China ohne Widerstand
6.30 Uhr aufstehen. Duschen, rasieren, Haare waschen, föhnen. Insofern nichts Neues. Dann noch schnell auf den Markt um die Ecke. Hab zwar gestern hauptsächlich Fleischer gesehen, aber irgendwo wird es baozi geben. 7.05 Uhr, ich ziehe los, 7.10 Uhr habe ich meinen Stand gefunden, kann auch dank meiner vielen Überei sagen, was ich will, fragen, was es kostet, und verstehen, was sie ihrerseits dafür haben will.
Ach, diese Preise! Drei leckere Hefeklöße für 20 Cent. Achach.
7.13 Uhr, wieder im Hotel, noch heißes Wasser in meine Tee-Thermos gefüllt - Tee ist bereits drin -,dann Frühstück mit baozi, lü cha, grünem Tee, und einer Zigarette.
7.15 Uhr Abfahrt zu den Pandas. Ich bin der erste am Wagen, frage: „Panda?“. Ting-bu-dong! Er versteht nicht, dabei sind die Schonbezüge seines 7-Sitzers mit Pandas bestickt. Ich zeige drauf, frage, ob er da hin fährt. Dui, dui, dui. Richtig. Na, sag ich doch.
Im Wagen sitze ich mit vermeintlichen Chinesen. Aber sie sprechen richtig gutes Englisch. Das macht mich stutzig. Nein, sie seien keine Chinesen, ich solle raten, das Land fange mit „S“ an.
Singapur, fällt mir da ein. Richtig.
Ich kann mich also unterhalten, erhalte auf der einstündigen Fahrt Nachhilfe in Chinesisch und Anregungen für weitere Ausflüge.
Suupi!
Die anderen Busse sind voll mit Holländern, Deutschen und Engländern. Was für ein Glück. Uff. Und die Fahrt mit den Fünfen macht richtig Spaß. Leslie, Lian, Pipi – da muss sie lachen – Di-Zhi und Shin.
Ich erkläre, dass Pipi in Europa eine kleine Heldin ist und es da gar nix zu lachen gibt. Pipi ist stark und klug! Das gefällt Pipi.
Lustig ist, dass mir die Truppe nicht mal genau sagen kann, warum es in Singapur so viele Chinesen gibt und die Kleinen zweisprachig (Englisch, Mandarin) aufwachsen. Zumindest können sie feststellen, dass ihre Vorfahren Chinesen sind.
Bei den Pandas: Wir jagen dem Führer hinterher. Immer wieder schreit er: "Gogogo!"
Hey, in Chinesisch heißt das "kuai dianr" (schnell ein wenig, soll meinen, nu mal zackig!).
Dann die ersten Bären. 7-8 Stück, vier davon liegen auf dem Rücken, alle schmatzen Bambusschößlinge. Einer von ihnen hat in jeder Hand einen Zweig, knabbert mal rechts, mal links, reckt uns seinen dicken Bauch entgegen. Und wie geschickt er die äußere harte Rinde zu knacken und dann auszuspucken weiß, um an den grünen, zarteren Kern zu kommen. Wirklich putzig.
Nuja, Pandas mögen ja süß sein, aber dennoch nicht so mein Ding, das.
Die Touris springen fast im Dreieck, um die anderen mit ihren Kameras zu überragen.
Kurz werde ich gefragt, an der Brut-Station, ob ich ein Bild mit Panda machen will.
Ja, schon, aber Leslie hat mich vorgewarnt. Er meinte, das koste 1000 Yuan. Der Chinese will 1300 Yuan. Mehr als die Hälfte eines Monatsgehalts. Letzteres liegt im Schnitt bei 2000 Yuan. Ich zeige ihm innerlich 'nen Vogel und lächle freundlich.
Gehe meiner Wege. Erklettere die Mauer, die das Gelände abschottet. Und sehe: Eine Trabantenstadt im Art-Deco-Stil für neureiche Chinesen.
Es wird gegärtnert, die Lohnsklaven mühen sich ab, damit die Oberschicht vor ihren nachempfundenen Villen den grünen Rasen niedertreten kann.
Woher weiß ich das mit dem Art-Deco? Später, in der Stadt, sehe ich ein großes Plakat mit eben dieser Immobilie bei einem Makler, gleich hinter der Tür. Aua.
Zurück in Chengdu gehe ich zum Busbahnhof. Ticket zum Bambusmeer kaufen, mei you wenti. Für mich kein Problem. Immerhin habe ich lange geübt. Aber dass mir Chengdu jeden Tag die mir bisher nicht zuteil gewordene Erfahrung schenkt, dass man mich auch versteht, das ist neu und ich merke, wie mir die Brust schwillt.
Singe ein Liedchen - Englisch - als ich den Busbahnhof verlasse. Und begebe mich bestens gelaunt zum Tempel der Grünen Ziege.
Mit Mototaxi.
Himmel, die kennen hier keine Einbahnstraßen, keine roten Ampeln, keine Rücksicht auf Fußgänger. Es geht über Bürgersteige, über Zebrastreifen, gegen die Fahrtrichtung auf dreispurigen Straßen.
Naja. Ich rauch mir eine und sage mir: Der macht das schon, der Fahrer. Macht er auch.
Spuckt mich an der falschen Stelle aus, obwohl er vorher meinte: Wo zhidao. Ich weiß, wo das ist.
Aber ich habe ja mein Nokia-Navi dabei und den Tempel habe ich vorher unter Favoriten gespeichert. Kompass ist mit zugeschaltet und so sehe ich auf dem Display immer das vor mir, was auch wirklich vor mir liegt. Ich kann nie mehr verloren gehen in chinesischen Städten. Wohltat.
