Touri-Pfuhl Dali


Nur, ich sage nur, 300 km von Kunming liegt Dali. Da es in der Xishuangbanna-Region südlich von Kunming anscheinend dauerregnet, habe ich mich für Dali Gucheng, die alte Stadt Dali entschieden.
Dabei wollte ich so gern einmal in meinem Leben in tropische Gefilde. Aber in den Tropen gibt es ja bekanntlich auch Regen. Um genauer zu sein Monsun.
Vier bis fünf Stunden sollte der Bus für die Strecke brauchen. Ich nahm den billigsten. Warum der Bus so billig war, sagte mir niemand.
Grund: Der Bus verließ auf der Hälfte der Strecke die gemütliche Schnellstraße und schraubte sich, während auf dem Bord-Fernseher James Bond lief, eine Nebenstraße auf die 1900 Meter von Dali hoch.
Na danke. Jeder weiß, was Schlaglöcher sind, und was sie für die Insassen eines Fahrzeuges bedeuten. Aber wenn man die Straße vor lauter Löchern nicht mehr ausmachen kann, dann hat man genau das Vergnügen vor Augen, das ich und meine Mitgefangenen vor uns hatten. Hülfääää!
Während Mr. Bond von einer Gefahr in die nächste schlitterte, mochte ich nicht so recht entscheiden, wer gefährlicher lebt: Mr. Bond oder Mr. Dietz.
Die Passstraße war einspurig, was aber keinen der Fahrer daran hinderte, dreispurig zu überholen. Unser Bus überholte die tranigen LKWs und wir wiederum wurden von den Expressbussen überholt, welche ihrerseits von den PKWs überholt wurden. Toll.
Ich verkeilte mich mit meinen Knien zwischen meinem und dem Vordersitz, was mir bei der Beinfreiheit, die mir blieb, ein Leichtes war. Nach 6 ½ Stunden waren wir auch schon in Dali. Dali Xiaguan.
Nur noch schnell rüber zum alten Dali. Sieben Stunden nach Abfahrt stand ich bereits an der Hotelrezeption. Nur Laufen ist schneller.

Als ich nach kurzer Erholungsphase in meinem weissen Ikea-Doppelzimmer vom Hotel aus in die Altstadt ziehe, trifft mich der Schlag. Hallelujah.
Wo bin ich denn DA hingeraten. Shop an Shop, Touri an Touri, Café an Café. Hippies, Oberstudienräte, Tibetreisende, Rentner aus aller Herren Länder, Chinesen, Taiwanesen, Engländer, Holländer, Franzosen, Deutsche. Die Etablissements heißen hier „The Phoenix", „Bad Monkey Café" oder auch „Gogo Café", „Tibetan Lounge" und mich gruselts, inklusive Gänsehaut und kaltem Schweiß im Nacken, während ich durch die pittoresken Gässchen wandle. Je weiter ich laufe, desto mehr gerinnt mir die Kotze beim Aufstoßen im Hals. Gott, ist das ein hingeschissener Touri-Himmel!
Ja, die Altstadt ist alt und zum größten Teil original erhalten, umringt von vier großartigen Toren, die einstmals Einlass zu dem 4 x 3,4 km großen, von einer Befestigungsmauer umringten Stadtgebiet boten.
Jetzt ist es ein Karzer für vergnügungssüchtige Deppen.
Was es alles gibt. Mir wird sogar zweimal die mit einem anzüglichen Augenzwinkern versetzte Frage gestellt: „Smoke?"
Und bis ich kapier, was die netten Bai-Frauen meinen, bin ich eh schon lange auf Kriegsfuß mit meiner neuen Heimstadt.
Die meinen tatsächlich, dass ich hierhergekommen bin, nach Yunnan, 1900 Höhenmeter hochgeschaukelt, um mir ein Pfeifchen Gras zu ziehen.
Ich laufe durch die Straßen und spreche laut meine neuen Mantren vor mich hin: „Ach du liebe Scheiße!", oder auch „Himmelherrgott!", „Was für eine erbärmliche Scheiße!"
Das Schlimme ist, dass man bei all dem ausgehängten oder angebotenen Schnickschnack, Ramsch, Hasch und Budweiser die wirklich schönen alten Bai-Häuser gar nicht mehr sieht. Degradiert zum Passpartout für 1001 Hässlichkeiten.
Dali. "Huanying nin lai Dali!". Willkommen in Dali.
Am nächsten Tag schreite ich zum Westtor, der Stadt per Bus zu entfliehen. Ich wollte auf den 4000 Meter hohen Berg über mir, aber das Wetter sah nicht danach aus. Also los, erstmal den Erhai See hinauf. "Xizhou" (gespr. Chsidschou) empfahl die Rezeptionistin. Das sei nett.

