Ein letzter Grüner Tee
Guangzhou, verrückte Großstadt. Auf Wikitravel fand ich die Aussage, Guangzhou könne man trotz des Trubels nach einer Zeit lieb gewinnen. Nur die meisten Touristen kämen nie an diesen Punkt, weil sie Guangzhou so schnell wie möglich wieder verlassen würden.
Guangzhou. Schon auf dem Weg in die Stadt, diesmal mit dem Taxi, weil mir alles andere zu mühsam ist, sehe ich einen neuen Audi A6, in dem drei Afrikaner sitzen – gefahren von einem chinesischen Chauffeur. Die Handelsbeziehungen zwischen China und Afrika werden immer mehr ausgeweitet. Wobei die Afrikaner hauptsächlich billigen Krimskrams einkaufen, den sie aufgrund der unschlagbar tiefen chinesischen Preise in Afrika mit einem Gewinn wieder losschlagen können. In Afrika! Eigentlich müssste man meinen, dass eine Arbeitsstunde in Afrika weniger kostet, als im neuen China.
Die Fußgängerzone und die Läden laufen über vor Menschen, man ist eingehüllt von einem ständig wabernden Meer aus Lichtreklamen und Geräuschen. Alles ist laut, hell, quirlig.
Vor dem „Total Fitness Club" stehen insgesamt 10 Anwerber/-innen. Ich sagte schon, dass Dienstleistungen hier billig sind, möchte nicht wissen, wie wenig man mit so einer Tätigkeit verdient. Auch innerhalb der Läden findet sich an jedem T-Shirt-Stapel ein Verkäufer. Kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man aus einem Land kommt, in dem man in den großen Kaufhäusern auf der ganzen Etage manchmal keinen einzigen Verkäufer orten kann.
Ich gehe zum Friseur. Werde gefragt, ob ich Haare waschen will, es koste 5 Yuan extra. Natürlich will ich eine halbstündige Kopfmassage für 50 Cent. Was für eine Frage. Meine Haarwäscherin findet es so toll, einen Ausländer unter ihren Fittichen zu haben, dass sie die ganze Zeit in Kantonesisch auf mich einquatscht. Ich bin cool – hier bekommt man aufgrund der unglaublich drückend-schwülen Wetterlage eine kalte Kopfwäsche - aber nach einiger Zeit doch etwas verlegen, da ich so gar nichts verstehe. Sie ist lustig, kann einfach den Mund nicht halten, obwohl sie merkt, dass sie mir auch erzählen könnte, sie sei die Göttin Guanyin, wiedergeboren in einem Friseurladen in Kanton.
Mein Friseur ist etwas zurückhaltender, sehr lieb, wir schaffen es, die Basics auszutauschen. Er ist 25, verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. Wie hält er die Familie über Wasser, wenn hier der Schnitt nur 20 Yuan kostet? Eine Stunde Arbeit, 20 Yuan, und die gehen bekanntlich an den Chef. Verdient er 10 Yuan die Stunde? Kann auch nicht sein, weil Friseurläden hier ewig lange offen haben, und die Friseure wie auch die Verkäufer in all den Shops, Kiosken, Ramschläden fast den lieben langen Tag auf Kundschaft warten. Also, wie viel bleiben ihm unterm Strich von den 20 Yuan, die der Chef einsteckt?
In meinem Viertel Fangcun werden gerade, wie an so vielen Stellen in der Stadt, die Bürgersteige und teilweise die Straßen aufgerissen. Die Asian-Games kommen im Herbst nach Kanton. Es wird aufgeräumt, ähnlich wie in Peking vor der Olympiade oder in Shanghai vor der Expo.
In dem Sandbett, das die Straße im Moment ausmacht, sind zwischen den abends ruhenden Baumaschinen Stühle und Tische verteilt. Die Barbecue-Stände haben ihr Geschäft wortwörtlich in den Sand gesetzt. Auf kleinen Plastikstühlen im Sand verteilt schmatzen hungrige Kunden. Wie ich es liebe, wenn Straßen nachts so lebendig sind.
