Jinmabiji


Da sitze ich, kurz vor 9, abends. Auf dem großen Platz. Und schreibe.
Kunming.
Kunming gestern, das war ein Aufatmen. Weite Straßen, frische Luft aus den Bergen, die einen böig, selbst in den kleinsten Gässchen, erreicht. Blauer Himmel, viel Grün an den Straßen, auf den Plätzen, wenig Hektik und dennoch eine typisch Chinesische Großstadt. Irgendwie anders aber eben doch. Keine Schlepper, Nepper, Bauernfänger. Der Bauer ist immer der, der Ausländisch ausschaut.
Kunming war es gestern und ist es heute, Sonnenuntergang hinter den Wolkenkratzern, dann eine scharf abgegrenzte Mondsichel ohne Sterne, die wie hingemalt über der Stadt schwebt. Keine Sterne. Dafür eine Drachenschnur, an deren Ende man den Drachen in der Nacht nicht mehr ausmachen kann, die aber selbst in grün, rot und blau blinkt, steil in den Himmel leuchtet, die fehlenden Sterne ersetzt.
Kunming ist auch das erste Geschenk: In einem Laden mit Kopierer will ich eine einzige Seite aus meinem Reiseführer kopieren, um nicht den ganzen Tag das Pfund Zellstoff mit mir rumschleppen zu müssen. Als ich die Börse zucke, sagt mir die Verkäuferin, ich bräuchte nicht zu zahlen: „Huanying nin lai Kunming!", Willkommen in Kunming, sagt sie stattdessen. Ich bin sprachlos gerührt.
Der erste Tag wird ein schöner. Ich kaufe mir sogar eine kurze Hose, sie passt, was ein Wunder ist, weil mir Hosen prizipiell nicht passen wollen – sieht immer irgendwie zum Heulen aus – und noch mehr Wunder, weil asiatische Konfektion auf einen ganz anderen Markt zugeschnitten ist, sprich auf superkleine, superschlanke Menschen.
Es ist ein lustiger Einkauf. Streife durch die Gänge eines Konfektionshauses und sehe vieles, was ich schön finde. Was auch ein Wunder ist, weil ich meistens alles gräußlich finde, nicht nur hier, sondern auch in Europa. Ich habe Spaß. Zwischedurch reißt es mich, weil plötzlich alle Verkäufer auf ein anscheinend verabredetes Zeichen unisono losbrüllen. Der Firmen-Slogan, oder sowas. Das passiert mir mehrere Male, immer wieder reißt es mich. Ich lache, die Verkäufer auch.
Sie stellen mich neben eine Schaufensterpuppe europäischen Aussehens und staunen, dass ich selbst diese überage.
Kunming ist toll. Ich laufe durch die Stadt auf der Suche nach Mr. Cheng. Mr. Cheng ist berühmt, weil eben auch er im Lonely Planet steht. Ich will mal fragen, ob ich hier eine Stadttour buchen kann.
Vorbei geht es wie immer an viel zu vielen Eindrücken.
Eine Roller-Disko, deren Front zum Park hin offen ist. Hier ist alles offen. Junge Chinesen manövrieren erstaunlich geschickt über die Rollbahn. Geradezu akrobatisch. Ich gucke eine Weile zu, wie auch viele der Chinesen, die vorbeikommen. Hier rollen anscheinend nur die Profis.
Ein Stückchen weiter gruppieren sich viele Menschen um einen Sänger und eine Sängerin. Klingt wie irgendwelche Mantren. Verstärkt durch ein Mikro ist die Stimme des Mannes ziemlich durchdringend, die der Frau nicht minder. Aber ich verstehe wie so oft nicht, um was es hier eigentlich geht. Öffentliches Gebet im Park? Auf jeden Fall zieht die Darbietung eine Menge Schau- und Hörlustige an.
