Schweiß, Monsunregen und eine Revolution
So, jetzt sitz ich im Taxi. Endlich. Dachte schon, ich komme nicht mehr durch. Mein Nervenkostuem ist nicht mehr das, was es beim letzten China-Aufenthalt war.
Ueber drei Stunden vor Flug los.
Ganz einfach. Nur zur naechsten U-Bahnstation und da wartet der Airport-Express. Draussen ist es immer noch so heiss, dass ich mich eigentlich gar nicht bewegen moechte. Ich muss aber. Ich zerfliesse. Alle meine Poren kaempfen um die hoechste Foerderleistung. Dabei will ich gar nicht schwitzen. Ich muss, habe keine Wahl bei ca. 27 Grad im Schatten und 90 % Luftfeuchtigkeit. Bei all den anderen, asiatischen Menschen sehe ich hoechstens einen schwachen Glanz, kurz unter dem Haaransatz. Immer noch trockene Shirts und nicht mal Achselflecken. Nur ich, ich ganz allein schwimme davon.
In der U-Bahnstation muss ich mich erst mal mit vier Taschentuechern trockenlegen. Stelle mich dafuer in eine Ecke und drehe mich zur Wand. Noch dazu rieche ich. Mir ist das unglaublich peinlich, noch dazu, weil mich alle anschauen.
Ja, selbst in Guangzhou gibt es wenig Europaer.
An der Zielhaltestelle gucke ich auf den Plan mit den Ausgängen. Ich habe das System bereits in Hongkong schaetzen gelernt. Alle umliegenden Strassen und wichtige Gebaeude sind verzeichnet und den einzelnen Ausgaengen zugeordnet. Leider hier nicht in Englisch, wohl nur im Zentrum. Dafuer steht unter allen vier Ausgaengen neben den Schriftzeichen noch ein Symbol. Vier Mal Bus.
Nun, welchen Exit nehme ich. Einen. Zu immerhin 25 % Wahrscheinlichkeit der Richtige. In meinem allerbesten Hochchinesisch frage ich am Ausgang nach dem Bus zum Flughafen. Der junge Mann vom Stationspersonal, den ich frage, verweist mich weiter an die junge Dame im Waerterhaeuschen. Sie scheint zu verstehen, deutet mir mit gesenktem Kopf einen Ausgang. Draussen stehe ich wieder in der Hitze und zudem in der Pampa. Keine Busstation weit und breit. Meine Nerven. Ich fange wieder an zu schwitzen. Soll- und Angstschweiss vermengen sich.
Ich laufe los. Einfach mal in irgendeine Richtung. Laufe an einer grossen Strasse entlang und fuehle mich unglaublich verloren. Eine Bushaltestelle. Ich frage einen jungen Mann, aber auch er weiss nicht welcher Bus, geschweige dem von wo der Bus zum Flughafen faehrt. Ich gebe auf.
Ich marschiere zurueck zur U-Bahn, da ich hier draussen auch weit und breit kein Taxi sehe. Taxis, weiss ich zudem, sind in Kanton schwer zu bekommen. Meine Nerven.
Wieder am Waerterhaeuschen angekommen, verbrauche ich weitere Taschentuecher. Erst mal kuehlt mich die klimatisierte Brise im Untergrund wieder runter. Die drei Stunden Zeit bis Abflug sind irgendwie weniger geworden.
Ich entschliesse mich, erst mal eine Weile U-Bahn zu fahren. Zum Hauptbahnhof. Hier unten ist es kuehl und so schoen modern, sauber, zweisprachig, selbst die Ansagen, hier fuehle ich mich geborgen, da fahr ich gern ein Streckchen.
Am Hauptbahhof angekommen wieder dasselbe Spiel. Die Suche nach dem Aiport Express. Finde auf der Tafel auch den Ausgang A, dem die Haltestelle zugewiesen ist. Draussen ein riesiger Busparkplatz und ein Taxistand. Vor dem Taxistand eine Schlange von ungefaehr hundert Leuten. Das ist normal. Also suche ich nochmal den Bus. Davon stehen aber auch ungefaehr vierzig rum und die digitalen Anzeigetafeln zeigen: Schriftzeichen. Super.
