Tschi-ü ("Qiyu"), Abenteuer Berg


Wie soll ich denn schreibend Schritt halten, mit all dem, was ich erlebe. Unmöglich. Vielleicht erlebe ich gar nicht so viel, aber meine Wahrnehmung ist eine feinere hier, wahrscheinlich, weil es so viel Ungesehenes, bisher nicht Erlebtes gibt. An so vielen Details haken sich meine Gedanken fest.
Ankunft in Yangshuo. Wieder mal alles reibungslos. Endlich wieder eine Bank. Das Geld war mir fast ausgegangen. Kein gutes Gefühl, aber ich wusste, dass es bis Yangshuo reichen muss. Dann mit dem Motorrad-Taxi weiter in Richtung Hotel. Natürlich macht mir der Motorrad-Mann gleich eine Touren-Offerte. Aber mir wurde schon so viel angeboten, dass es mittlerweile ein Leichtes für mich ist, nein zu sagen.
Das Hotel ist sagenhaft. Ich muss sagen, dass die Internationalen Jugenherbergen – bis auf die Klitsche in Guilin, die aber auch eine Portion Charme besaß – einen sehr hohen Standard haben. Die Einzelzimmer entsprechen, na, ich würde sagen, einem drei Sterne Hotel deutschen Standards. Mein Zimmer ist riesig, mit einer Schlafempore, rosa gestrichenen Wänden und einem Erlebnis-Badezimmer, in dem der Wasserhahn als kleiner Wasserfal fungiert. Wie immer habe ich Klimaanlage, Fernseher und WLAN. Das Hotel ist in den Berg gebaut. Die Rückwand des ersten Zimmers, das ich begutachtete, war Karstfelsen. Allerdings hatte es kein Fenster, also zog ich um in einen rosafarbenen Salon.
Um zum Empfangstresen zu kommen geht man unter dem Berg hindurch, der sich rechterhand über einen wölbt. Der Weg führt über eine kleine Glasbrücke, unter der ein paar Fische in einem kleinen Becken plantschen. Alles eine Mischung aus Geschmack und Kitsch, aber schön.
Die Dachterrasse ist der pure Wahnsinn. Ein Ausblick zum Niederknien, wieder der Fluss und natürlich Yangshuo. Eine Roof-Bar wurde eingerichtet, Frühstück gibt es ebenfalls hier oben.
Nachts werden die Berge rund um Yangshuo illuminiert. Auch das kitschig, aber nichtsdestoweniger einfach atemberaubend schön.
Ich gehe meinen ersten Tag ruhig an. Flaniere durch die Touristen-Straße - "Xi Jie" - und bestaune den Nepp. Trinke einen Cappucino, für dessen Preis ein Chinese auf ca. vier Mahlzeiten im Lokal verzichten müsste, und schreibe Karten an meine Klienten.
Das Ganze hier ist wie eine Mischung aus Ibiza und China. Bars, Karaoke-Cafés, Discos, die des nachts gerammelt voll sind, Schmuck, Sex-Massagen, allerhand Stoff-Ware, dazwischen auf 100 Metern drei Blinde, die ein chinesisches Saiteninstrument spielen, und Reisebüros, die Touren zu den Highlights der Region anbieten.
Ich treffe an der Uferpromenade auf eine Gruppe Ping-Pong spielender Kinder. Europäer und Chinesen geben sich ein Stelldichein. Ich staune. Frage einen französisch sprechenden Mann, der Fotos von ihnen macht, wie dieses Joint-Venture zustande kommt. Die Französische Schule Hongkongs auf Landausflug. Aha. Was es alles gibt.
Weiter unten, ich bin auf der Suche nach dem Eingang zu einem Bergaufstieg, fragt mich ein junger Chinese, ob ich ein Foto von ihm vor dem Eingangstor machen kann. Mach ich. Danach fragt er, was ich vorhabe, und ob er mich begleiten könne. Er ist so natürlich, fast naiv dabei, dass ich eigentlich gar nicht misstrauisch werden sollte. Aber meine Erfahrung vor 1 ½ Jahren in Peking, wo mich vier Mädels nach einem ähnlichen Auftakt sowas von abgezockt hatten, dass ich den Rest des Tages auf den verschiedesten Pekinger Polizeistationen verbringen musste, um wieder an mein Geld zu kommen, hat mich vorsichtig gemacht.
Wir ziehen dennoch zusammen los. Meine rechter Arm klemmt meine Tasche fest, muss aufpassen, dass ich keinen Krampf bekomme.
Wie sich im Laufe des Tages herausstellt, ist er hier zum Englischunterricht, mit 100 anderen Business-English-Schülern.
