarfte Fröhlichkeit, krankenbrüderliche Strenge oder marienhafte Milde. Die Reaktion war jedes Mal dieselbe: "Rrrrrrgh!" Inzwischen habe ich es aufgegeben, irgendwelche Subtexte zu basteln. Und die zwei Sätze, die ich sagen muss, sage ich auch nur, weil in meiner Pflege-Ausbildug auf den Faktor Kommunikation so viel Wert gelegt wurde. Nun, da Herr Keks in das Zimmer direkt gegenüber der Wohnungstür ziehen musste, fällt mein Blick beim Eintritt unweigerlich als erstes auf ihn. Meist sitzt er auf seinem Bett, die Unterarme auf seine Oberschenkel gestützt, die Hände ineinander gefaltet und den Blick zu Boden gerichtet.
Teil eins meiner Kommunikations-Ration für Herrn Keks entfällt also auf den Zeitpunkt kurz nach Betreten der Wohnung. Dann hebt er kurz und bedrohlich langsam, in den Spannungsbogen verlängernder Zeitlupe den Kopf, um mich mit einem bissigen "Rrrrrrgh!" zu beglücken. Danach senkt er sein Haupt und studiert wieder das Einheits-Laminat des Zimmer-Bodens. In seiner ganzen Haltung hat er dabei etwas von einem Untoten, den ich lästerlicherweise mit einem ungehörlich zwitschernden "Guten Tag, Herr Keks" aus dem Grab hole. Sein Blick scheint mir dabei jedes Mal sagen zu wollen: "Hast du penetranter Arsch eigentlich nie gelernt, den Toten ihre Ruhe zu lassen?" "Rrrrrrgh!" Dabei fällt das Begrüßungs-Rrrrrrgh noch eine Spur freundlicher aus, als das Pillen-Empfangs-Rrrrrrgh. Doch, auch wenn die Steigerungsform "freundlicher" hier schon fast euphemistisch anmutet, auch sein Grunzen kennt Nuancen. Ich sollte vielleicht kurz erwähnen, dass Herr Keks durchaus nicht sprechunfähig ist. Ich hatte bereits Gelegeheit, ihn durch die Bürotür hindurch mit einem seiner Mitbewohner schnattern zu hören. Aha, dachte ich mir, er kanns ja doch, das Sprechen. Aber sobald ich meinen Kopf zeige, scheint ihm die Lust, seine Stimmwerkzeuge zu betätigen, postwendend zu vergehen. Nun, das stimmt nicht ganz, ich habe ihn schon mal in einem kaum noch wahrnehmbaren Bass antworten hören: "Ja ........ hallo." Aber zu 99,9 % meiner Einsätze erlebe ich ihn als den Untoten, als den ich ihn kennen und fürchten gelernt habe.
Es mag ungefähr einen Monat her sein, da hörte ich, während ich Herrn Keks im Büro seinen allabendlichen Gift-Cocktail mischte, Schlagermusik durch den langen Korridor wabern. Ich ging hinaus in die Halle, um die Herkunft dieser glückbringenden Melodie besser orten zu können. "Ich bin im Paradies!" schallte es durch den Flur. Je näher ich der Zimmertür von Herrn Keks kam, desto klarer wurde mir das Unfassbare: Der Tollwütige hörte Schnulzen! "Der Himmel reißt den Nebel auf, Strahlen wärmen mein Gesicht. Von unten weht der Wind herauf und von oben fällt das Licht", dudelte es aus seinem Volksempfänger. Er, Blick wie immer starr zu Boden, rührte sich dabei nicht einen Millimeter. Eine Woche später drang eine Melodie aus seinem Zimmer, die mich auf ewig daran gemahnen wird, dass das, was mir beizeiten kaum glaublich scheint, unverrückbare Tatsache ist: "Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch ...!" Und obwohl die Frage nach dem alten Holzmichl irgendwie mitklang, war ich mir in diesem Moment sicher, dass dieses Stück Musik einzig und allein geschaffen ward, um Herrn Keks' Daseins-Berechtigung Nachdruck zu verleihen. "Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch ..."

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