Kühle Füße


Was für ein Tag.


Mein Ziel war Yangdi, etwa fünf Stunden von hier flussaufwärts. Der Weg führt dreimal über den Li-Fluss. Jedes Mal mit der Fähre. Soviel weiß ich schon. Ich setze also mit der Fähre über, nur um nach einem Stück des Weges auf der anderen Seite festzustellen: Ach, du Dödel, du hättest doch erst mal ein Stück links-flussig gehen müssen. Also drehe ich um. Auf der Rückfahrt werde ich in ein Gespräch verstrickt. Ortsansässige und ein Paar Taiwanesen. Toll finden sie es, dass ich Putonghua (Mandarin) lerne. Mein Büchlein wird bestaunt, man versucht in ihm die eigene Sprache wiederzufinden.
Nach ca. ½ Stunde bin ich wieder zurück am Ausgangsort. Toll gemacht, Touri!
Schon scharen sich die ersten Bamboo-Boat-Frauen um mich. Ich habe es vielleicht noch nicht erwähnt, aber hier lebt ein großer Teil der Menschen davon, die Touris auf Bambus-Attrappen über den Fluss zu schippern.
Zehn Mal mindestens sage ich: Bu yao. Brauch ich nicht.
Steigerung: Zhen de bu yao. Brauch ich wirklich nicht, denn: Wo xiang zou lu! Ich will einfach zu Fuß gehen. Das können sie nicht so ganz glauben. Zu Fuß, wo käme da die Provinz Guangzi hin, wenn jetzt alle „lao wai" (alten Ausländer) plötzlich zou lu gehen würden. Ph.

Auf meinem fünfstündigen Marsch werde ich noch das ein oder andere Mal gefragt werden. Klingt dann so: „Bamboo? Yangdi? Bamboo? Yangshuo? Bamboo? Xingping?, je nachdem auf welcher Höhe des Flusses ich mich gerade befinde.
Im Ernst: Es war ja zur Anreise ganz nett, mit Gepäck zu meiner Destination geschippert zu werden, aber zu Fuß beweg ich mich am liebsten
Wieder sehe ich Reisbauern, Bauern, die die Orangenernte einfahren und natürlich viele Anlegestellen der Bambus-Boote, an denen es auch immer ein Lokal gibt, in dem die „müden" Reisenden was anständiges in den Bauch bekommen.
Hatte ich schon erwähnt, dass die Chinesen faul sind? Das trifft zwar, denke ich, größtenteils nur auf die Stadtbevölkerung zu, aber es trifft.
Für die chinesischen Touris, und für uns lao wai natürlich auch – wer's mog – gibt es Busse zum Ort, Büsschen zum Boot, Boot, Büsschen zum zweiten Ort, Busse nach Hause.
So. Wenn die während ihres Ausfluges auch nur einen Schritt tun, dann, um die paar Stiegen ins angesteuerte Lokal hochzuklettern. Wundere mich, dass es dafür noch keine Sänften gibt, wie in den chinesischen Berg-Wallfahrtsorten (viele heilige Berge hier!).

Verlaufe mich noch einmal. Zücke den Kompass, merke, dass ich definitiv in die falsche Richtung laufe, nämlich nach Süden, denke aber - Hah! -, die nächste Biegung der Straße führt sicher in meine Richtung. Biegung um Biegung laufe ich weiter in Richtung Süden.
Ich hasse es einfach, Wege zurückzugehen. Also laufe ich lieber weiter. Dazu geht's jetzt noch bergauf. Kann also nicht sein, bergauf und Süden.
Mann, bin ich doof...
Irgendwann ringe ich mich doch dazu durch, zurückzulaufen. Ist, wie sich herausstellt, dann doch eine gute Entscheidung. Komme an ein ziemlich luxuriöses, auf chinesische Vorzeit getrimmtes Ferienlager. Das Mädchen, das ich frage, hat keine Ahnung wo's nach Yangdi geht. Aber sie erhebt sich von ihrem Schlaflager im Büsschen – ja, auch die Jugendlichen gehen hier nicht zou lu – und holt ihren Reiseleiter. Der weist mir den Weg.
Die seltsam tüdelige Parkanlage, die das Ferienlager umschließt führt wieder direkt runter zum Fluss. Und da habe ich ihn, den Wanderweg nach Yangdi.
Kurz vor der zweiten Fähre fragt mich ein altes Mütterchen mal wieder: „Bamboo, Yangdi?". Ich sage höflich „Bu yao", brauch ich nicht und meinen zou-lu-Satz. Sie hüpft mir voran, ich frage sie, ob sie mich verstanden hat, sie bejaht, hüpft aber weiter. Läuft!, ein altes Mütterchen!
Zwischendurch springt sie noch schnell in einen Orangenhain und pflückt mir eine frische Frucht. Ihre Hand zeigt 2. Zwei Yuan. Ok, das ist ja das mindeste, was ich dem Mütterchen dafür zukommen lassen kann, dass sie mich hier wie ein Springbock hüpfend durch die Gegend führt. Wie schnell sie ist. Hui!

