Salud, dinero y amor
Wir klingeln.
Bereits der Auftakt ist
ein bisschen Rocky Horror Show. Wobei wir nicht vom Hausdiener,
sondern vom Herren persönlich hereingebeten und durchs Schloss geleitet werden.
Retsin's Lucifernum. Der Herr des Hauses ist in einen zerknitterten,
abgetragenen Smoking gewandet, trägt unterhalb der linken
Brusttasche ein eisernes Kreuz, mit dem auch gleich die erste
Geschichte beginnt.
Im Alter von fünf Jahren bekam Monsieur
Retsin diesen Orden zum Ende des Krieges von einem deutschen Offizier
zugesteckt, als der Knabe in kindlicher Euphorie und Verblendung
seine Bereitschaft aussprach, zur Ostfront zu ziehen und die Stellung
zu halten. „Hier, was soll der noch, der Krieg ist vorbei!“
Dunkel schallendes Gelächter schließt sich dieser und jeder
weiteren Anekdote des Meisters Retsin an. So auch dieser ersten von
vielen, die noch folgen werden.
Zunächst dürfen wir uns das Haus
ansehen, ehemals Unterkunft der Freimaurer-Loge zu Brügge. Eine
riesige Freitreppe windet sich schneckenförmig in den ersten, uns
nicht zugänglichen Stock. Es fehlt an Geld, um die oberen Geschosse
instand zu halten. In den großzügigen Räumen des Parterre sind
alle Wände mit Bildern verhängt, Portraits von Frauen und Männern
in schweren Blautönen, hin und wieder mit ein paar roten oder gelben
Akzenten versetzt, Bilder von Meeren und Schiffen, finsteren
Gestalten. Bilder die bei all ihrer auf Leinwand aufgebrachten
Farbigkeit etwas Düsteres ausstrahlen, die Herrschaften erscheinen
gleichsam im Zwielicht, wirken wie Menschen einer kruden
Parallelwelt, von der ich bislang noch nichts wusste.
Neben den Bildern, die mit teils in der Leinwand verschraubten Spots die einzige Lichtquelle bilden, sind die Räume mit Kuriosa gefüllt. Gestopft voll mit unzähligen Tischen, Stühlen, Sofas, Sesseln, Piano, Klavier, Orgel, Walzenklavier, einem Sarg, in obskure Kostüme gewandete Mannequins, Torsi, Türmen von blechernen Aschenbechern, Grill- und irdenen Paella-Pfannen, letztere auf einflammigen Rechauds, Pfannen, um Legionen von Hungrigen mit Fleisch oder Paella zu versorgen.
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass der Hausherr allem Lateinamerikanischen von ganzem Herzen zuspricht, eine viele Jahre jüngere Frau aus Peru ehelichte, damit diese das Haus, in dem sie vor einigen Jahren Unterschlupf gewährt bekam, und vor allem das Land nicht verlassen musste. „Die Polizei klopfte und sagte: Das ist illegal. Wenn sie bleiben soll, musst du sie heiraten. Und so habe ich getan und es kein bisschen bereut, es ist Leben im Haus und sie kann einmal alles haben, wenn ich dod bin“, lacht der Meister hintergründig.
Mittlerweile sitzen wir an einem von Gas gespeisten künstlichen, offenen Holzfeuer.
Monsieur Retsin erzählt uns von 1947, als die Familie mit dem großen amerikanischen Wagen Köln besuchte, erzählt uns zur Verdeutlichung dessen, was er sah, einen Witz:
„Der Amerikaner steht in Manhattan auf dem Empire State Building und sagt: Von hier kann ich ganz Amerika sehen. Der Franzose steht auf dem Eiffelturm und sagt: Von hier kann ich ganz Paris überschauen. Und der Deutsche steht in Köln auf einem Stuhl und sagt: Von hier kann ich ganz Köln sehen. (Schallendes Gelächter) Alles platt!!!“
Neben den Bildern, die mit teils in der Leinwand verschraubten Spots die einzige Lichtquelle bilden, sind die Räume mit Kuriosa gefüllt. Gestopft voll mit unzähligen Tischen, Stühlen, Sofas, Sesseln, Piano, Klavier, Orgel, Walzenklavier, einem Sarg, in obskure Kostüme gewandete Mannequins, Torsi, Türmen von blechernen Aschenbechern, Grill- und irdenen Paella-Pfannen, letztere auf einflammigen Rechauds, Pfannen, um Legionen von Hungrigen mit Fleisch oder Paella zu versorgen.
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass der Hausherr allem Lateinamerikanischen von ganzem Herzen zuspricht, eine viele Jahre jüngere Frau aus Peru ehelichte, damit diese das Haus, in dem sie vor einigen Jahren Unterschlupf gewährt bekam, und vor allem das Land nicht verlassen musste. „Die Polizei klopfte und sagte: Das ist illegal. Wenn sie bleiben soll, musst du sie heiraten. Und so habe ich getan und es kein bisschen bereut, es ist Leben im Haus und sie kann einmal alles haben, wenn ich dod bin“, lacht der Meister hintergründig.
Mittlerweile sitzen wir an einem von Gas gespeisten künstlichen, offenen Holzfeuer.
Monsieur Retsin erzählt uns von 1947, als die Familie mit dem großen amerikanischen Wagen Köln besuchte, erzählt uns zur Verdeutlichung dessen, was er sah, einen Witz:
„Der Amerikaner steht in Manhattan auf dem Empire State Building und sagt: Von hier kann ich ganz Amerika sehen. Der Franzose steht auf dem Eiffelturm und sagt: Von hier kann ich ganz Paris überschauen. Und der Deutsche steht in Köln auf einem Stuhl und sagt: Von hier kann ich ganz Köln sehen. (Schallendes Gelächter) Alles platt!!!“
Der 72-jährige Monsieur Retsin kann
nicht still halten, muss jede Anekdote im Stehen erzählen, damit
Arme und Oberkörper mit großem Einsatz Details veranschaulichen
können. Zwischendurch pausiert er sitzend, um einen Zug Weißwein
oder Nikotin zu nehmen.