Im Tempel der Grünen Ziege lege ich einen kleinen Schwatz mit meinem Freund ein. Ja, mit meinem Nokia und China Mobile Sim-Karte kann ich ins Internet, und wenn ich das Ausland anrufen will, habe ich eine Telefonkarte. Etwas umständlich, das, aber dafür billig. Nummer von China-Telecom wählen, die "2" für englische Menüführung drücken, Code eingeben, Pin eingeben und dann die Nummer, mit der man verbunden werden will.
Auch darauf bin ich stolz, auf meinen eigenen technischen Fortschritt.
Nachts rufe ich über W-LAN meine Familie per Skype an, auch das, billig, billig, billig.
Die Welt ist zusammengeschnurrt. Mal eben von China aus "Hallo" sagen. Ich liebe das.
Dann gehe ich zur Ziege, die dem Tempel den Namen gibt und streiche ihr über den Rücken. Damit lege ich meine und stellvertretend die Sorgen meiner Lieben bei ihr ab. Ist Brauch so.
Ich weiß zwar nicht, ob das Stellvertreten erlaubt ist, aber wenn der Papst Stellvertreter Gottes auf Erden sein kann, dann ich doch zumindest der von meinen Nächsten, oder?
Wieder draußen stell ich mich an eine Kreuzung und warte auf ein Motorrad, das mich mitnimmt.
Die Straßen sind verstopft, ich habe keine Lust auf Taxi. Es ist heiß und stickig.
Es kommt auch eins, mit Fahrer. Als ich ihm das Ziel nenne, meint er ganz lieb, ich könne ja mit der Linie 27 fahren, dann noch ein Stück laufen.
Und jetzt Achtung: All das verstehe ich! Stolz, Stolz, Stolz und nochmals Stolz.
Ich nehme also den Bus, bedanke mich für den Rat. Im Bus werde ich unsicher, obwohl mir mein Navi zeigt, dass ich in die richtige Richtung fahre. Jetzt wird’s haarig. Ich muss jemanden fragen, ob ich zur Hong Wa Si durchfahren kann oder umsteigen muss. Das erste Pärchen weiß es nicht, ein junger Mann kann mir bestätigen, dass ich absolut richtig bin.
Ach, es ist so viel leichter, seinen Weg zu finden, wenn man spricht. Wie war das noch vor vier Jahren, wie oft wusste ich nicht weiter, wie oft hab ich mir den Wolf geärgert, dass mich niemand versteht, trotz meiner wohl akzentuierten Pantomime?
Ich gelange zum Bambus-Garten. Ja, Bambus, eine meiner großen Lieben. 50 verschiedene Arten. Und morgen noch mehr davon. In echt. Auf vielen, vielen Quadratkilometern erwartet mich nichts als Bambus. Eben das so genannte Bambusmeer. Shunan Zhuhai.
Hier im Garten wird Diabolo geübt. Unterm Bein durch, hoch, runter, um den Kopf geschwungen. Aber die Dinger kreischen ganz furchtbar.
Ältere Herren und Damen treffen sich hier, um Tee zu trinken und zu üben. Geschickt, ohne Frage, aber muss das mit Ton sein?
Die Park-Anlage wird übrigens über große Lautsprecher mit Meditationsmusik für Arme beschallt. Nicht meins, aber irgendwie finde ich das insgesamt dann doch sehr rührend schön. Der Bambus und diese Synthi-Musik, irgendwie ist das kitschig, aber es geht zusammen. Ich liebe China, hatte ich das schon mal erwähnt?
Später, während ich am Ufer sitze und tippe, hängt sich eine chinesische Nase über mein Netbook, mein Sitznachbar findet das anscheinend sehr spannend, wie ich hier in Hieroglyphen vor mich hinschreibe. Ich könnte keine 20 Minuten zusehen, wie jemand Schriftzeichen in seinen PC klopft.
Nuja. Ich hoffe, er hat Spaß.
Zurück zur Jugendherberge, wo ich die nächste Tour für übermorgen buche. Auf einen der vier heiligen Berge Chinas, den Emei-Shan und am selben Tag noch zum Buddha von Leshan, der größten Buddha-Statue der Welt. Two in One. Ich habe doch keine Zeit.
Was kann es Schöneres geben, als ein fremdes Land zu ertasten, erleben, zu erfühlen.
Mittlerweile sitzt der chinesische Nachbar eine Bank weiter, unterhält sich mit einem Freund. Als ich mich erhebe, nickt er mir einen Gruß zu und reckt den Daumen in die Höhe.
Achach, was ist es hier nett.
Nun gehe ich essen. Und mit dem neu erwachsenen Vertrauen in meine Sprachkenntnisse werde ich das Unmögliche versuchen.
Ich will jiaozi, Teigtaschen, aber nicht mit Schweinefleisch, sondern mit Gemüse gefüllt. Und wenn sie die nicht haben, sollen sie mir eben welche formen. Wenn ich es schaffe, das zu vermitteln, dann springe ich vor Freude aus dem Fenster.
Mein Zimmer liegt im Erdgeschoss.
Danach noch eine Massage für, aufgepasst, 30 Yuan (Ts,ts, ts, eine Stunde für schlappe 3,60 Euro) und ich bin bereit für das Bambusmeer und mehr.
Das mit den 30 Yuan glaube ich erst, wenn ich zahle. In Ningbo habe ich mal für eine zugegebenermaßen göttlich wohltuende Gesichtsmassage 300 Yuan bezahlt. Allerdings in einem Schicki-Micki-Laden, der anscheinend den höheren Damen der Gesellschaft von Ningbo hätte vorbehalten bleiben sollen. Ich bekam meine Massage, allerdings untermalt vom Gekicher der anwesenden Empfangsdamen und Masseurinnen.
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