Jeden Tag lerne ich meine Lieblingslektion, die mich dieses Land lehrt, aufs Neue: Es geht auch einfach. Ich wage zu bezweifeln, dass es dem Gros der Chinesen an nichts fehlt, aber ich wüsste nicht, was mir hier fehlte. Es ist alles und noch mehr da, alles ist einfach. Im doppelten Sinne des Wortes. Liebenswert einfach.
Ich stehe im Raucherkabuff in Istanbul und schaue auf meine rechte Hand. Meine letzte „Yuxi" geht zur Neige, und ich habe das Gefühl, dass mit ihr auch China langsam zwischen meinen Finger verglimmt. Nicht ganz so traurig wie beim letzten Abschied, aber immer noch so traurig, dass es weh tut.
Guangzhou, China, in den völlig überfüllten U-Bahnen, Bussen, setzen Mütter ihren Nachwuchs auf die Sitze, sie selbst stehen. Nein, auch nicht auf den Schoß kommen die Kleinen, sie thronen wie kleine Könige auf ihren Sitzen. Eher lässt man ein altes gebrechliches Mütterchen als ein dreijähriges Kind stehen. Kinder sitzen. Mama steht mit Einkäufen und Schulranzen beladen behütend davor.
Die „neue Stadt", „Xincheng", Zhujiang mit ihren Wolkenkratzern, Zaha Hadids Opernhaus. Über die Maßen modern und chick, hier zeigt sich, dass Kanton eine Geldstadt ist. Ein anderer Stern, Raumschiff Oper, gesäumt von Wolkenkratzer-Raketen.
Dann die „Yi-de-lu", mit den unzähligen Ladenzeilen in großen Geschäftshäusern. Anfangs komme ich an einer haupstächlich mit Schuhgeschäften bestückten Ladenzeile vorbei. Schuhe, wohin das Auge sieht. Ständig kommen neue Paletten vom Parkplatz vor dem Gebäude. Überall stehen Kartons, gebündelte Kartons, die gerade an Einzelhändler verkauft wurden, oder Kartons mit neuer Ware. Der Parkplatz ist ein Meer aus Kartons. Auch hier wird gleichzeitig ein- und ausgeladen. Alles Schuhe?
In der Ladenzeile sehe ich auch afrikanische Geschäftsfrauen, die gerade dabei sind, eine größere Order abzusetzen. An diesem Stand werden abstrus schillernde Synthetikblumen in noch abstruseren griechischen Vasen verkauft. Das ist es, was die drei vornehmen, in heimisches Tuch gehüllten, stolz wirkenden Geschäftsfrauen in großen Mengen ordern. Dafür gibt es in Afrika also einen Markt. Unglaublich. Unglaublich ist auch, was in diesen Ladenzeilen alles verkauft wird.
Für unsere Verhältnisse nur Kitsch und Ramsch. Uhren, Haarbänder, Gürtel, Armreifen, Glitzer-Krams, Kindertütüs, Taschen, Sonnenbrillen, Fächer, Schlüsselanhänger, Vasen, Stofftiere, Winke-Katzen, automatische Seifenspender fürs heimische Waschbecken, unechte Jade, sprechende Geldzählmaschinen. Alles kann man in großen Chargen ordern, aber auch einzeln an Ort und Stelle kaufen.
Auf der Yi-de-lu wird verladen, umgeladen, aufgeladen. In LKWs, auf Fahrräder, Leiterwagen, Fahrradrikschas. Immer wieder kommen schwitzende Chinesen an mir vorbei, die hinter sich einen Handwagen mit riesigen Türmen aus Kartons herziehen. Sie stemmen sich gegen das Gewicht ihrer Ladung, liegen fast im 45-Grad-Winkel zur Straße. Inmitten der Warenhalden wird vor den zur Straße hin offenen Geschäften die Mittagsnudelsuppe geschlürft.
