Schlaflos in Sichuan
Ich kann nicht schlafen. Laufe ueber die Ringstrassen, mein T-Shirt
trage ich in der rechten Hand, es ist schwuel-warm. 1.00 Uhr, ich
laufe, laufe vorbei an einer Baustelle. Die Arbeiten sind um diese
Zeit noch in vollem Gange. Spaeter werden sich die Wanderarbeiter hinter ihre mit Planen verhaengten Schlafstellen im Rohbau betten.
China schlaeft nicht, wie ich. Letzte Nacht kam ich auf drei Stunden.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe das Gotan Project auf den Ohren, mein Handy ist zu meinem wichtigsten Begleiter geworden. Musik hoeren, Facebook erreichen, mich ueber das Navi orientieren, wo ich bin, wo ich hin muss, E-Mails checken, E-Mails schreiben, das Hotel anrufen - wie heute, als sie mich auf eine "falsche" Tour geschickt hatten -, im Internet nachgucken, wie das Wetter wird und und und...
Ein Mittvierziger schiebt in Unterhosen sein Motorrad ueber die Treppe zu seinem Laden. Das wird von mir festgehalten, in Bild und ohne Ton.
An der Kreuzung zwischen der Xinnanmen und der ersten Ringstrasse bietet sich Kentucky als Begleiter in der Nacht an.
Tai kexi le - sehr schade, dass ich Vegetarier bin und KFCs 24h-Angebot ausschlagen muss. Ich laufe weiter, versuche ueber ein gonggong dianhua, einen oeffentlichen Fernsprecher, meinen Vater zu erreichen.
Gestern wollte ich einer Freundin meiner Mutter zum Geburtstag
gratulieren, wurde auf meine Frage hin - ja, auf Chinesisch -, von
einem Passanten zur naechsten Kreuzung geschickt.
Weit und breit kein Fernsprecher. Ich stellte einem weiteren Fussgaenger dieselbe Frage. Ting bu dong - er versteht mich nicht, besser, will mich erst gar nicht verstehen. Ich empfinde dieses "Nix-Verstehen", das mir auf meine hoeflichen Fragen wiederholt entgegengehalten wird oft als feindseelig. Aber vielleicht ist das nur meine Empfindung.
Wie oft ich mittlerweile schon als "lao wai", alter Auslaender, tituliert wurde...
Es war einmal. Ganz frueher war das Wort durchaus ablehnend gemeint, und galt einfach allen Auslaendern. Heute ist es ein Ausdruck, der lediglich besagen will: Ich habe dich als Fremden gesehen und ist dabei meist weder abschaetzig noch freundlich, neutral gemeint.
Aber alter Auslaender? Will ich nicht sein.
Ich rufe den Chinesen, die mich so anreden, oder mir ein "lao wai" in den Ruecken murmeln, ein lautes "lao pengyou" hinterher.
So will ich angesprochen werden. Auch ein Ausdruck, der ehemals
Auslaendern galt. Aber netter. Alter Freund.
Das geht. Wenn schon alt, dann wenigstens als Freund.
Meinem Vater kann ich nur auf AB sprechen, nicht da, bu zai.
Hier, an den Ringen, steht ein Fernsprecher neben dem anderen. Erst der zweite akzeptiert meine Telefonkarte. Nach der zehnten Eingabe kommt die Verbindung zustande.
China ohne Widerstand? Nicht ganz.
Ich laufe weiter und erinnere mich an mein erstes China. In Shanghai, auf der Suche nach einem Internet-Cafe. Ich guckte mir die Augen wund, bis ein des Englischen maechtiger Chinese mich ins Schlepptau nahm.
Die wang ba's sind hier delikat versteckt, darueber hinaus im zweiten oder dritten Stock zu finden. Das hatte ich nicht wissen koenen. Aber heute weiss ich's. Und heute kann ich fragen: "Fujin you wang ba ma?", gibt es in der Naehe ein Internet-Cafe?
Moment, ja klar, immer geradeaus, nach hundert Metern auf der rechten Seite.
Ein heruntergelassender Rolladen, in den mannshoch ein Rechteck gefraesst wurde, laesst mich ein, ein in die Hoelle der grossaeugigen Nachteulen.
Mein Pass muss diesmal nicht kopiert werden, wie damals in Shanghai. Aber der Junge zieht den Pass eines mir fremden Chinesen ueber den Scanner. Hier wird alles registriert. Wer wann wo ins Internet geht und welche Seiten aufgerufen werden.
