Fasching







Als Kind fand ich Fasching toll. Aber selbst das Oktoberfest war richtig Spaß, auch wenn ich den großen Fuhrunternehmen wenig Beachtung schenkte und eher den Vogeljakob mit seinem Pfeiferl sagenhaft komisch fand. Ja selbst die Dult fand ich spaßig. Soll meinen, Jugendsünden sind Jugendsünden, Kindersünden entspringen Kinderseelen. Aber der Kölner Karneval, der nordrheinwestfälische Fasching, entspringt in seinem gesamten Wahnsinn dem Kopf eines erwachsenen Dreigestirns.
So machte ich mich in den Jahren, als ich noch in diesem Bundesland lebte, auf, das kollektive Spaßgebot meiner Wahlheimat in der fünften Jahreszeit zu fliehen. Karneval war etwas für Jecken und eins wusste ich schon damals, als Jeck ward ich niemals geboren. Und sollte ich bereits einmal gelebt haben, oder mir das Glück einer Wiedergeburt geschenkt sein, niemals wird es ein Ich mit roter Nase oder schiefem Dreizack als Kopfschmuck geben oder gegeben haben.
In der Bahn von Ost nach West ist der alles bestimmende Klang der von aneinanderstoßenden Bierflaschen. Klonk, klonk. Immer wieder. Dazu bisweilen hysterisch meckernde Lachattacken einer Kolonne mittel-alter Expatriotinnen auf Heimfahrt Richtung Köln.
So weit, so erträglich. Am Kölner Hauptbahnhof sieht es da schon anders aus in Sachen Erträglichkeit. Es schneit, ich rauche. Um mich herum tummeln sich 16-30-jährige Karnevalisten in Kunstfellsäcken, die, je nach Print aus ihnen Plüschelefanten, -bären, -mäuse und –miezen machen sollen, Freizeit-Clowns, Schotten, Skwaws, Matrosen, Mönche, Nonnen und natürlich die vielen, die als lebendes Kölner Wappen durch die Stadt ziehen. Meine Favoriten sind aber wie immer die Minimalisten unter den Jecken. Hawaii-Ketten und Sonnenbrillen, Teufelshörnchen, Cowboyhut, Schlapphut in buntem Patchwork, weiße Gesichter, Wappenbäckchen und all die anderen vom Karneval beseelten Accessoires, die aus einem einfachen Kölner schnell einen waschechten Kostümierten zaubern. Es braucht so wenig, um sich verkleidet zu wähnen.
Ankunft Köln Buchforst. Das Zentrum liegt weit hinter mir, und, so denke ich, damit auch der Karneval. Neben mir läuft ein dickes Kind mit Irokesen-Perrücke, ein hässliches Synthetikfähnchen um den drallen Rücken geschlungen und Mamas maskenbildnerische Unfähigkeit ins Gesicht geschrieben. „Schnell, da stehn se schon alle, hörste die Musik?“ Umpfta, umpfta, umpfta-umpf. Das Kind spurtet an mir vorbei und schon seh ich aus der Straße, in die ich einbiegen will, Kamellen in meine Richtung fliegen. Schulzoch. Autsch. Jetzt und gerade hier. Die Fenster zur Straße sind mit bierseligen Gesichtern besetzt, aus jedem zweiten Fenster hängt die Kölner Fahne, die Straße ist belegt mit Kindern in wahnwitzig witzigen Kostümen. Und Kamellen. Selbst als Kind hätte ich kein Interesse an diesen No-Name-Plombenziehern geheuchelt. Aber hier krabbeln selbst die Erwachsenen im Schneematsch, als gäbs da wirklich was zu holen. Ein wenig die Straße runter, vorbei am weiblichem Urgestein des Buchforster Karnevals, geschätzte 80 Lenze, im übergroßen Clownskostüm, die an ihrem Rolator die gesamte Dortmunder Straße platt macht, schlüpfe ich hinein zu meinem Freund. Der empfängt mich freudestrahlend mit den Worten: „Das ist doch süß, oder?“.
Auch er gehört zu den Minimalisten. Eine übergroße Nickelbrille und ein abgesägter Taktstock machen aus ihm einen waschechten Harry Potter. Wobei auch wirklich nicht mehr dazugehört, um seine Verwandlung in den Zauberlehrling vollständig zu machen. Kurz darauf kommt auch schon die Frage, auf die der Karnevalsfremde eigentlich schon lange wartet: „Hast du schlechte Laune?“