Erst mal will ich auf einen der Karsthügel. Da ich aus Erfahrung weiß, dass selbst Bergsteigen in China bedeutet, über Seilbahnen, Treppchen und gemütliche Höhenwanderwege ans Ziel zu kommen, denke ich mir nichts dabei. Ich bin erstaunt, dass Joe, meine Bekanntschaft, mich begleiten will. Er erzählt mir, dass er gestern bereits einen Hügel besteigen wollte, aber keiner seiner Kommilitonen ihn begleiten wollte. Wundert mich nicht, selbst junge Chinesen sind anscheinend faul.
Los gehts, anfangs über Treppchen. Ich lächle, habe noch eine kleine Tüte mit neuen Flip-Flops und zwei Fächern für meinen Berliner Mitbewohner in der Linken, bin entspannt. Irgendwann hören die Treppchen plötzlich auf. Man kann noch einen Steig erkennen, also gehen wir weiter. Aber dann wird's wild. Wir ziehen uns von Vorsprung zu Vorsprung, ich halte mich an Gestrüpp, Gestein und Bäumen fest. Steil ist es und ziemlich unwägbar. Ich fange an zu schwitzen und höre nicht mehr auf, bis wir oben sind. Da stehe ich bereits bis zu den Kiemen unter Wasser. Peinlicherweise meistert der junge Mann das Ganze lockerer als ich. Ich werde alt. Sagt mir, er sei in den Bergen aufgewachsen. Ach so, denke ich, eine geborene Gemse. Auch er schwitzt ein wenig, aber wo mir bereits die Hose an den Beinen klatscht, hat er lediglich ein paar kleine, kaum sichtbare Schweißperlen auf der Stirn.
Meine Oberschenkel sind nicht mehr vorhanden, meine Knie Pudding, aber der Blick von hier oben war die Mühe wert. Freue mich schon auf den Abstieg, denn als alter Bergsteiger weiß ich, hochkommen ist eine Sache, runterkommen eine andere. Als wir unten ankommen, sind mein T-Shirt und meine Hose klatschnass. Nun, DIESER junge Chinese war nicht faul! Puh!
Er fragt mich, ob ich zu seiner Schule mitkomme wolle. Mach ich doch. Dort werde ich seinen Mitschülern vorgestellt, die alle froh sind, endlich mal ihre Englisch-Kenntnisse anbringen zu können. Sie alle sagen, dass sie in Grammatik hervorragend trainiert sind, aber in Sachen Kommunikation nicht geschult werden. Sie wollen wissen, welche Fragen man bei einem Vorstellungsgespräch an einer europäischen Uni zu erwarten hat. Kann ich leider nicht beantworten. Aber diese Frage bleibt ihnen, neben vielen anderen doch die Wichtigste.
Abends treffe ich mich nochmal mit dreien von ihnen. Joe, Sinty und Sofia. Die Fragen gehen weiter, aber auch ich habe die meinen.
Ich lerne, dass Chinesen keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub haben. Das heißt, sie haben eine Sieben-Tage-Woche, es sei denn, sie verzichten auf einen Teil ihres Einkommens.
Meine Chinesen hier kommen aus der Provinzhaupstadt Nanning. Dort verdient man im Durschnitt 1000 Yuan im Monat, die Kosten für eine Wohnung belaufen sich auf durchschnittlich 500 Yuan. Ergo hat eine Familie ca. 1500 Yuan im Monat zum Leben. Ich schlucke. 150 Euro im Monat für eine Familie? In der Provinzhaupstadt?
Demnach hat mein Kaffee von heute Morgen hier einen Gegenwert von 32, die von mir erworbenen Flip-Flops einen von 70 Euro. Aber so einfach ist die Rechnung wohl nicht. Es gibt andere Preise, bei denen ich eher 1:5 rechnen würde. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Für einen Euro bekommt man hier ungefähr das fünf bis zehnfache an Gegenwert, gemessen an europäischen Verhältnissen. Aber die Preise hier habe ich noch nie verstanden. Ich würde sagen, das, was hier alltäglich ist, wie zum Beispiel die "Baozi" (kleine Dampfnudel-Brötchen), kostet einen Europäer so gut wie nix – in diesem Falle drei Stück zu 1,5 Yuan.
Das, worauf ein Chinese auch verzichten kann, z. B. eine Fahrt auf dem Bamboo-Boot, kostet dann auch hier Geld, wenn auch für unsere Verhältnisse nicht viel (100 Yuan). Die Bamboo-Boot-Fahrt dürfte allerdings für einen Chinesen aus Nanning unerschwinglich sein.
Tja, ich lerne hier nie aus.
Meinen Tag lasse ich auf der Dachterrasse ausklingen, von der ich die kitschig illuminierten Karstfelsen schaue.








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