Dann komme ich in den Grünen-Jadesee-Park. Eine riesige Parkanlage mit vielen Brückchen und Weihern, Seerosen, Bambus, Blumen, so weit das Auge sieht. Und überall an den Ufern wird musiziert. Auch hier wieder mit Mikros und Verstärkern. Eine berauschende Kakophonie aus Stimmen und Instrumenten liegt über dem Park.
Vor einer Musikergruppe tanzt eine Frau. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, Ausdruckstanz à la Mary Wigmann. Zu ihr gesellt sich eine andere Frau und gibt einen Fächertanz. Alles sehr verwirrend. Verwirrend schön.
Eine Ecke weiter wird das Ganze übertönt von marktschreierischen Gebrüll, das von einer kleinen Tribüne herrührt. Dem Anschein nach eine Promotion von China-Mobile. Neben dem Schreier steht ein schüchterner junger Mann und hält eine Palette originalverpackter Handys in den Armen. Der Marktschreier hält die Menge in Schach, aber so viel ist klar, zum Höhepunkt der Aktion werden Handys fliegen. Die Masse schreit: Hier, hier, hier, ich! Als Teaser fliegen ein paar Zahnbürsten in die Menge. Ich frage mich, was Zahnbürsten mit Handys zu tun haben, außer vielleicht, dass beides hier im wahrsten Sinne des Wortes verschleudert wird. Die Menge tobt.
Als ich das Reisebüro Mr. Chengs endlich finde, versteckt im Foyer eines Hotels, wird klar, dass Mr. Chengs Spezialität Tibetreisen sind. So viel zu Lonely Planet. Dieser Allmanach hat mich schon des öfteren in die Irre geführt. Aber Mr. Cheng würde auch eine Stadttour organisieren. Für 450 Yuan, ca. 50 Euro. Das ist eine Menge Geld. Ich lasse mir seine Visitenkarte geben und lobe noch einmal seine Berühmtheit. Das freut ihn, und ich kann mich ohne Scham zurückziehen.
Später am Abend, entschließe ich mich, bei den berühmten Brüdern Jiang die noch berühmteren Across-the-Bridge-Nudeln zu probieren. Tagsüber ist das nicht möglich. Die Leute stehen Schlange bis um die Ecke, um hier essen zu dürfen.
Ich bekomme eine Schüssel heißen Wassers, in das Öl gegossen wird. Dann werden an die 30 Tellerchen mit Zutaten serviert und natürlich eine Schüssel Nudeln. Die Zutaten werden nach Gusto in die heiße Brühe gegeben und auf diese Weise gegart. Was da alles in den Schälchen ist, kann ich nicht so genau sagen. Ich greife mit meinen Stäbchen ein kleines seltsames Gebinde. Kurz darauf hole ich es aus der Brühe: Knusprig. Seltsam, aber nicht ohne. Ich greife noch einmal zu dem Tellerchen, von dem ich das Gebinde hatte. Da sehe ich sie. Eine gegrillte oder gebackene Wespe. Plötzlich machen mir die Across-the-Bridge-Nudeln keinen Spass mehr. So weit über die Brücke wollt ich gar nicht. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was mittlerweile so alles in meinem Magen schwimmt. Wespen hasse ich schon lebend, aber gegrillt... Pfui und nochmals Bäh!
Mein erster Abend endet einsam. Inmitten all der Gruppen von chinesischen, englischen, französischen oder deutschen Touristen auf der Dachterrasse meiner Behausung fühle ich mich mutterseelenallein. Allein und schlecht gelaunt. Hier wird kübelweise Importbier konsumiert, aber immer in Gruppe. Nur ich, ich bin allein.
Der nächste Tag verläuft so, wie es der Vorabend bereits eingeläutet hatte: In misantrophischer Grundstimmung. Ich will zum Bambus-Tempel.
