Geflutet


17.00 Uhr an einem Tag im Dezember. Anberaumt als Besichtigungstermin für die Ex-Wohnung meines Jetzt-Freundes.
Ich soll nur da sein, Einlass und Blicke gewähren.
Kurz vor dem Termin fällt mir noch die Dunkelheit ein, die uns Menschen im Winter nun mal gegen fünf Uhr nachmittags umgibt. Daran habe ich nicht gedacht. Besichtigung eines Darkrooms ist alles, was ich den Mietern in Spe bieten kann. Lichter sind bereits lange der Fassung entschraubt, die Wohnung liegt im Dunkeln, so wie alles, was im Winter unbeleuchtet bleibt. Vielleicht helfen ja die Weihnachtslichterketten der nachbarlichen Balkone, um Licht ins Dunkel zu tragen.

Anklopfen und ausleihen? Nein.

Also noch schnell Notbeleuchtung zusammendenken und anschließend –raffen. Eine Bauleuchte und eine Taschenlampe, das muss genügen, damit sich die Interessenten rudimentär in Zimmer-Küche-Bad orientieren können.

Zehn vor Fünf. Ich nähere mich dem Haus. Da stehen schon zwei Seelen auf der Straße. Im Näherkommen merke ich, dass die Zwei nur das Ende der Schlange sind, die sich bereits frierend und genervt vor der Haustür die Beine in den Bauch steht.

Ich halte meine erste Ansprache. Es tue mir Leid, damit habe ich nicht rechnen können, ich sei nur der Einlasser, nichtsdestotrotz würde ich vorschlagen, immer nur sechs Personen auf einmal – sonst würde man sich ja allsamt ständig über die Füße fallen - in die bescheidene Bleibe zu lassen. Ich meine, bei diesem frommen Wunsch ein Lächeln über das ein oder andere frierende Gesicht huschen zu sehen.

Beim Aufstieg in den dritten Stock bin ich noch ganz vorne dabei, aber kaum habe ich die Türe erschlossen, fliegen schon mindestens zwanzig Leutchen an mir vorbei. Die Dunkelheit scheint niemanden zu irritieren, vielleicht wollen die die Wohnung einfach nur erfühlen. Kenn ich: So eine Wohnung muss die richtige Schwingung haben …

Als ich dann meine Taschenlampe im Bad aufgebaut und die Bauleuchte Richtung Wohnzimmerdecke geflutet habe, sind die ersten schon wieder gegangen. Wieviele Menschlein sich momentan in der Wohnung aufhalten, kann ich nicht recht beziffern. Viele. Immerhin sehe ich sie jetzt. War ja auch ein wenig gruselig, wie in einem Ameisenhaufen, unter Tage. Wie sehen Ameisen eigentlich im Dunkeln?

Hier im Licht werde ich jetzt allerdings als derjenige geortet, der vor wenigen Minuten den frommen Wunsch, immer nur Sechser-Packs einzulassen, aussprach. Zu all meinen Seiten – wieviele Seiten hat ein Mensch eigentlich – öffen sich Münder, um verständliche und unverständliche Fragen hervorzustoßen. Ich versuche zu parieren, aber derlei eingekesselt vom Feind, trifft mich der ein oder andere Hieb, ohne dass ich die Abwehr aufbauen kann. Wo sei denn hier der Anschluss für die Waschmaschine?, das Bad sei ja ungekachelt!, könne man die Balkontüre nicht aufmachen?, wie habe ich denn die Möbel in diesem kleinen Raum gestellt gehabt?, der Boden, müsse der so bleiben?, Genossenschaftsanteile, was sei denn das, wie solle man sich das denn nun vorstellen?, solle man sich gleich bei mir bewerben?, wer habe denn die größten Chancen?, wieviel an Stromkosten würden denn hier monatlich bei einer Waschmaschinenladung alle drei Tage, normalem Abwaschaufkommen und einer Dusche täglich anfallen, wie und wann stehe die Sonne denn auf dem Frontfenster … ???

Offenbar werde ich als Mieter/Vermieter/Genossenschaftseigner/E.ON-Sachverständiger verkannt. Mein Degen ist mir schon lange aus der Hand gerutscht. Wie war noch mal die erste Frage?

Fotokameras werden gezückt, weitere Fragen gestellt. Ein besonders hartnäckiges Ehepaar oszilliert immer wieder in irgendeinem slawischen Akzent Fragen spuckend an mir vorbei und ist bemüht, auch den allerletzten Winkel genau in Augenschein zu nehmen . Die Auslegware ist längst bei der BSR entsorgt, aber sie rollen selbst den Terrazzoboden auf, um einen Blick darunter zu erhaschen. Warum haben die eigentlich kein Auflicht-Mikroskop mitgebracht, so eins wie das, was meine Hautärztin benutzt, um meine Muttermale auf Malignität zu prüfen?

Es fluten weiterhin Menschen ein und aus. Im Gedränge greife ich meine Handtasche fester – ein Reflex, um Trickdieben vorzubeugen.

„Wo und wie genau haben sie es denn hier getrieben, wann, das würde mich auch noch interessieren?“ „Stört es die Nachbarn, wenn ich hier meine Leichen seziere?“ „Wie steht es mit Natursektspielen im Bad, hält der Terrazzo dicht oder sickert das beim Nachbarn durch?“ „In dem Haus da gegenüber, ja, da, zeigt sich da ab und zu die ein oder andere Nachbartitte, auf den Ausblick kommt es schließlich an?“

Hat noch irgendwer Fragen? Ich beantworte alles nach bestem Wissen und Gewissen.
Langsam verebbt die Flut, ich fühle mich ertappt, überwältigt, erschöpft. Nur noch ein polnisches Freundinnen-Paar ist dabei, die Badewanne zu vermessen. Dann ziehen auch diese letzten beiden Interessierten die Wohnungstür hinter sich zu.

Kurz noch stehe ich unschlüssig an dem Platz, den mir die Menge die letzte halbe Stunde zugedacht hatte – dicht an die Wand des kleinen Flures gepresst. Langsam wage ich wieder, zu atmen. Ich schäle mich von der Wand, entriegele die Kniegelenke und mache mich daran, das Kabel meiner Deckenbeleuchtung einzurollen.

Leise schließe ich die Tür und schicke noch ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass ich im nächsten Leben nicht als Vermieter reinkarniert werde.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
So war´s also! Ich wäre ja eigentlich gern dabei gewesen, hätte gern den oder die nächste(n) Mieter(in) 'meiner' Wohnung gesehen. Du hast das bestimmt gut gemacht und warst allen ein kompetenter und freundlicher Anpsrechpartner.

Danke!

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