Ich frage wieder einen Waerter, am Eingang des Busparkplatzes. Auch er zeigt mit ausgestrecktem Arm in eine Richtung. Wie weit in die Richtung, das kann ich nicht sagen – er auch nicht?
Ich laufe los, versuche irgendwo einen zweisprachigen Bus zu entdecken, weil doch Flughafen was internationales ist. Sehe nix, dreh um. Rolle meinen Koffer zum Taxistand. Warten. Meine Nerven. Die Zeit, die Zeit. Dazu kommt noch ein alter Bettler, der Gott-Sei-Dank nicht nur aber eben leider auch bei mir verweilt. Mit seiner Blechtasse ruettelnd und damit immer wieder an meinen Arm tupfend. Er macht das gut, verweilt gute 2-3 Minuten bei jedem der Wartenden, ruettelnd, tupfend, aber keiner gibt nach, ich auch nicht. Irgendwann bin ich im Taxi und endlich laesst meine Anspannung etwas nach. Klimaanlage, wie schoen. Dabei hasse ich die Dinger. Die Fahrt geht viel flotter als gedacht. Hier gibt es gebuehrenpflichtige Autobahnen. Schoen leer, schoen schnell, kein Stau. Flupps steh ich am Flughafen. Der ist so gigantisch, hochmodern, rundum mit Granitplatten ausgelegt und einem grossen Palmenhain in der Mitte der Halle ausgestattet, dass ich schlucken muss.
Auf der Abflugtafel werde ich darauf hingewiesen, dass sich mein Flug um zwei Stunden verschiebt. Grossartig. Als Check-In-Counter wird C28 genannt. Gibt es aber nicht. C hoert bei 27 auf. Ich suche. Bis ich mehr aus Zufall sehe, dass C28 ueber den Self-Service-Automaten steht. Ich fummle an einem Automaten rum, versteh nicht, was das alles zu bedeuten hat und werde von einem freundlichen Menschen darauf hingewiesen, dass ich bei jedem C-Schalter einchecken kann. Aha. Meine Nerven.
Ich stelle mich an einem an und als ich dran bin, schliesst die junge Dame den Schalter. Verweist mich per Fingerzeig an den Nebenschalter. Ich stelle mich also wieder an, und siehe da, ich kann einchecken, der Flug ist verschoben und ich darf noch drei Stunden auf diesem schoenen Flughafen verbringen.
Meine Nerven sind entspannt, ich werde klimagekuehlt und warte meinem Ziel entgegen. Nachdem ich ein wenig geschrieben, meine Quittungen und saemtliche Tascheninhalte geordnet habe, gehe ich noch in ein chinesisches Fast-Food-Restaurant. Kung Fu. So heisst es. Alles von der Orga so wie bei McD und Konsorten, nur finden sich auf meinem Tablett viele kleine Toepfchen und Tiegelchen. Ein wenig Ruehrei, eine Suppe, eine Schuessel Reis, etwas frisch gebratenes Gemuese, und irgendeine Fleischschweinerei mit Morcheln und Karoettchen angerichtet. Ich fuehle mich gestaerkt. Gehe durch die Sicherheitsschranke, um danach noch weitere Wirrungen zu erleben. Unter anderem ist mein Flug mittlerweile um eine weitere Stunde auf Mitternacht verschoben. Wird immer weiter verschoben, bis ich irgendwann in den Hallen des Donners gewahr werde. Ich wandere rum, sehe, wie es schuettet und blitzt und bin jetzt ganz zufrieden, noch immer unten in der Halle zu sein. Scheint so etwas wie der Jahrhundertsturm zu sein. Immer weitere Fluege werden ganz gestrichen, der meine immer weiter verschoben. Ich habe mir einen Pappkarton geschnappt – anfangs wurden hier noch gratis Wasserflaschen verteilt – und mich hingelegt. Aber schon bald wird es laut. Es rumort noch etwas anderes. Es gibt lauten Streit am Informationsschalter. Um was es geht, weiss ich nicht. Ich kauere direkt an der Trennwand zur VIP-Lounge. Der Laerm hoert nicht auf, aber ich denke mir, nein, ich bin nicht sensationsluestern und gucke nicht nach. Ausserdem bin ich einfach nur muede. Irgendwann falle ich ueber die Mischung aus Geschrei und den immer wieder suess dazwischen soufflierenden automatisch generierten Delay-Ansagen in den Schlaf.
