Ode an die Heimat



Vielleicht ist ja München so etwas wie das Florida der Deutschen.
Aber vielleicht ist es nur einfach Heimat und Heimat ist halt immer glei a wengerl heimeliger.
Es will ja nie jemand glauben, dass ich hier aufgewachsen bin. Zu rein mein Hochdeutsch, zu krumm die Nase, zu groß mein Wuchs, zu unbehaart die Hände. Münchner haben breite Nasen, dialektln vor sich hin, sind in der Regel kurz und dick und tragen Schnäuzer/König-Ludwig-Bart und Manschetten-Behaarung. Da füge ich mich äußerlich, wenn ich den Anders-Deutschen glauben darf, nicht recht in das Bild vom Bayer ein. Dennoch bin ich scho fast a Münchner Kindl – verlustig gegangen in der Bundeshauptstadt, einer von vielen Exil-Bayern, denen die Heimat zu eng wurde und die Großstadt unendliche Weiten suggerierte.
Dabei ist hier alles a wengerl scheena. Die Alten gehen aufrechter, die Jungen sind hübsch und adrett, die Fußgängerzonen gemütlicher, der Kaffee schmeckt nach Mehr (was soll man erwarten in einem Café, das als „Kaffee und Mehr“ aus der Taufe gehoben wurde?), die Häuser sind gelber, die Straßen sauberer, das Gemüse und die Früchte am Viktualienmarkt in langen Nächten auf Hochglanz poliert, die Menschen charmanter, gar humoriger – ja, das sind sie -, die Geldbeutel lockerer, die Straßenmusikanten versierter, der Schnee pittoresker, die Kirchen barocker, die innerstädtischen Weihnachtseisflächen besser gepflegt und organisiert und überhaupts, die Kinder niedlicher, die Schwulen unsichtbarer, die Japaner hingerissen von so viel städtebaulichem Glanz, das Angebot in den Geschäften größer, die Geschäfte schlechthin eleganter. Blickt man auf die Füße der Passanten, sind die Schuhe augenscheinlich bequemer, der Mensch gelassener.
Diese Liste der münchnerischen Vorzüge könnte ich sicherlich endlich fortsetzten, hier bei meinem Mehr-Kaffee am Viktualienmarkt. Ach ja: Die Winter sind kälter und die Sommer wärmer, der Himmel definitiv blauer.
Seu-efz!
Und sicher könnte man jetzt sagen: „ABER!“. Aber „Aber“ zählt im Moment nicht. „Aber“ ist etwas für Ost- und Westdeutsche, denen der Neid aus der Nase trieft, wenn sie nur an das bayrische Landeshauptstadtidyll denken. Dieses „Aber“ ist etwas für Restdeutsche-Misanthropen, die nicht gelernt haben, Bayern Bayern sein zu lassen. Ich aber bin Bayer. Sauber, sog i.

In unserer WG liegt jetzt auf der Toilette immer „Rätsel Aktuell“, das Rätsel-Brevier unserer Apotheken aus. Da der Defäkations-Vorgang sich doch manchmal in die Länge zieht, fing ich vor einigen Wochen an, zuerst zögerlich wiederstrebend, dann immer williger, Buchstaben an Buchstaben zu reihen, bis ich ein ganzes Kreuz gelöst hatte. Nun sind meine Sitzungen länger geworden, spürbar am kalten Arsch, der innerhalb der immer längeren Sitzungen merklich vereist. Ofenheizung.

Durchs winterliche München schlendernd erwäge ich, mich hier im Alter zur Ruhe zu setzen.
Langsam stellt sich mir die Frage, ob ich unmerklich vergreise. Kreuzworträtsel und München, die roten Tücher meiner Adoleszenz, sind mir, ohne dass ich dessen gewahr wurde, zu guten Freunden geworden. Armes oder glückliches Ich, das ist hier die Frage.

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