An einer Straßenkreuzung schreit ein Mann der Menge die Destination seines Privat-Busses entgegen, zeigt mit der rechten Hand dabei die noch verbleibenden Plätze. Motorradtaxis scheinen unter der Last des Gepäcks und der Fahrgäste zusammenzubrechen. Egal ob zwei, drei oder vier Räder, hier wird den Achsen der Fahrzeuge immer das Maximalgewicht zugemutet. Nicht das maximal Zulässige. Das, das grad noch geht.
An jeder, wirklich jeder Ecke wird Essbares verkauft. Wassermelonen, Honigmelonen, Kokosnüsse, exotische Früchte, Fleischspieße, fritierte Fischkugeln, würzige Pfannenkuchen, Tee-Eier (echte), gegrillte Lotuswurzeln, Kalamari...
Dazwischen wird auf den Bürgersteigen gelötet, gesägt, gefräßt. Der Verkehr in der Straße steht – fast. In dieser Kulisse, diesem Wirrwarr sieht man immer wieder Schlafende. Auf Rädern, in Blumenkästen, auf Hockern, die Arme um die Knie geschlungen, oder auf einem der vielen Säcke. An der nächsten Querstraße finden sich auf einem Stapel Säcken gleich fünf Schlafende. In diesem Treiben, Schlaf?
Die Hitze ist drückend, der Smog verdichtet sie. Ich sehe immer wieder junge Mädchen, die sich die rechte Hand schützend vor den Mund halten. Was glauben sie damit zu erreichen? Welche Hand dieser Welt kann vor Feinstaub und Smog schützen? Dennoch wandern Hände immer wieder hektisch vor Mund und Nase.
Eine Wertstoffsammlerin sortiert mitten auf dem schmalen Bürgersteig geschäftig leere Paketbandrollen und Pappkartons, sie bringen ihr beim Wertstoffhändler ein paar jiao (ein Zehntel Yuan).
Unten an der Shamian-Insel wird der Kanal von einem Saubermann oberflächlich rein gekäschert. Ein alter Mann zählt gerade seine gesammelten Zigarettenstummel und zündet sich dann einen an. Ich drehe um, biete ihm meine „Yuxi" – die Guten - an. „Oh, no, thank you!", lehnt er in bestem Englisch dankend ab.
200 Meter weiter komme ich an den Fischmarkt. In mit Plastikfolie ausgelegte, gewässerte Styropor-Kartons werden große, schwarzgepunktete Fische gepackt. Schnell wird der Deckel auf die Kiste gepresst, ein erwachsener, ziemlich kräftig gebauter Mann stemmt sich gegen die kämpfenden Fische und fängt an, die Ware in unbeschreiblichem Tempo mit Tape-Band zu umwickeln.
In allen Geschäften, Kiosken, Lokalen läuft irgendwo ein Fernseher. Fast immer wird eine der unzähligen Daily-Soaps gebannt verfolgt. Mein letztes Abendessen. Alle Blicke außer meinen sind der Zentraleinheit Mattscheibe zugewandt. Akkustisch kann ich mich dem Geschehen allerdings nicht entziehen.
Kinder sind immer dabei, bis spät in die Nacht hocken sie in den Läden ihrer Eltern, spielen, essen, schlafen. Dazu gibt es auch keine Alternative, wenn die Eltern ihren Laden sieben Tage die Woche, bis zu sechzehn Stunden täglich geöffnet halten.
Bei meinem letzten Abendessen genieße ich es noch einmal, vor dem und nach dem Essen meine Zigarette am Tisch zu rauchen, Asche und Kippe einfach auf den Boden fallen zu lassen. Aschenbecher gibt es nur in den schicken Lokalen für die Reichen.
Ja, es gäbe zwischen den Zeilen noch so viel Gesehenes, Erlebtes einzuweben, aber das werde ich sicherlich das nächste Mal erzählen.
Schön war es, wie das letzte Mal, nicht mehr ganz so neu und aufregend, aber immer noch so herrlich, dass ich einem Wiedersehen entgegenfiebere.
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