Ist es. Erst einmal ist Markttag. Trifft sich gut, da gibt es für mich, den Touri, was zu sehen. Ja, leider, ich mag es kaum sagen, aber auch ich bin Touri. Aber kein bekiffter Dali-Hippie und kein vor Gesundheit und guter Laune strotzender Oberstudienrat a. D. Diesen feinen Unterschied möchte ich schon noch machen dürfen.
Von Xizhou aus wandere ich durch Dörfer und über Reisfelder zum See. Setzlinge werden gebündelt, dann auf die Felder getragen, wo sie Stück für Stück entlang gespannter Schnüre eingesetzt werden. Alles buckelt und plagt sich. Buckeln trifft hier genau. Ich bin schon einigen alten Bauern begegnet, die sich vor lauter Buckel kaum noch fortbewegen konnten. Aber die Bauern auf dem Feld sind noch jung und buckeln eifrig ihrer gebeugten Rentenzeit entgegen. Am Feldrand wird Mittag gemacht.
Von allen werde ich freundlich gegrüßt, ich bin der einzige Touri hier.
Nur 19 km weit weg von all den anderen. Ich komme an vielen Tempeln vorbei. Irgendein buddhistischer Festtag scheint heute zu sein. Alte Frauen lassen Böller krachen, bringen Opfer dar, singen, schlagen Trommeln und klirren Zimbeln. Es räuchert gewaltig. Schön ist das. Die Kinder rufen mir, wie ich es vom Land kenne, ein "Hello" entgegen und kichern sich halb wund.
Irgendwann bin ich allein, auf einer Landzunge im Erhai-See. Die Landschaft ist bizarr. Der See sieht aus wie ein tot.
Hunderte winzig kleiner Frösche springen mir um die Beine. Ich sitze am Ufer und rauche eine Zigarette. Zur Landzunge musste ich durch ein Tor, hinter dem ich auf eine Art verlassene Feriensiedlung - wohl ehemals für den kommunistischen Nachwuchs errichtet - stieß. Das erinnert mich irgendwie an Mecklenburg-Vorpommern. Ja, vieles ist gleich, aber eben doch anders. Gleich-Anders. Man kann noch die Anlage eines Parks erkennen, dazu die verlassenen Häuschen, die aussehen, wie von Kinderhand gemalt. Das ist das Haus vom Nikolaus. Da sitze ich am siebtgrößten Süßwassersee Südchinas. Schön ist das, aber das sagte ich bereits.
Es nähern sich drei junge Chinesen. Erste Aktion: Die mitgebrachte Plastikflasche fliegt in den See. Was soll ich sagen? Nix! In Deutschland würde ich der Umweltsau erstmal gehörig die Leviten verlesen, oder ihm gleich in den Arsch treten.
Die drei setzen sich neben mich und genießen den Blick über das andere Ufer hinweg zu den Bergen. Die Flasche treibt vor uns im See. Mein junger Nachbar macht Fotos mit seinem ziegelsteingroßen Handy.
Vom See. Von mir. Dann kommen die üblichen Fragen. Woher? Deutschland! Sein Gesicht wirkt etwas ratlos. Nachdenklich wiederholt er seinen Gefährten das Wort „Deguo", Deutschland. Ich frage ihn, wo sie her sind. Von hier. Also dürfen sie Müll in den See laden. Solange sie nur ihre eigene Flora und Fauna schänden...
Ich ziehe weiter; springe auf einen Bus. Alle Busse halten an, wenn man winkt. Praktisch. Und hier fahren viele Busse.
