Zoooooom!


Uganda, Ghana, Berlin, München, Köln, alle vereint in einem Landkreis-Dahme-Spree-Van auf der A2 Richtung Köln. Schlafen. Ja, wär schön. Aber der in einem gutturalen Französischdialekt rhythmisch trommelnde Sprachauswurf meines ugandischen Nachbarn lässt mich von Schlaf nur träumen. Ghana dauertelefoniert hinter mir – Flat sei Danke – und der Fahrer hat telefonisch ebenfalls alle Hände und Ohren voll zu tun. Außerdem fliegt mich bei 170 Spitze im Opel eine gewisse Lebensmüdigkeit an, die sich schlafend nicht überwinden lässt. Nun, ich werde mich wohl daran gewöhnen, sollte ich noch ein weiteres Mal so mannhaft sein, mit Denis – oder war es Daniel oder auch Dainy – die 600 Kilometer zwischen Berlin und Köln in 4 Stunden runterzureißen. ICE für Arme, zweite Fahrt. Denis/Daniel/Dainy firmiert auf mitfahrgelegenheit.de unter verschiedenen Namen. Nennen wir ihn Tripple-D. Man kann nie sagen, welche Denis-Katze man in welchem Dainy-Sack kauft. Auch der Handy-Nummern-Abgleich ist vergebens. Auf dem Armaturenbrett zähle ich schätzungsweise zehn neue Call-Ya-Karten. Nun sitz ich also wieder neben ihm, in die Falle getappt, und die einzigen zwei Dinge, die mich trösten, sind die Tatsache, dass ich die Strecke Berlin-Köln in sagenhaften 4 ½ Stunden hinter mich bringen und mehr vom Tag haben werde. Wenn ich nicht vorher irgendwo zwischen Hannover und Bielefeld als Fetzenkonglomerat mein Ende an einer Leitplanke finde. Mittlerweile sitze ich vorne, der afrikanischen Sprachtrommelei einen halben Meter entrückt. Es regnet, Tempo 160, Daniel hat lässig eine Hand am Lenkrad, mit der rechten hackt er eine SMS in sein Sony-Ericson. Ich schiele nach links. Nein, seine Augen sind nicht auf der Straße. Mama, hoffentlich findest du alle meine Einzelteile, um mich wenigstens anständig bestatten zu können. Ups, das war ein schöner Blitz. So richtig satt. Ah. Die rechte Hand meines Star-Piloten fliegt noch schnell schützend vors Profil. Ärgerlich ist das, man sieht es ihm an. Aber wirklich. „Die Schweine, samstags um 12!“ Tja, denk ich mir, wird schon seinen Grund haben. Nämlich zum Beispiel dich, du kamikazefahrender Überflieger. Und schon entspinnt sich ein locker-launiges Gespräch über Radarsysteme und Lichtschranken. Lichtschranken kann man mit WLAN-Jammern (sprich: Dschäman) stören, weil die Signale von der Schranke an den Bullen-PC per WLAN übertragen werden. Toll. Straffreiheit für Tiefflieger. Ich frage ihn, warum er so ein Straffreiheit-für-Höllenhunde-Dingens nocht nicht sein Eigen nennt. „Hab erst kürzlich davon gehört, ist das Neueste, hier illegal, kann man aber über Internet beziehn.“ Na, Gott sei Dank, dann weiß ich ja, was demnächst rechts von meinem Starfighter im Zigaretten-Anzünder glimmt: Ein Jammer (sprich: Dschäma)! Jammer fürs Klima, Glück für Tripple-D! „Aba damit kriegste die Radarfallen nich. N ‘Kumpel von mir hat n’ sehr schnellet Auto, der hat da so ’n Warnsystem im Kühlergrill, da wird dann im Rückspiegel eingeblendet, wie viele Meter er noch hat, um vor der Falle runterzubremsen. Kost so an die 300 Euro, hat ihm aber schon ein Heidengeld gespart.“ Na, denk ich mir, da bin ich aber wirklich froh für deinen Kumpel. Gut investiert. Gut, dass ich mich bemühe, Müll zu trennen, nicht zu viel Wasser zu verbrauchen und es beim Heizen nicht zu übertreiben. Jetzt weiß ich wenigstens wofür. Damit der Kumpel von Tripple-D weiter über die Autobahn furzen kann, ohne dass sich das irgendwie in einer steigenden CO2-Bilanz ausdrückt. ">Wir kommen zurück zum Blitzer. Tripple-D ist sich seiner Sache ziemlich sicher, das mit der hochfahrenden Hand wird ihn vor Strafe schützen. Weil, so sagt er, der Wagen sei ja jetz nich auf ihn gemeldet, sondern auf die Firma, und in der Firma werde sich für ein Handgeld – ja, er sagt Handgeld – schon irgendein Pole oder Student finden, der das auf seine Kappe nehme. Na, bin ich beruhigt, aber hallo. Ist doch schön, zu wissen, dass man in Deutschland noch mit Tempo ohne Limit die oberen Asphaltschichten abziehen kann, und das alles ohne Konsequenzen. Sing mit mir, Tripple-D: „Deutschland, Deutschland, Land der Ra-a-ser, ohne Strafe schnell a-ans Ziel. Hundert-neu-eunzig Ka-Em-Ha-a-a und eine Stunde später bin ich da.“ Ist das jetzt eigentlich beruhigend, dass es noch Typen gibt, die uns überholen, ja, uns sogar in ihren BMW-Offroadern mit der Frontstossstange nach rechts lupfen? Kommentar meines steuernden Street-Fighters: „Nur in seinem Auto hat der Eier in der Hose.“ Kann sein. Ist das jetzt relevant? Ich habe bei dieser Art Männer immer das Gefühl, dass sie es nich haben können, wenn da irgenson Oberklasse-Fahrer die gleiche todesbringende Fahrweise an den Tag legt, ja vielleicht sogar noch schneller sein will, noch draufgängerischer, noch tollkühner. Ja, ich seh die Eier - und nicht nur die meines Fahrers - schwillen, schwillen, bis se platzen. Nun, Köln ist in Reichweite. Der Singsang des Afrikaners hat mittlerweile ausgesetzt. Alle Mitfahrer außer mir schlafen. Wieso auch nich, jetzt redet ja auch niemand mehr? Ich sollte an dieser Stelle einen Staccato-Monolog in gesetzt artikuliertem Hochdeutsch über den Klimawandel halten, beissend laut und selbstgerecht. Aber ich hab wohl keine Eier in der Hose. Vielleicht wachsen die einem wirklich nur in Gewächs-Autos ab 200 PS aufwärts, mit Radar-Warner und WLAN-Jammer. Guckst du!

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