Bis der Laerm ploetzlich direkt bei mir ist. Die Tuer zur VIP-Lounge liegt vier Meter neben mir. Auf diese wird jetzt mit einer Wasserflasche eingedroschen. Der Mann, der das tut, skandiert irgendwas, sehr theatralisch, eine brennende Zigarette im Mundwinkel. Die Meute, die vorher noch weit weg war, insbesondere die Schaulustigen kommen jetzt auf meine Ecke zugeschossen. Die Stimmung heizt sich auf, bis irgendwann Tritte gegen die Tuer folgen.
Naechste Szene, die Tuer wird eingetreten und die Volksmassen verschaffen sich Zutritt zur VIP-Lounge.
Meine Guete, was fuer ein Tamtam. Dann fliegen noch Barrikaden, die keine sind, ein ganz klein wenig was wird kaputt gemacht, irgendso'n Staender.
Ich ziehe mich zurueck.
Kurz darauf verlagert sich das Geschrei wieder, weg von meiner Ecke. Ich bin beeindruckt, wie schnell sich das Volksgemuet doch erregt und wie heftig. Obwohl das alles nach Aussen nicht wirklich gefaehrlich wirkt, eher wie eine Art Vorstellung. Nur laut isses, und das geht mir auf die Nuesse. Mittlerweile ist es auch schon 2 Uhr morgens. Bekomme das Gefuehl, dass der Sturm nachgelassen hat.
Die VIP-Lounge ist mittlerweile fest in Volkes Hand.
Alle lümmeln sie in den Club-Sesseln, die zwei PC-Stationen sind besetzt, die Kühlschränke so gut wie gelehrt. Draußen läuft das Volk mit Armen voller VIP-Bier rum.
Die Klimaanlage läuft mittlerweile schon lange nicht mehr im Gebäude. Als ich meinen Weg zu den Kühlschränken finde – ich habe nach sieben Stunden Trockenheit langsam Durst – ist bereits alles so gut wie geräumt. Finde noch eine Cola (keine Light!), also Zuckerwasser zum Durststillen und eine Dose lauwarmes Bier. Mache es mir gemütlich auf meiner Pappe vor der Lounge und zünde mir eine Zigarette. Ach, ist China schön aufregend. Die kleine Revolution finde ich zwar in ihren Ausmaßen übertrieben, dennoch angemessen. Hatte ich schon erwähnt, wie heiß es ist? Auch der Sturm hat keine spürbare Abkühlung gebracht. Und Getränke für die Wartenden gab es anscheinend ausschließlich für die VIPs.
Frage mich, warum die immer noch schreien. Es gibt nix mehr zu holen, weil nix mehr da ist, was umverteilt werden könnte. Mir egal, schreit nur. Rufe kurz in die Menge: Bie shuo le!, hört auf zu reden, aber das interessiert niemanden. Auch gut. Drinnen in der Lounge wird es laut. Jetzt fangen sie in der Tat an, Glas zu zerschlagen und Bierdosen zu werfen. Habe kurz reingespitzt und mich dann ganz schnell wieder auf meine Pappe zurückgezogen. Ein bißchen angespannt bin ich schon, weiß ja nicht, wie das mit der Revolution noch weiter geht. Klirr, Schepper. Nunja. Ich rauch noch eine.
Mal sehen ...
Da fällt mir auf, wie langweilig so ein siebenstündiger Aufenthalt in Deutschland wäre. Sicher hätten sich mir dort in einer ähnlichen Situation schon längst die Zehennägel aufgedreht.