Leider habe ich vergessen, wie das Örtchen am nördlichen Ende des Erhai-Sees heißt. Kein Problem. An Bord treffe ich auf zwei Holländerinnen, die sich für einen halben Tag ihrer Reisegruppe entzogen haben. Sie haben die Bibel dabei – den Lonely Planet – und schon kann ich der Schaffnerin sagen, wohin ich will. Shaping (gespr. Schaping). Sie lässt mich kurz nach den Holländerinnen raus und sagt mir, ich müsse auf einen anderen Bus aufspringen. Wieder kein Problem. Weiter gehts im nächsten Bus, der vorbeikommt.
Shaping. Ich gehe einen Gasse hinunter, sehe eine Mutter und ihre zwei Söhne beim Nähen. Sie winken mich heran. Mutter bietet mir ihren Platz hinter der Nähmaschine und einer der Söhne eine Zigarette an. Da sitze ich, irgendwo in China, hinter einer Nähmaschine, an der Tischdecken genäht werden. Wir tauschen das Übliche aus. Woher? Das erste Mal? Wohin? Und so weiter... Ja, ich weiß, das wirkt ein wenig selbstverliebt, aber ich genieße es, der einzige Touri zu sein, der einzige Europäer auf weiter Flur.
Wieder komme ich an vielen Tempeln vorbei. Bei einem werde ich sogar hereingebeten. Ich ziere mich, will das Gebet nicht stören, außerdem weiß ich Langnase doch gar nicht, um was es an diesem Tag geht.
Das Nichtwissen ist das Schönste. Ich spinne mir meine eigenen Geschichten, so vieles weiß ich nicht, noch so vieles mehr verstehe ich nicht. Das lässt mir dieses Land so lieb werden. Nicht verstehen, vor allem nicht verstehen müssen, ist manchmal aufregend wohltuend. Ich ziehe ein wenig den Berg hinauf, um einen Blick über den ganzen See zu bekommen. Bodensee-mäßig. Schön. Immer wieder schön, was soll man sonst denken?
Auch mein Rückweg klappt wieder wie am Schnürchen. Es ist so viel einfacher, wenn man die Sprache spricht.
„Spricht", nicht „versteht".
Immer wenn ich eine Frage stelle, z. B. „Fährt dieser Bus nach Dali Alte Stadt?", kommt mir ein Schwall chinesischer Sätze entgegen. Mit dem Verstehen habe ich es noch nicht. Nun ja, zumindest komme ich mit meinen Fragen besser ans Ziel als bei meinem letzten China-Aufenthalt. Was mich dennoch ein wenig irritiert, ist, dass ich auf geschlossene Fragen nie ein einfaches „Ja" oder „Nein" bekomme, sondern immer ein Konglomerat von Informationen, die ich nicht zu deuten weiß. Egal. Ich komme wieder an, in Dali, meinem Touri-Pfuhl.
Setze mich ins Café meines Hotels, das nebenbei bemerkt „Four Seasons International Youth Hostel" heißt, und klopfe den Tag in die Tasten. Ein kleiner sechsjähriger Junge – wie gesagt, Fragen kann ich schon ganz gut – kommt immer wieder zu mir, haut auf die Tasten, zieht an meiner Langnase, befummelt meine Warze und findet überhaupt vieles an mir, was ich gar nicht mehr wahrnehme, äußerst interessant.
So schlecht ist Dali gar nicht. Vielleicht sollte ich doch noch ein Friedenspfeifchen rauchen. Friede sei Dali. Friede sei den Touristen. Friede sei den Muffins und New-York-Cheesecakes, die es hier an jeder Ecke gibt. Friede sei den mit der Englischen Flagge bestickten Rückenkissen in den Hotelfoyers.

Friede.


Four Seasons IYH




Ölpresse



Rohrzucker und Eier



Mittagspause


Erhai

Verfallenes Ferienlager am See


Umwelt-Sünder

Wandmalerei

Näher



Tempel: Festtag


Zerrt an meiner Nase und meinen Muttermalen



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