„Die Guten, die Braven, sie sterben, und ich, ein Drunkard und Raucher, ich lebe!“, resümiert er. „Salud, dinero y amor, das ist alles, was man braucht, Gesundheit, Geld und Liebe!“. Und er lacht sein sattes Lachen.
„Die Guten, die Braven, sie sterben, und ich, ein Drunkard und Raucher, ich lebe!“, resümiert er. „Salud, dinero y amor, das ist alles, was man braucht, Gesundheit, Geld und Liebe!“. Und er lacht sein sattes Lachen.
Von seiner Frau bekommen wir das
peruanische Nationalgetränk serviert, Pisco sour. Bereits den
Zweiten.
Am Nebentisch sitzt sie, mit ihren Eltern – Vater 89 Jahre – und zwei Spaniern, schwatzt. Wir sind die einzigen Gäste.
Am Nebentisch sitzt sie, mit ihren Eltern – Vater 89 Jahre – und zwei Spaniern, schwatzt. Wir sind die einzigen Gäste.
„Ich bin Rassist, alle Araber raus
aus Europa, Lateinamerikaner rein, die trinken und sie bringen Musik,
alle Araber RAUS!“, hetzt der Alte Herr, nur um wieder einen
krachenden Lacher hinterherzusetzen. Bei einem Gang zur Bar um das
nächste Glas Wein dreht der Meister die lateinamerikanische Musik,
die die ganze Zeit die Szene untermalt, lauter auf.
Im Innenhof befinde sich ein Friedhof mit neun Grabsteinen, auf einem fehle das RIP, die Verstorbene habe wohl nicht ruhen können. Ein Vampir.
Seine Familie habe '45 nach Argentinien fliehen müssen, als Kollaborateure hätten sie sonst um ihr Leben fürchten müssen, die Nazis seien damals alle nach Lateinamerika geflohen, Paraguay, Uruguay, mit Papieren, ausgestellt vom Papst.
Monsieur Retsin erzählt in einem Gewirr von mindestens drei Sprachen, Deutsch vermengt sich mit Englisch, durchbrochen von Spanisch, Flämisch und Französisch. Aber er erzählt langsam, immer wieder nach dem richtigen Wort suchend. Die Geschichte mit dem Eisernen Kreuz erfährt später am Abend eine Neuauflage ähnlichen aber nicht identischen Inhalts.
Reich sei sie gewesen, seine Familie, er sei sozusagen verarmter Adel, er habe das Haus verkaufen wollen, kein Käufer habe sich gefunden, es sei zu groß, er sei nur der Conservateur, der Führer, the guide.
Monsieur erzählt und erzählt, in sehr beschaulichem Tempo. Und zwischendurch fragt er immer wieder auf Neue erstaunt: „Wie haben Sie mein Haus gefunden?“
Im Innenhof befinde sich ein Friedhof mit neun Grabsteinen, auf einem fehle das RIP, die Verstorbene habe wohl nicht ruhen können. Ein Vampir.
Seine Familie habe '45 nach Argentinien fliehen müssen, als Kollaborateure hätten sie sonst um ihr Leben fürchten müssen, die Nazis seien damals alle nach Lateinamerika geflohen, Paraguay, Uruguay, mit Papieren, ausgestellt vom Papst.
Monsieur Retsin erzählt in einem Gewirr von mindestens drei Sprachen, Deutsch vermengt sich mit Englisch, durchbrochen von Spanisch, Flämisch und Französisch. Aber er erzählt langsam, immer wieder nach dem richtigen Wort suchend. Die Geschichte mit dem Eisernen Kreuz erfährt später am Abend eine Neuauflage ähnlichen aber nicht identischen Inhalts.
Reich sei sie gewesen, seine Familie, er sei sozusagen verarmter Adel, er habe das Haus verkaufen wollen, kein Käufer habe sich gefunden, es sei zu groß, er sei nur der Conservateur, der Führer, the guide.
Monsieur erzählt und erzählt, in sehr beschaulichem Tempo. Und zwischendurch fragt er immer wieder auf Neue erstaunt: „Wie haben Sie mein Haus gefunden?“
Ein Tipp in einem internationalen
Reiseführer amerikanischer Prägung. Dabei hasst er das
Amerikanische, wie er uns zu anderer Gelegenheit versicherte, keine
Klasse, kein Stil, keine Haltung, Dresden haben sie zerstört,
DRESDEN und Rotterdam.
Im Gemenge der Geschichten ist für uns Zwei nur schwer zu fassen, wie viel ersponnen und erdichtet, wie viel wahr ist. Und es ist auch nicht auszumachen, ob Monsieur Retsin sich über die Frage „Wahrheit oder Dichtung?“ noch den Kopf zerbricht.
Im Gemenge der Geschichten ist für uns Zwei nur schwer zu fassen, wie viel ersponnen und erdichtet, wie viel wahr ist. Und es ist auch nicht auszumachen, ob Monsieur Retsin sich über die Frage „Wahrheit oder Dichtung?“ noch den Kopf zerbricht.
Als sich die Tür des Lucifernums
schwer hinter uns schließt, ein letztes dunkles Lachen in die Gasse
klingt, sind wir uns einig, dass der spannendste und unwirklichste
Abend seit langem soeben zu Ende geht.
Wir können nur nicht genau sagen, ob
es diesen Ort auch wirklich gegeben hat.
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