Ich hoffe nur, dass es den zum Pass gehoerigen Chinesen nicht gibt. Wer weiss, was die Funktionaere hinter der Grossen Firewall davon halten, wenn ich deutsche Webseiten aufrufe, versuche, mich bei Google einzuloggen? Der junge Mann auf dem Pass wirds mir danken.
Mein Kopf wird langsam traege, das Tippen und Starren auf den nur vom Monitor erhellten Raum - Moment, hinter mir haengt eine Funzel, die als Lampe durchgehen will - benebelt mich, der mangelnde Schlaf tut sein Uebriges.
Ich muss mich wieder an die Tastatur herantasten auf der ein y ein z vormacht, die Satzzeichen liegen, wo sie wollen und die Umlaute
fehlen. Immer wieder muss ich mich konzentrieren, um in der Dunkelheit die Tastenbelegung zu erraten.
2.22 Uhr, die Hoelle der Schlaflosen lebt. Hier wird gespielt, geskypt und gegooglet. Wobei Skype hier sein Aequivalent in QQ, die Google-Suche ihres in Baidu findet.
Der Altersdurchschnitt im Saal liegt bei geschaetzten 18 Jahren, wenn ueberhaupt, Mann sitzt mit nacktem Oberkoerper vor dem Schirm, Frau nicht. Klar.
Ein Bier waere schoen. Mei you. Mein Lieblingswort. Gibsnich! Sind ja auch nur Jugendliche hier, neben dem lao wai, versteht sich. Fuer mich darf es ein Kraeutertee aus der Dose sein. Ob ich wohl rauchen darf? Dumme Frage, eigentlich weiss ich das, frage nur mal so aus hoeflicher Gewohnheit.
Ich asche auf den Boden, so wie ich es in letzten Aufenthalten erlernt hatte. Dennoch begebe ich mich an die Rezeption und frage daemlich pflichtbewusst nach einem Aschenbecher. Leider weiss
ich das Wort dafuer nicht. Der Junge guckt mich mit Riesen-Augen an, nachdem er es geschafft hat, seine Glubscher fuer eine Minute von dem laufenden Chat auf seinem Bildschirm loszueisen und mir unbeteiligt, gelangweilt zuzuwenden.
Ich deute auf meine qualmende Zigarette, keine Reaktion, deute auf dem Tresen pantomimisch ein Rund an, keine Reaktion.
Fragend zuckende Schultern, ich werde ungeduldig, wie immer, wenn ich das Gefuehl habe, nicht verstanden werden zu wollen.
Ich asche auf den Tresen. Er verzieht keine Miene. Ich asche auf den Boden. Dito. Ich gebe auf.
Wie gesagt, bei der Frage nach dem Aschenbecher handelte es sich um eine recht daemlich pflichtschuldige Geste. Haette ich mir sparen koennen.
Ich zuende mir eine Zigarette nach der anderen an. Liegt das an China oder der Schlaflosigkeit? Quarze und quarze, kann gar nicht genug von meinen Yuxi (gesprochen "Iü-chsie") bekommen. Eine Marke, die man gerne anbietet, als freundschaflich gemeinte Geste, eine der besten. Als verbindlich gilt, dass man die angebotene Fluppe postwendend entzuendet.
Kannte mal einen Chinesen, Nichtraucher, der immer eine Packung mit sich führte, auch rauchte, wenn ihm eine Kippe hingestreckt wurde, nur, um nicht als unhoeflich zu gelten.
So ist das. China, das Raeucherparadies. Auch im einfachen Ess-Lokal wird nicht nur geraucht, Asche und Kippe werden nach dem Genuss auf dem Boden entsorgt.
China. Das Land meiner schlaflosen Naechte.
Neben mir kippt eine rot-weisse Katze gerade den Muelleimer um, auf der Suche nach Essbarem. Wohl die Hausherrin. Geschmeidig ist sie, Muell passt da nicht in mein Bild vom Herzensfreund der Tiere. Wo bekommt man hier Whiskas?
Von den geschätzten zweihundert Plaetzen sind ungefaehr die Haelfte besetzt. Mein Smartphone ist am Ende der Musik angelangt. Mich umgibt der Klang von klappernden Tasten, ins Mikrofon gelachten Dialogen und dem Rauschen der Klimaanlage.
Die Bildschirme sind im Land der Mitte mittlerweile deutlich groesser geworden. Vor mir ein halber Meter Flatscreen. Rueckstaendig ist hier nichts. Aber ich bin ja auch in Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan. Auf dem Tianfu Guangchang, wo das grosse Mao-Standbild auch heute noch steht, habe ich an meinem ersten Tag einen Polizisten auf einem Segway gesehen.