Woher kommt eigentlich die Mär, dass Kölsch und Frohsinn im Karneval unzertrennlich miteinander verbunden sind? Nun, der Jahresumsatz der Kölner Büdchen dürfte sich an den vier Tagen von Weiberfassnacht bis Rosenmontag verdreifachen. Bierchen kostet zwei, Jägermeisterchen fünf satte Euro. Ich mutmaße, dass die Preise deshalb so hoch sind, weil in dem Durcheinander ein Drittel der Läden in Manteltaschen verschwindet ohne auf dem Weg nach draußen die Ladentheke auch nur zu berühren. Dabei gibt es in den Kiosken hier kleine türkische Opas, die mit Schiebermütze am Eingang die Security mimen. Opa hat Adleraugen, behält selbst bei den 200 im Büdchen übereinanderpurzelnden Frohgesinnten den Überblick. Jede noch so kleine in die Jackentasche verschwundene Kinderüberraschung beschwört er mit stechendem Blick wieder hervor. Brav wird alles zur Kasse getragen, wo es zugeht wie an der Wallstreet kurz vor Börsenschluss. Kaufen, kaufen, kaufen. Im Sekundentakt wirft der Kassierer den Anwesenden irrwitzige Rechnungssummen an den Kopf und sie kaufen dennoch, kaufen und kaufen. Bei dem Durchlauf hier muss hinter dem Laden irgendwo ein Kölner-Dom aus gestapelten Bierkisten lagern und die Kasse im Viertelstunden-Takt geleert werden.
Soviel also zu Kölsch und Karneval.
Mittlerweile ist es Abend und ich habe mich in einer Trambahn, die so voll war wie die Tokyoer Metro zur Rush-Hour bis zum Chlodwigplatz durchgeschlagen. Geisterzoch. Ganz Köln will zum Geisterzoch. Aus einer Kneipe schallen Karnevals-Schlager und davor haben Links-Alternative Stellung bezogen. Die Hausbesetzertypen gehen voll ab zu einer Ode an den One-Night-Stand im Vollsuff: „Ich weiß nich, wer de bist, und wie de heißt, scheißegal“ Himmel, hab ich gute Laune.
Gefühlte minus zehn Grad Celsius, meine Nase tropft, es schneit. Ich habe mir ein Müllsäckchen ums Handgelenk geschlungen, in das ich im Sekundentakt meine verrotzten Taschentücher entsorge. Ich bin erkältet. Die andere Hand umkrampft eine Flasche Kölsch. Wir warten auf den Zoch.
Kölsch und Jägermeister in mir, Samba extern, laufe ich langsam warm. Alles wird netter. Die Samba-Trommler sind gut, und trotz der auf gefühlte minus zehn Grad Celsius gefrorenen Füße, fange ich an, mich zu bewegen. Der Samba-Führer macht Show mit uns. Hände nach links, langsam nach rechts geschwungen und dann ein knappes „Hey“. Vor mir macht uns ein etwas gealterter Justin mit goldenem Paillettenhut den Moonwalk. Stimm-ung.
Langsam nähert sich der Zug. Bläser und Pauken, die in Samba-Manier „Like a prayer“ intonieren. Schräg aber lustig. Der Zug besteht allerdings nur aus der Spitze. Hinter der Spitze kommt lange nix. Dann ein paar Feuerjongleure. Wir laufen mit, um uns an den Fackeln zu wärmen. Zwischendurch noch einen überteuerten Wodka-Kölsch besorgt und wieder in den Zoch. Und schon klatscht uns die Frage der Fragen ins Gesicht: „Ihr gehört aber nich dazu?“ Nun. Wir geben unser Bestes, auch wenn das Köln-Wappen nicht auf meinen Backen prangt. Frechheit.
An allen Ecken wird gepullert, die aufgestellten Dixies sind freundlicherweise alle verschlossen. Supa.

Nach dem gefühlten zehnten Mal „Like a prayer“ ist der Zug am Ende der Langlaufstrecke angelangt. Da stehen wir. Irgendwie traurig, dass es schon vorbei is. So viel Gefühltes. Und endlich mal ein paar nette Kostüme. Hexen ohne Synthetikfähnchen, sozusagen im heimgewebten Kostüm, ein lebendes Zirkuszelt, ein echter Kohlkopf …
Am nächsten Tag laufe ich mit orangener Federboa durch Köln und beschließe, kommendes Jahr als Ei zu gehen. Um den Hals ein Nest aus Zweigen und Hamsterstreu gebunden, den Kopf und die Haare weiß angemalt und obendrauf eine Plüschhenne, die mich sozusagen legt.
Der Kölner Karneval inspiriert?
So weit bin ich in zwei Tagen Köln gediehen. Ich werde Ei sein.
Guckst du.


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