Chill and out of Dali

Sitze in der Bar an meinem Hotel. „A.m." heißt sie, wahrscheinlich, weil sie eine der wenigen ist, die bis in die frühen Morgenstunden geöffnet hat.

Einschub: Hier muss man sich schicken, um vor 20.00 Uhr noch was zu essen zu bekommen, sonst muss die Maus hungrig ins Bett. Wahrscheinlich sind diese Essenszeiten bedingt durch die vielen touristischen Senioren. Haare schneiden, Massagen und Schönheits-Pflege sind hier bis tief in die Nacht, wenn nicht die ganze Nacht möglich. Muss man nicht verstehen, sondern sich nur drauf einstellen.

Trinke bei „Best of Cuba Allstars" einen Cocktail. 1,50 Euro und er ist mein. Die Besatzung spielt Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich bin der einzige Gast. Seufz.

Es war ein chilliger letzter Tag. Mountain-Bike geliehen, trotz meiner Abneigung gegenüber Schweiß treibender Drahtesel, und Dalis nähere Umgebung abge-trekkt. Gelegentlich abgestiegen und zu Fuß weitergegangen, bin ich noch mal über Reisterrassen, Teeplantagen, den unglaublichen aus dem Boden gestampften Seerosen-Park unten in Caicun, durch eine tote Stadt, die wohl mal im Immobilienwahn rund um den Kulturpalast erbaut wurde, ja, durch all diese Szenerien bin ich heute noch einmal hindurchgechillt. Habe die nah am Größenwahn gebaute Universität besucht und noch vieles andere gesehen.




Habe Kinder beim Baden im Fluss, der dank des starken Regens gestern wieder floss, geschaut. Eine Moschee am Rand der Berge bewundert, die seltsam deplatziert zwischen Reisfeldern und See in den Himmel stak.

Bin die Stadt nochmals abgefahren auf der Suche nach lokalen Lokalen.

Zu einem dieser Lokale bin ich also vor acht zurückgekehrt, um zu Abend zu essen. Fragte in einem „fandian" nach „jiaozi". Mei you. Gibsnich. Kenn ich. Aber, siehe da, ich wurde ins gegenüberliegende Lokal verwiesen, denn dort gäbe es welche. Und ich hatte sie, die besten „jiaozi", die ich bisher naschen durfte. Wunderbar gewürzte Füllung, in einem leckeren heißen Sud mit Frühlingszwiebeln, irgendeinem Spinat-Verwandten und Sellerie. Beim Umherschauen fiel mir ein Kohlrabi ins Auge. Wollte ich, mit ganz viel Ingwer, „chao de", in der Pfanne kurz angebraten. Das war heute meine Seelenrettung. Der Kohlrabi war die Erfüllung zu den „jiaozi". Dazu ein lauwarmes Bier, aber auch das konnte mir dieses Abschiedsessen nicht verderben. Hätte mich reinlegen wollen. Lobte die Köchin, die sich sichtlich freute. 2,50 Euro für ein Stück vom Glück. Dann noch zum Bäcker, eine seltsame Sahnerolle holen, die sich klebrig an meinen Gaumen saugte.

Abschließend Massage, passt, nach dem Essen. Heute keine Ich-robbe-auf-meinen-Knien-quer-über-deinen-Körper-Thai-Massage, sondern eine traditionelle chinesische.

Ah, und Oh. Zuerst Kopf, Schläfen, Nacken, dann linker Arm, Hände, Finger, linkes Bein, weiter rechts, umgedreht und zu guter Letzt noch den Rücken. Achach. Für 9,- Euro so viel Entspannung ist doch ungerecht.

Und nun sitze ich zum Chill-Out des Chill-Outs in der Bar und werde gleich noch einen 15-jährigen Glennfiddich schlabbern. Für immerhin vier Euro. Naja, Ausländer-Krims-Krams ist halt etwas teurer. Aber Reisschnaps ist nur was für Chinesen.

Ja, wer da will, der spendiere sich einen Flug ins Reich der Mitte, um dann auf selbstfinanzierte Kur zu gehen. Massagen für 10,- Euro im Schnitt, die Stunde. Fußmassagen, Yasmin-Ölmassagen, Traditionelle Chinesische, lokale Massagen, alles, was das gestresste Herz begehrt. Dazu noch schicke Doppelzimmer für 10,- Euro die Nacht, öffentliche Transportmittel für ein paar Cent, Entspannung und innere Einkehr im Tempel, gesundes, leckeres Essen für nicht mehr als 3,- Euro die Mahlzeit und und und.

So, und jetzt werde ich meinen Glenfiddich ordern und ganz genau darauf achten, dass sie den edlen Tropfen nicht wieder mit Eiswürfeln verwässern.

Muss noch schnell ne Packung „Yuxi" holen, Spitzenzigaretten. Wen interessiert da schon der Teergehalt. Auch die mir auf dem Weg zum tausendsten Mal von einer Bai zugeflüsterten Worte „Smoke, Ganja?" entlocken den Tiefen meiner Seele lediglich ein mildes Lächeln.
Bye, bye, Dali, bye, bye!

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