Die U-Bahn ist hochmodern, das Gleisbett mit automatischen Tueren abgeschottet, die sich auf der Seite der zusteigenden Fahrgaeste erst oeffnet, wenn der Zug eingefahren, und die Pendler auf der anderen Seite ausgestiegen sind. Die Ansagen sind zweisprachig. Man kann nichts falsch machen. Verfahren ausgeschlossen, Gedanken an Selbstmord im Keim erstickt.
Tai kexi le - sehr schade, dass ich Vegetarier bin und KFCs 24h-Angebot ausschlagen muss. Ich laufe weiter, versuche ueber ein gonggong dianhua, einen oeffentlichen Fernsprecher, meinen Vater zu erreichen.
Gestern wollte ich einer Freundin meiner Mutter zum Geburtstag
gratulieren, wurde auf meine Frage hin - ja, auf Chinesisch -, von
einem Passanten zur naechsten Kreuzung geschickt.
Weit und breit kein Fernsprecher. Ich stellte einem weiteren Fussgaenger dieselbe Frage. Ting bu dong - er versteht mich nicht, besser, will mich erst gar nicht verstehen. Ich empfinde dieses "Nix-Verstehen", das mir auf meine hoeflichen Fragen wiederholt entgegengehalten wird oft als feindseelig. Aber vielleicht ist das nur meine Empfindung.
Wie oft ich mittlerweile schon als "lao wai", alter Auslaender, tituliert wurde...
Es war einmal. Ganz frueher war das Wort durchaus ablehnend gemeint, und galt einfach allen Auslaendern. Heute ist es ein Ausdruck, der lediglich besagen will: Ich habe dich als Fremden gesehen und ist dabei meist weder abschaetzig noch freundlich, neutral gemeint.
Aber alter Auslaender? Will ich nicht sein.
Ich rufe den Chinesen, die mich so anreden, oder mir ein "lao wai" in den Ruecken murmeln, ein lautes "lao pengyou" hinterher.
So will ich angesprochen werden. Auch ein Ausdruck, der ehemals
Auslaendern galt. Aber netter. Alter Freund.
Das geht. Wenn schon alt, dann wenigstens als Freund.
Meinem Vater kann ich nur auf AB sprechen, nicht da, bu zai.
Hier, an den Ringen, steht ein Fernsprecher neben dem anderen. Erst der zweite akzeptiert meine Telefonkarte. Nach der zehnten Eingabe kommt die Verbindung zustande.
China ohne Widerstand? Nicht ganz.
Ich laufe weiter und erinnere mich an mein erstes China. In Shanghai, auf der Suche nach einem Internet-Cafe. Ich guckte mir die Augen wund, bis ein des Englischen maechtiger Chinese mich ins Schlepptau nahm.
Die wang ba's sind hier delikat versteckt, darueber hinaus im zweiten oder dritten Stock zu finden. Das hatte ich nicht wissen koenen. Aber heute weiss ich's. Und heute kann ich fragen: "Fujin you wang ba ma?", gibt es in der Naehe ein Internet-Cafe?
Moment, ja klar, immer geradeaus, nach hundert Metern auf der rechten Seite.
Ein heruntergelassender Rolladen, in den mannshoch ein Rechteck gefraesst wurde, laesst mich ein, ein in die Hoelle der grossaeugigen Nachteulen.
Mein Pass muss diesmal nicht kopiert werden, wie damals in Shanghai. Aber der Junge zieht den Pass eines mir fremden Chinesen ueber den Scanner. Hier wird alles registriert. Wer wann wo ins Internet geht und welche Seiten aufgerufen werden.
Ich hoffe nur, dass es den zum Pass gehoerigen Chinesen nicht gibt. Wer weiss, was die Funktionaere hinter der Grossen Firewall davon halten, wenn ich deutsche Webseiten aufrufe, versuche, mich bei Google einzuloggen? Der junge Mann auf dem Pass wirds mir danken.
Mein Kopf wird langsam traege, das Tippen und Starren auf den nur vom Monitor erhellten Raum - Moment, hinter mir haengt eine Funzel, die als Lampe durchgehen will - benebelt mich, der mangelnde Schlaf tut sein Uebriges.
Ich muss mich wieder an die Tastatur herantasten auf der ein y ein z vormacht, die Satzzeichen liegen, wo sie wollen und die Umlaute
fehlen. Immer wieder muss ich mich konzentrieren, um in der Dunkelheit die Tastenbelegung zu erraten.