Hier bin ich quietschfidel, mittlerweile ist es halb vier Uhr morgens.
Es lebe die Revolution!!!
Ueber drei Stunden vor Flug los.
Ganz einfach. Nur zur naechsten U-Bahnstation und da wartet der Airport-Express. Draussen ist es immer noch so heiss, dass ich mich eigentlich gar nicht bewegen moechte. Ich muss aber. Ich zerfliesse. Alle meine Poren kaempfen um die hoechste Foerderleistung. Dabei will ich gar nicht schwitzen. Ich muss, habe keine Wahl bei ca. 27 Grad im Schatten und 90 % Luftfeuchtigkeit. Bei all den anderen, asiatischen Menschen sehe ich hoechstens einen schwachen Glanz, kurz unter dem Haaransatz. Immer noch trockene Shirts und nicht mal Achselflecken. Nur ich, ich ganz allein schwimme davon.
In der U-Bahnstation muss ich mich erst mal mit vier Taschentuechern trockenlegen. Stelle mich dafuer in eine Ecke und drehe mich zur Wand. Noch dazu rieche ich. Mir ist das unglaublich peinlich, noch dazu, weil mich alle anschauen.
Ja, selbst in Guangzhou gibt es wenig Europaer.
An der Zielhaltestelle gucke ich auf den Plan mit den Ausgängen. Ich habe das System bereits in Hongkong schaetzen gelernt. Alle umliegenden Strassen und wichtige Gebaeude sind verzeichnet und den einzelnen Ausgaengen zugeordnet. Leider hier nicht in Englisch, wohl nur im Zentrum. Dafuer steht unter allen vier Ausgaengen neben den Schriftzeichen noch ein Symbol. Vier Mal Bus.
Nun, welchen Exit nehme ich. Einen. Zu immerhin 25 % Wahrscheinlichkeit der Richtige. In meinem allerbesten Hochchinesisch frage ich am Ausgang nach dem Bus zum Flughafen. Der junge Mann vom Stationspersonal, den ich frage, verweist mich weiter an die junge Dame im Waerterhaeuschen. Sie scheint zu verstehen, deutet mir mit gesenktem Kopf einen Ausgang. Draussen stehe ich wieder in der Hitze und zudem in der Pampa. Keine Busstation weit und breit. Meine Nerven. Ich fange wieder an zu schwitzen. Soll- und Angstschweiss vermengen sich.
Ich laufe los. Einfach mal in irgendeine Richtung. Laufe an einer grossen Strasse entlang und fuehle mich unglaublich verloren. Eine Bushaltestelle. Ich frage einen jungen Mann, aber auch er weiss nicht welcher Bus, geschweige dem von wo der Bus zum Flughafen faehrt. Ich gebe auf.
Ich marschiere zurueck zur U-Bahn, da ich hier draussen auch weit und breit kein Taxi sehe. Taxis, weiss ich zudem, sind in Kanton schwer zu bekommen. Meine Nerven.
Wieder am Waerterhaeuschen angekommen, verbrauche ich weitere Taschentuecher. Erst mal kuehlt mich die klimatisierte Brise im Untergrund wieder runter. Die drei Stunden Zeit bis Abflug sind irgendwie weniger geworden.
Ich entschliesse mich, erst mal eine Weile U-Bahn zu fahren. Zum Hauptbahnhof. Hier unten ist es kuehl und so schoen modern, sauber, zweisprachig, selbst die Ansagen, hier fuehle ich mich geborgen, da fahr ich gern ein Streckchen.
Am Hauptbahhof angekommen wieder dasselbe Spiel. Die Suche nach dem Aiport Express. Finde auf der Tafel auch den Ausgang A, dem die Haltestelle zugewiesen ist. Draussen ein riesiger Busparkplatz und ein Taxistand. Vor dem Taxistand eine Schlange von ungefaehr hundert Leuten. Das ist normal. Also suche ich nochmal den Bus. Davon stehen aber auch ungefaehr vierzig rum und die digitalen Anzeigetafeln zeigen: Schriftzeichen. Super.