Ganz einfach, sagt die Dame am Hoteltresen. Bus 90, umsteigen in Bus C61. Als ich nach langer Fahrt irgendwo in der Banlieu von Kunming ankomme, frage ich mich natürlich, wo dieser Bus C61 abfahren soll. Immerhin sehe ich einen C69. Heute bin ich nicht in der Stimmung, mein stümperisches Chinesisch an den Mann oder die Frau zu bringen, und einfach draufloszufragen. Da hat mich schon eine, eine Frau, am Wickel. Zum Bamboo-Tempel, bitte hierlang. Ich ahne schon, worauf das hinausläuft. Ja, ich liege richtig. Auf einen Mini-Van zu überteuerten Preisen. Will ich nicht. Versteht sie nicht, ist mir aber egal. Ich gehe meiner Wege. Nur, wo sind die? Erst einmal zum Busterminal. Dort ein Büro. Die Frau am Tresen würdigt mich keines Blickes. Höflich frage ich: Entschuldigen sie, meine Dame, darf ich fragen, wie ich zum Bamboo-Tempel gelange? Sie guckt kurz mürrisch in meine Richtung und sagt dann: "Mei you!", gibs nich!
Kurz fühle ich meine innerliche Hutschnur platzen. Bei meinem ersten China-Aufenthalt wäre ich genau an dieser Stelle explodiert. Was ist denn das für eine blöde Antwort auf die höfliche Frage nach dem Wohin? "Gibsnich!" Spinnt die? Ich bleibe beherrscht, und frage sie, was Gibsnich sein soll.
Sie stöhnt innerlich, ich höre es genau. Schreibt C61 auf einen Zettel und reicht ihn mir ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich sage, das wisse ich schon, die Frage sei, wo der abfahre. Sie winkt dorthin, wo mich der erste Bus gerade ausgespuckt hatte. Toll.
Dort angekommen, habe ich wieder die Schlepperin im Nacken. Auch sie sagt, öffentlicher Bus isnich. Ich warte auf ein Taxi. Taxi ist in der Regel billiger, weil statlich kontrolliert. Nach einer viertel Stunde kommt eines. Hält sogar auf meinen Wink an. Ich steige ein und wünsche, zum Bambustempel gefahren zu werden.
Zwischenfrage: Wieso denken die hier eigentlich immer, wenn die Langnase so hübsch auf Chinesisch fragt, kann ich ihm ja auch gleich meine Lebensgeschichte auf Chinesisch erzählen? Der Taxifahrer erzählt. Irgendwie wird mir klar, auch wenn ich so gut wie nix von dem was er sagt verstehe, dass er mich da nicht hinbringen wird. Ich bedanke mich und steige wieder aus.
Die Schlepperin ist wieder da. Nungut. Kurzes Preisgerangel, dann fährt sie mich.
Als wir die Straße zum Tempelberg erreichen wird mir so einiges klar. Die Straße befindet sich im Ausbau. Soll meinen, sie ist eigentlich nicht befahrbar. Mei you. Gibs nich.
Es dämmert mir langsam. Also wirklich keine Busse und keine Taxis. Und das hatte mir meine Schlepperin von Anfang an zu erklären versucht. Warum mich die Trulla von der Busgesellschaft allerdings dennoch auf Bus C61 angesetzt hat, bleibt unklar. Wahrscheinlich, weil ich ihr "Mei you" nicht als gegeben akzeptiert hatte. Na danke auch.
Die Mini-Van-Fahrerin lässt mir eine Stunde im Tempel, wartet derweil. Für sie ein gutes Geschäft, für mich unfassbar. Für sieben Euro, Anfahrt, Warten, Rückfahrt. Nun ja, 60 Yuan, so viel weiß ich, sind hier eine Menge Geld.
Dieser zweite Tag will überhaupt nicht gelingen. Ich suche noch so einiges und finde nicht. Unter anderem ein gaaaaanz tolles vegetarisches Restaurant gegenüber vom Yutong-Tempel. Ich meine, es gefunden zu haben, aber es hatte wohl heute Ruhetag oder macht bei Tempel-Schluss um 17.30 Uhr ebenfalls zu. Egal.
Ich beschließe den Tag in McDonalds. Was solls. Ich habe heute keine Lust auf Wespennester oder Ähnliches.

