Karst und junge Hunde


Mein erster Morgen in Xingping. Es regnet. Wen juckts?
Markttag. An allen Tagen mit einer 3, einer 6 oder einer 9 im Datum. Klar, oder?
Als ich dazu ansetze, mich in das Getümmel zu stürzen, erklärt mir eine junge Frau ganz freundlich, dass ich auf meine Tasche acht geben solle. Es werde geklaut. Sie kann ein paar Worte Englisch. Bedanke mich für den lieb gemeinten Hinweis.
Der Lao Wai (alte Ausländer) schlängelt sich durch den großen Markt. Kinderaugen, wo ich hinschaue. Ganz groß, neugierig, verlegen oder einfach nur staunend.
Ein mobiler "Arzt" schröpft seinen Klienten. Die Schröpfgefäße bestehen aus kleinen Bambusstücken, die oben versiegelt wurden. Der ganze Rücken des Geschröpften ist schon ein einziges Hämatom. Vorher wird er nämlich noch mit einem anderen Gerät ausgestrichen. Sieht schlimm aus, irgendwie ungesund.
Und wieder Kinderaugen.
Küchengeräte, Werkzeuge, die man in der Landwirtschaft braucht, kleine handgemachte Hocker, aber auch der Schaukelstuhl, der in meinem Hotel auf der Terrasse im Erdgeschoss steht, alles wird feilgeboten. Hemden, Schuhe, Drogerieartikel, MP3-CDs. An Ständen mit sehr großen Computern werden für die Kunden auf noch größeren Flatscreens Musikvideos abgespielt.
Dann die Sektion Lebensmittel. Vor allem alle Arten von Kohl, Gurken, Tomaten und Frühlingszwiebeln werden angeboten. Dazwischen sieht man auch mal einen Kürbis.
Tofu kann man sich vom Stück schneiden lassen. Zwei große ebenerdige Fischbassins sind mit hunderten von Fischen gefüllt. Ab und zu springt der ein oder andere raus, zappelt kurz auf dem Pflaster und wird schwups wieder ins Bassin zurückbefördert.

Die Reihe der Metzger. Nieren erkenne ich, alles in allem nichts, was es bei uns nicht auch gibt. Es riecht nicht, obwohl alles offen rumliegt.
Dann an der Ostseite des Marktes die jungen Hunde, die aus ihren Bamubskörben drängen. Für Interessenten werden sie kurz hochgehoben und mit den Vorderpfoten über die obere Öffnung drapiert. Ziemlich fertig sehen sie aus, die Welpen.
Gleich daneben größere Bambusgehege, in denen hunderte von Küken übereinander stolpern. Der Markt.
Die Zeile der Barbiere. Hier werden Haare geschnitten, hier wird rasiert. Mehr als ein Stuhl und die Schneidewerkzeuge sind nicht nötig.
An einem anderen Ende des Marktes verkauft eine Frau ihr Haar, Grundstoff für europäische Haarteile oder Echthaarperrücken. Strähne um Strähne wird ihr fein säuberlich aus dem Haar geschnitten und dann akurat gebündelt. Foto darf ich keines machen. Und wieder diese großen, wunderschönen Kinderaugen.
Eine riesige Markthalle, man braucht schon eine Weile, um Zeile für Zeile zu schauen.
Dann ist es Zeit für einen richtigen Kaffee. Postkarten wollen geschrieben sein.
Der Cappucino kostet 24 Yuan. Ein Café mit englischsprachiger Wirtin. Da kostet der Kaffe schnell mal so viel wie zwei Abendessen. Ein Essen kostet mich – zum Vergleich – 10 Yuan, mit Bier 15 Yuan. 10 Yuan sind derzeit ungefähr 1,10 Euro. Aber, der Cappuccino verdient seinen Namen. Ich genieße ihn.
Danach kurz zur Post, noch zwei Briefmarken besorgen. Ein junger Mann spricht mich auf Englisch an. Wenn ich Briefmarken wolle, müsse ich nach nebenan. Nebenan finde ich nur ein runtergelassenes Rollgitter. Der junge Mann folgt mir, erschließt sich den Weg zum Schalter und gibt mir zwei Briefmarken. Um mir das Restgeld rauszugeben, müssen wir wieder zurück zu Schalter Nummer Eins im Nebengebäude. Effizient, nö, aber irgendwie nett.

Dann mein großer Spaziergang. Auf dem Weg zum „Fischerdorf". Natürlich finde ich den Weg nicht. Bis zur Abzweigung nach rechts kann ich der mir gegebenen Schilderung noch folgen. Dann verliert sich der Weg, ich stehe plötzlich hinter einem Dorf im Feld. Weiter gehts, querfeldein. Je weiter ich gehe, desto schöner wird der Weg. Das Knattern der Frontantriebe auf der Hauptstraße entfernt sich immer mehr. Nur noch Kartsberge und Landschaft. Reisbauern, die ihre Setzlinge mit gezieltem Wurf im Schlamm platzieren. Ein bisschen wie Reis-Dart muss man sich das vorstellen. Dabei sehen die Setzlinge gar nicht so aus, als hätten sie genügend Gewicht, um sich in den Schlamm zu graben. Dennoch, es funktioniert.