Wie sich herausstellt, bringt sie mich zur Fähre, und passt auf, dass ich gut an Bord komme. Zai jian. Auf Wiedersehen, Mütterchen, zwar sehr unwahrscheinlich, aber das sagt man bei uns ja auch, wenn man eigentlich gar kein Wiedersehen erwartet.
Kurz vor der dritten Fähre, der angeblich teuersten, weil sie sozusagen die Zielfähre ist, springt eine Bäuerin mit ihrem Kleinkind aus dem Feld: „Bamboo!?".
Das schöne daran ist dieses Mal, dass ich verstehe, dass ich billiger fahre, wenn sie mich übersetzt. 10 statt 16 Yuan.
Sie ruft jemanden an, per Handy, ihren "gege", großen Bruder, wie sich gleich herausstellen wird. Der setzt mich über. Hey, 6 Yuan gespart. Dieses Mal sitze ich einfach nur auf den Planken, keine Reeling zur Sicherung, nur die Planken auf den Plastikrohren und ein Motor hinten dran. Finde ich eh viel schöner, ohne Reeling und Baldachin.
Und schon bin ich am Ziel. Doch das Ziel hat auch Bamboo-Boote. Kaum den Kai hochgeklettert, kommt wieder die Frage der Fragen: "Bamboo, Xingping?". Ich versuche zu erklären, dass ich das für gar keine so schlechte Idee halte, aber das ganze gern ein wenig auf später verschieben würde. "Wan", später, versteht sie. Und läuft hinter mir drein in die Stadt. Passt auf, dass mich kein Konkurent wegschnappt. Ich hol mir Zigaretten und grünen Tee in Flaschen – sowas wie Eistee auf Chinesisch -, ruhe auf einem Bänkchen aus und begutachte meine Blasen. Sie hat sich derweil vor dem Kaufladen niedergelassen und harret meiner. Ich sage ihr: eine halbe Stunde. Versteht sie. Deute ihr, sie solle zurückgehen, ich käme dann schon. Keine Chance. Ich trinke meinen Tee auf Ex und rufe ihr zu: Zou ba! Lass uns gehen.
Das Boot wird von ihrem Mann (Bruder, Schwager?) noch zusammengesetzt, touristentauglich gemacht. Planken drauf, Bänkchen, Stühlchen und eine Schwimmweste, falls der Touri nicht schwimmen kann. Nicht ganz so luxuriös wie das Bamboo-Boot bei meiner Herfahrt. Da waren die Plastikrohre noch mit dem Gummi von Autoreifen nach oben zu den Passagieren hin abgedichtet. Nun spritzt der Li-Fluss ungehindert zwischen den Rohren nach oben. Das ist schön. Sitze auf einem Stuhl, meine Beine auf dem Plastik und genieße die Spülung meiner wunden Füße durch den Fluss.
Ach ja, ich hatte der Dame noch gesagt, ich wolle schnell fahren. Sie sagte: "Kuai, keyi", Schnell, das geht.
Vielleicht auch ein Grund, warum mir die Gischt des Li-Flusses dieses Mal gar so die Kleider durchweicht. Aber da es immer noch schwül ist, obwohl es heute Nacht in Strömen gegossen hat, genieße ich die Fahrt. Über meinen I-Pod höre ich Mozarts Don Giovanni. Passt bestens zu den Karstfelsen und der Gischt. Mann, bin ich glücklich!

Beim Abendessen bestelle ich heute "nanguo", einen Kürbis mit dem ich schon gestern geliebäugelt hatte, mit viel Ingwer.
Zwei Kinder entdecken, dass ich ein Foto von den Kohleöfen mache. Wollen sehen. Quietschen, werden immer lauter, wollen, dass ich Fotos von ihnen mache. Mache ich.
"Kan yixia", sagen sie immer wieder, will mal sehen. Beim Zeigen quietschen sie wieder vor Freude.
Sie springen auf die abgestellten Motorräder ihrer Väter und simulieren heiße Rennen. Ich knipse, sie springen ab, „Kan yixia", will sehen...
So geht das eine Weile hin und her, bis es mir zu bunt wird, und ich ihnen die Kamera in die Finger drücke.
Von da ab haben sie unendlich viel Spaß und ich meine Ruhe.


Ach, China, du meine Freude!

Nach meiner Rückkehr von Yangdi muss ich mein schönes Hotel räumen. Bin einfach nach nebenan gegangen, ein chinesisches Hotel, habe mir ein Zimmer zeigen lassen.
Alles da, alles, was ich brauche. Außerdem habe ich entdeckt, dass die Dachterrasse dieses Gebäudes die höchste in der näheren Umgebung ist. Ich überblicke jetzt also ganz Xingping und den Li-Fluss, während ich das WLAN meines alten Hotels nutze.

Was will man mehr. Ach ja, der Preis ist natürlich ein anderer. "Ban". Hälfte.



















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