Ich frage wieder einen Waerter, am Eingang des Busparkplatzes. Auch er zeigt mit ausgestrecktem Arm in eine Richtung. Wie weit in die Richtung, das kann ich nicht sagen – er auch nicht?
Ich laufe los, versuche irgendwo einen zweisprachigen Bus zu entdecken, weil doch Flughafen was internationales ist. Sehe nix, dreh um. Rolle meinen Koffer zum Taxistand. Warten. Meine Nerven. Die Zeit, die Zeit. Dazu kommt noch ein alter Bettler, der Gott-Sei-Dank nicht nur aber eben leider auch bei mir verweilt. Mit seiner Blechtasse ruettelnd und damit immer wieder an meinen Arm tupfend. Er macht das gut, verweilt gute 2-3 Minuten bei jedem der Wartenden, ruettelnd, tupfend, aber keiner gibt nach, ich auch nicht. Irgendwann bin ich im Taxi und endlich laesst meine Anspannung etwas nach. Klimaanlage, wie schoen. Dabei hasse ich die Dinger. Die Fahrt geht viel flotter als gedacht. Hier gibt es gebuehrenpflichtige Autobahnen. Schoen leer, schoen schnell, kein Stau. Flupps steh ich am Flughafen. Der ist so gigantisch, hochmodern, rundum mit Granitplatten ausgelegt und einem grossen Palmenhain in der Mitte der Halle ausgestattet, dass ich schlucken muss.
Auf der Abflugtafel werde ich darauf hingewiesen, dass sich mein Flug um zwei Stunden verschiebt. Grossartig. Als Check-In-Counter wird C28 genannt. Gibt es aber nicht. C hoert bei 27 auf. Ich suche. Bis ich mehr aus Zufall sehe, dass C28 ueber den Self-Service-Automaten steht. Ich fummle an einem Automaten rum, versteh nicht, was das alles zu bedeuten hat und werde von einem freundlichen Menschen darauf hingewiesen, dass ich bei jedem C-Schalter einchecken kann. Aha. Meine Nerven.
Ich stelle mich an einem an und als ich dran bin, schliesst die junge Dame den Schalter. Verweist mich per Fingerzeig an den Nebenschalter. Ich stelle mich also wieder an, und siehe da, ich kann einchecken, der Flug ist verschoben und ich darf noch drei Stunden auf diesem schoenen Flughafen verbringen.
Meine Nerven sind entspannt, ich werde klimagekuehlt und warte meinem Ziel entgegen. Nachdem ich ein wenig geschrieben, meine Quittungen und saemtliche Tascheninhalte geordnet habe, gehe ich noch in ein chinesisches Fast-Food-Restaurant. Kung Fu. So heisst es. Alles von der Orga so wie bei McD und Konsorten, nur finden sich auf meinem Tablett viele kleine Toepfchen und Tiegelchen. Ein wenig Ruehrei, eine Suppe, eine Schuessel Reis, etwas frisch gebratenes Gemuese, und irgendeine Fleischschweinerei mit Morcheln und Karoettchen angerichtet. Ich fuehle mich gestaerkt. Gehe durch die Sicherheitsschranke, um danach noch weitere Wirrungen zu erleben. Unter anderem ist mein Flug mittlerweile um eine weitere Stunde auf Mitternacht verschoben. Wird immer weiter verschoben, bis ich irgendwann in den Hallen des Donners gewahr werde. Ich wandere rum, sehe, wie es schuettet und blitzt und bin jetzt ganz zufrieden, noch immer unten in der Halle zu sein. Scheint so etwas wie der Jahrhundertsturm zu sein. Immer weitere Fluege werden ganz gestrichen, der meine immer weiter verschoben. Ich habe mir einen Pappkarton geschnappt – anfangs wurden hier noch gratis Wasserflaschen verteilt – und mich hingelegt. Aber schon bald wird es laut. Es rumort noch etwas anderes. Es gibt lauten Streit am Informationsschalter. Um was es geht, weiss ich nicht. Ich kauere direkt an der Trennwand zur VIP-Lounge. Der Laerm hoert nicht auf, aber ich denke mir, nein, ich bin nicht sensationsluestern und gucke nicht nach. Ausserdem bin ich einfach nur muede. Irgendwann falle ich ueber die Mischung aus Geschrei und den immer wieder suess dazwischen soufflierenden automatisch generierten Delay-Ansagen in den Schlaf.