Ich und meine Schuhe warten schon seit den Regenwanderungen in den Reisterrassen auf Schuhkreme. Irgendwie hatte ich da, in der Nähe des McDonalds an meinem ersten Abend, neben der Allee der blinden Masseure, ganz viele Schuhputzer gesehen. Aber heute sehe ich keine. Bevor ich zum Essen ging, hatte ich doch noch ein Paar ausmachen können. Dann sehe ich sie. Sie sind auf der Flucht. Anscheinend hier in der noblen Fußgängerzone nicht erlaubt, das Putzen. Mit Schemel und Utensilien unter den Arm seh ich sie laufen. In verschiedene Richtungen. Ich folge. Meine Schuhe brauchen wirklich dringend Pflege. Das ist das erste Mal in China, dass ich den Schuhputzern nachlaufe und nicht sie mir. Heute ist eben irgendwie komplett der Wurm drin.
Irgendwann stelle ich eine Putzerin auf der Flucht. Sie fängt auch an zu putzen, redet dabei – während sie mit ihren Blicken die Umgebung scannt - ununterbrochen mit einer alten Frau, die auf einer Bank rechts von mir sitzt. Es geht wohl um die Polizei, die gerade vorbeigefahren ist. Auf jeden Fall bin ich ziemlich angespannt, stelle mir vor, wie ich sie noch einmal verfolgen muss, um ihr das Geld nachzuwerfen.
Überlege, ob ich mich, indem ich mich auf so eine gesetzeswidrige Leistung wie Schuheputzen einlasse, auch strafbar mache. Am Ende will sie 10 Yuan von mir. Das ist zu viel, das weiß ich, bin dennoch bereit zu zahlen. Hole einen 20-Yuan-Schein raus, und sage: "Mei you lingqian", hab kein Kleingeld, was in europäischen Ohren angesichts des Gegenwertes von 2,20 Euro bizarr klingen mag. Sie erwiedert, sie habe auch keines. Geschenkt, denke ich mir. Gedacht, getan. Da hat die gute Frau mal eben vier Abendessen mit einmal Schuheputzen verdient. Ein Scheisstag für mich, ein guter Verdienst für sie.
Ich hole mir noch ein Eis, darauf habe ich jetzt, denke ich, Lust. Aber als ich zur Kasse gebeten werde, habe ich keine Lust mehr: 35 Yuan. Ich denk, ich hör nicht richtig. Geld für viermal Mittagessen willst du Kackbratze von mir? Für ein Eis, ein lausiges, schlecht imitiertes italienisches Eis? Dabei hatte ich mir selbst schon oft genug gepredigt: Wer in China etwas haben will, was Chinesen nicht essen oder trinken, der muss tief in die Tasche greifen. Tiefer als er denkt.
Hier sitze ich am Abend dieses denkwürdigen Tages, an dem China mir keinen Spass mehr machte. Gerade musste ich von der Bordsteinkante aufsprinen, die sich als Sitzgelegenheit für meine nächtliche Schreiberei auf dem Jinmabiji-Platz anbot. Eine ca. handtellergroße Kakerlake jagte zielstrebig in meine Richtung.
Wespen im Bauch und Kakerlaken am Arsch. Sag ich´s doch: Ein Scheisstag.
Blinde Masseure

Bambus-Tempel

Terrasse meines International Youth Hostels

Lecker Wespe

Über-die-Brücke-Nudeln





Promo von China Mobile


Ausdrucks- (rechts) und Fächertanz (links)


Jinmabiji-Platz


In welcher Höhe schwebt wohl der Drache?




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