2.22 Uhr, die Hoelle der Schlaflosen lebt. Hier wird gespielt, geskypt und gegooglet. Wobei Skype hier sein Aequivalent in QQ, die Google-Suche ihres in Baidu findet.
Der Altersdurchschnitt im Saal liegt bei geschaetzten 18 Jahren, wenn ueberhaupt, Mann sitzt mit nacktem Oberkoerper vor dem Schirm, Frau nicht. Klar.
Ein Bier waere schoen. Mei you. Mein Lieblingswort. Gibsnich! Sind ja auch nur Jugendliche hier, neben dem lao wai, versteht sich. Fuer mich darf es ein Kraeutertee aus der Dose sein. Ob ich wohl rauchen darf? Dumme Frage, eigentlich weiss ich das, frage nur mal so aus hoeflicher Gewohnheit.
Ich asche auf den Boden, so wie ich es in letzten Aufenthalten erlernt hatte. Dennoch begebe ich mich an die Rezeption und frage daemlich pflichtbewusst nach einem Aschenbecher. Leider weiss
ich das Wort dafuer nicht. Der Junge guckt mich mit Riesen-Augen an, nachdem er es geschafft hat, seine Glubscher fuer eine Minute von dem laufenden Chat auf seinem Bildschirm loszueisen und mir unbeteiligt, gelangweilt zuzuwenden.
Ich deute auf meine qualmende Zigarette, keine Reaktion, deute auf dem Tresen pantomimisch ein Rund an, keine Reaktion.
Fragend zuckende Schultern, ich werde ungeduldig, wie immer, wenn ich das Gefuehl habe, nicht verstanden werden zu wollen.
Ich asche auf den Tresen. Er verzieht keine Miene. Ich asche auf den Boden. Dito. Ich gebe auf.
Wie gesagt, bei der Frage nach dem Aschenbecher handelte es sich um eine recht daemlich pflichtschuldige Geste. Haette ich mir sparen koennen.
Ich zuende mir eine Zigarette nach der anderen an. Liegt das an China oder der Schlaflosigkeit? Quarze und quarze, kann gar nicht genug von meinen Yuxi (gesprochen "Iü-chsie") bekommen. Eine Marke, die man gerne anbietet, als freundschaflich gemeinte Geste, eine der besten. Als verbindlich gilt, dass man die angebotene Fluppe postwendend entzuendet.
Kannte mal einen Chinesen, Nichtraucher, der immer eine Packung mit sich führte, auch rauchte, wenn ihm eine Kippe hingestreckt wurde, nur, um nicht als unhoeflich zu gelten.
So ist das. China, das Raeucherparadies. Auch im einfachen Ess-Lokal wird nicht nur geraucht, Asche und Kippe werden nach dem Genuss auf dem Boden entsorgt.
China. Das Land meiner schlaflosen Naechte.
Neben mir kippt eine rot-weisse Katze gerade den Muelleimer um, auf der Suche nach Essbarem. Wohl die Hausherrin. Geschmeidig ist sie, Muell passt da nicht in mein Bild vom Herzensfreund der Tiere. Wo bekommt man hier Whiskas?
Von den geschätzten zweihundert Plaetzen sind ungefaehr die Haelfte besetzt. Mein Smartphone ist am Ende der Musik angelangt. Mich umgibt der Klang von klappernden Tasten, ins Mikrofon gelachten Dialogen und dem Rauschen der Klimaanlage.
Die Bildschirme sind im Land der Mitte mittlerweile deutlich groesser geworden. Vor mir ein halber Meter Flatscreen. Rueckstaendig ist hier nichts. Aber ich bin ja auch in Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan. Auf dem Tianfu Guangchang, wo das grosse Mao-Standbild auch heute noch steht, habe ich an meinem ersten Tag einen Polizisten auf einem Segway gesehen.
Die U-Bahn ist hochmodern, das Gleisbett mit automatischen Tueren abgeschottet, die sich auf der Seite der zusteigenden Fahrgaeste erst oeffnet, wenn der Zug eingefahren, und die Pendler auf der anderen Seite ausgestiegen sind. Die Ansagen sind zweisprachig. Man kann nichts falsch machen. Verfahren ausgeschlossen, Gedanken an Selbstmord im Keim erstickt.
Kommentare
I still remember our little tour to the Pandas. It was fun spending the day with you guys.
Tell the others "Hello" from the crazy guy from Germany. Hope you are swell!!