Bis der Laerm ploetzlich direkt bei mir ist. Die Tuer zur VIP-Lounge liegt vier Meter neben mir. Auf diese wird jetzt mit einer Wasserflasche eingedroschen. Der Mann, der das tut, skandiert irgendwas, sehr theatralisch, eine brennende Zigarette im Mundwinkel. Die Meute, die vorher noch weit weg war, insbesondere die Schaulustigen kommen jetzt auf meine Ecke zugeschossen. Die Stimmung heizt sich auf, bis irgendwann Tritte gegen die Tuer folgen.
Naechste Szene, die Tuer wird eingetreten und die Volksmassen verschaffen sich Zutritt zur VIP-Lounge.
Meine Guete, was fuer ein Tamtam. Dann fliegen noch Barrikaden, die keine sind, ein ganz klein wenig was wird kaputt gemacht, irgendso'n Staender.
Ich ziehe mich zurueck.
Kurz darauf verlagert sich das Geschrei wieder, weg von meiner Ecke. Ich bin beeindruckt, wie schnell sich das Volksgemuet doch erregt und wie heftig. Obwohl das alles nach Aussen nicht wirklich gefaehrlich wirkt, eher wie eine Art Vorstellung. Nur laut isses, und das geht mir auf die Nuesse. Mittlerweile ist es auch schon 2 Uhr morgens. Bekomme das Gefuehl, dass der Sturm nachgelassen hat.
Die VIP-Lounge ist mittlerweile fest in Volkes Hand.
Alle lümmeln sie in den Club-Sesseln, die zwei PC-Stationen sind besetzt, die Kühlschränke so gut wie gelehrt. Draußen läuft das Volk mit Armen voller VIP-Bier rum.
Die Klimaanlage läuft mittlerweile schon lange nicht mehr im Gebäude. Als ich meinen Weg zu den Kühlschränken finde – ich habe nach sieben Stunden Trockenheit langsam Durst – ist bereits alles so gut wie geräumt. Finde noch eine Cola (keine Light!), also Zuckerwasser zum Durststillen und eine Dose lauwarmes Bier. Mache es mir gemütlich auf meiner Pappe vor der Lounge und zünde mir eine Zigarette. Ach, ist China schön aufregend. Die kleine Revolution finde ich zwar in ihren Ausmaßen übertrieben, dennoch angemessen. Hatte ich schon erwähnt, wie heiß es ist? Auch der Sturm hat keine spürbare Abkühlung gebracht. Und Getränke für die Wartenden gab es anscheinend ausschließlich für die VIPs.
Frage mich, warum die immer noch schreien. Es gibt nix mehr zu holen, weil nix mehr da ist, was umverteilt werden könnte. Mir egal, schreit nur. Rufe kurz in die Menge: Bie shuo le!, hört auf zu reden, aber das interessiert niemanden. Auch gut. Drinnen in der Lounge wird es laut. Jetzt fangen sie in der Tat an, Glas zu zerschlagen und Bierdosen zu werfen. Habe kurz reingespitzt und mich dann ganz schnell wieder auf meine Pappe zurückgezogen. Ein bißchen angespannt bin ich schon, weiß ja nicht, wie das mit der Revolution noch weiter geht. Klirr, Schepper. Nunja. Ich rauch noch eine.
Mal sehen ...
Da fällt mir auf, wie langweilig so ein siebenstündiger Aufenthalt in Deutschland wäre. Sicher hätten sich mir dort in einer ähnlichen Situation schon längst die Zehennägel aufgedreht.
Hier bin ich quietschfidel, mittlerweile ist es halb vier Uhr morgens.
Es lebe die Revolution!!!
Kommentare