Dann ein Dorf und ein lautes "Hello".
Laute "Hellos" sind oft mit einem Angebot verbunden. Das Angebot: Transport per Motorrad oder vom Eintaktmotor gezogenen Frontantriebler. Dass ich laufen will, versteht der Mann nicht, er lacht. Ruft mir noch weitere"Hellos" nach.
Weiter geht es, über einen kleinen Pass in ein ganz und gar unwirkliches Tal. Ein Schlund, umgeben von Karstfelsen. Ein kleiner See ist durch die Regenfälle entstanden. Schwarze Findlinge liegen auf der Ebene um den See. Außer mir nur ein paar Kühe und Rinder. Es nieselt. Dieses Tal wirkt mystisch, es ist, als durchwandelte ich die Verbindung zur Unterwelt. Ich bleibe eine Weile, fühle mich irgendwie angezogen von der Stille und den schwarzen Steinen.

Hinter dem Schlund verliert sich der Weg. Hoch geht es eh nirgendwohin. Die Karstfelsen haben steile Abhänge, da kann man nicht hochklettern. Also zurück zur letzten Weggabelung. Von dort aus eine größere Straße entlang. Immer wieder der Blick in die Ebenen rund um Xingping, gerahmt von Karstgipfeln.
Wieder ein Tal, wieder ein Tümpel. Dorfbewohner ziehen mit Keschern durch das Wasser, versuchen, Fische zu fangen.
Und dann bin ich irgendwann auf der Hauptverbindungsstraße zwischen Yangshuo und Xingping.
Bestaune die Transportmöglichkeiten. Für die Touris gibt es kleinere Busse. Eine Klasse besser sind die Mini-Vans, die man sich für 60 Yuan pro Strecke mieten kann. Das Landvolk ist unterwegs mit kleinen Lästerchen. Werden von einem Motorrad angetrieben, dem irgendwie ein Kastenwagen aufgebaut wurde. Da sitzen sie, dich gedrängt, teilweise auf ihren Säcken, neben ihren Käfigen, die vom Markt aus wieder nach Hause gefahren werden müssen. Und dann natürlich die großen Touristenbusse, Busse wie es sie auch bei uns gibt. In ihnen sind die zahlreichen chinesischen Auflügler unterwegs, um mal das Land zu schauen.

Die Straße tut weh. Bereits in Kanton musste ich mir vier Blasen aufschneiden. Leider haben sich mittlerweile schon wieder neue gebildet. In Xingping angekommen falle ich in eine Apotheke ein und zeige meine wunden Füße. Ich bekomme eine Tinktur und ein paar Wattestäbchen. Kein Plastik, hier sind die Stäbchen noch aus Holz.
Dann noch zwei Bürsten im Supermarkt ergattert, eine für meine Wäsche – ohne Handwäsche geht hier gar nichts – und eine für meine Schuhe. Schlammkruste ablösen.
Es folgt ein gewohnt gutes Abendessen. Diesmal Tofu mit Frühlingszwiebeln und Paprika. Den Tofu hat der Koch so zubereitet, dass er außen richtig kross ist, fritiert oder scharf angebraten.
Nach dem Essen soll ich dem jungen Koch noch auf der über den Tischen hängenden Landkarte zeigen, wo ich herkomme. Mache ich. Dafür bekomme ich dann eine Zigarette und einen Schnaps angeboten. Zigarette nehme ich, aber bereits beim Geruch von Reisschnaps kollabiere ich.
Habe ich bei meinem letzten China-Aufenthalt mal in einer Altmännerrunde nach dem Abendessen getrunken.
Reis-Schnaps, nein danke. Außerdem muss ich mich ja nicht gleich jeden Abend abfüllen lassen. Auch wenn es für die anderen so witzig ist, zu raten, wann der lao wai wohl unter dem Tisch liegt.

Schön war er, mein Tag in Xingping. Morgen muss ich raus aus meiner Luxusherberge. Werde mir im nächsten Haus ein Zimmer ansehen. Bleiben will ich noch. Übermorgen geht es dann ins Touri-Mekka Yangshuo. Englisch-Französische Urlaubskolonie. Eine Nacht geb ich mir das Getümmel, dann will ich weiter zu den berühmten Reisterrassen von Longcheng.

Ach, wie gut das alles tut. China, mein Land der Mitte.























Kommentare

Nadine hat gesagt…
Ich war auch mal in China, jedoch nicht in Xingping, ich war bisher nur in Shanghai, was in direkter Partnerschaft mit Hamburg ist und wir dann mit den Kollegen dort die Beamten besucht haben. Es ist echt wunderschön dort

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