Shunan Zhuhai
Shunan Zhuhai
Beinah sechs Stunden. Drei waren veranschlagt... Hier ticken die Uhren anders. Das kenne ich bereits. Zhe wo yijing zhidao le. Auf der Fahrt frage ich drei Fahrgäste, wann wir denn am Bambusmeer ankommen. Bu zhidao. Wissen se nich. Aber der Schaffner/Beifahrer kann es mir dann doch sagen. 14.00 Uhr. 9.10 Uhr war Abfahrt. Rechnerisch 4 h 50 min. Um 15.00 Uhr sind wir da.Egal. Ich steige aus und bewege mich erst mal weg vom Haupttor, weil ich da ein billigeres Hotel zu finden glaube.
Endlich Natur durchwandern, alleine, yigeren, atmen, Beine bewegen.
Aber schon bald fährt mein Reisebus an mir vorbei und ich werde angehupt, das Töfftöff stoppt, der Fahrer will mir sagen, ich müsse mich in die andere Richtung bewegen.
Ich bin stur. Sage ihm, dass ich nicht bereit bin, 300 Yuan für ein Hotel zu zahlen, auf der Suche nach einem billigen bin. Besserwisser, der ich bin. Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, schickt mich auf einen Seitenweg, ich solle da lang gehen.
Was ich jetzt noch nicht weiß, ist, dass auch innerhalb der 130 km² Bambuswald durchaus sehr günstige Unterkünfte zu finden sind.
Da der Fahrer sich nach der mir vermittelten Auskunft ans Telefon hängt, schwant mir Vertraues. Ich habe dieses gewisse Gefühl im Bauch, dass ich nur auf diesen steinigen Landweg geschickt wurde, damit mich die Häscher besser finden.
Ein Tourist auf der Hauptstraße ist eine Sache, einer auf einer unbefestigten Landstraße leichter als solcher zu erkennen.
Was ich jetzt auch noch nicht weiß, ist, dass ich in den zwei Tagen hier der einzige lao wai, Ausländer, bleiben werde.
Beim ersten Haus frage ich auf gut Glück, ob sie ein Zimmer haben. Ich werde angelacht, das wars. Ich wandere um die nächste Kurve und höre ein Auto hinter mir. Himmelherrgott, ich hab es doch gewusst. Gewusst, wie China tickt.
Und da werde ich auch schon eingeladen. Ein wenig schäme ich mich, dass ich mich so leicht habe fangen lassen. Was nun folgt, ahne ich nicht nur, ich weiß es.
Der Fahrer bringt mich zu einem Hotel im Besitze seiner Verwandtschaft und wird mir dann für den Rest meines Hierseins seine Dienste verkaufen.
Dito.
Aber die inneren Widerstände, die das noch bei meinem ersten Chinabesuch auslöste, habe ich kurgeschlossen. Ich füge mich, aber nicht, ohne zu handeln.
Ich schreibe ihm auf, was mich das alles kostet. Eigentlich gemein, da er „nur“ 280 Yuan (33,60 Euro) für zwei Tage chauffieren will. Als mein Privatchauffeur wohlgemerkt. Aber es geht ums Prinzip. Wo suan. Ich rechne ihm vor:
118 für die Busfahrt hierher (2x), 112 für den Eintritt ins Reservat, 100 für das Hotel (scheiße billig), 280 für ihn, das seien 728 Yuan (ein Hunni).
Pantomimisch wische ich mir den Schweiß von der Stirn, sage ihm dass das ganz schön teuer ist für zwei Tage.
Anmerkung der Redaktion: 2000 Yuan entsprechen hier im Durchschnitt einem Monatsgehalt.
Moment, das trifft auf Chengdu zu, hier am Land dürfte das durchschnittliche Einkommen weit geringer sein.
Er muss meinen Angstschweiß also nachvollziehen können. Ist auch leicht verlegen. Will 240 Yuan. Ich gehe kurz vor die Tür, rauche eine, überlege und komme zu dem Schluss, dass ein Hunni für all das hier ja viel sein mag, für mich aber durchaus zu leisten ist.
Dieser Szene gehen natürlich einige mir bekannte andere voraus.
Szenen, die ich in China immer wieder durchlaufe, Szenen, in denen ich mich vergeblich der Dienste anderer zu erwehren versuche.
Das geht zum Beispiel so.
Ich: Aber ich laufe gerne zu Fuß, Gehen ist meine Leidenschaft.
Er: Hier kann man nicht laufen, viel zu groß.
Ich: Ich will aber wandern.
Er: Viel zu groß, ich zeige dir alle Highlights.
Ich: Danke, aber ich möchte wirklich gerne laufen...
Ich bin der einzige Gast im Hotel. Stolz wird mir von der Besitzerin das Zimmer mit eigenem Bad, mit ausgestreckter Hand der Fernseher präsentiert. Ich frage nach Internet. Ist auch da. Also alles da. Mehr, als ich erwartet habe für 12 Euro. Immerhin ist das Bambusmeer sowas wie das lokale Disneyworld.
Nachdem Herr Wang Ji Cai mich zum ersten Highlight gekarrt hat, meint er, meiner Wanderlust Tribut zollen zu müssen und lässt mich laufen. Wir verabreden uns in einer Stunde wieder am Parkplatz. Denkste, denk ich. Endlich frei, nach sechs Stunden Busfahrt, Häschereien und zähen Verhandlungen, da ist mir der Sinn nach Freiheit. Ich laufe und dann setzt das ein, was ich mir erhofft hatte. Ich bin glücklich. Ich laufe in den Bambuswald, umfasse jeden Stamm, schaue nach oben, höre das trockene Bambuslaub unter meinen Füßen knistern und bin der glücklichste Mensch der Welt. Bambus bringt Glück, Glück, Glück.
Die dicken, grünen Stämme und die feinen Blätter, die sich in 10-12 Metern Höhe im Wind wiegen, der blaue Himmel, der durch die Wipfel lugt. Dazwischen auf dem ausgeschilderten Weg – Achtung, jetzt wird’s kitschig – der Märchen- und der Schwanensee. Aua.
Ich gehe weiter, werde mit Bambusfähre über einen See gesetzt. Und dann sehe ich, dass das alles hier noch viel mehr als ein Meer aus Bambus ist. An einem Berg aus rotem Fels entlang ist ein Weg in den Hang geschlagen, von dem aus man ins Tal sieht.
500-800 Meter unter mir terrassierte Felder, hügeliges Land. Von weitem sehe ich eine Tempelruine. Malerisch fügt sie sich in den roten Stein. Bei falschen Mönchen kaufe ich eine echte Maxi-Räucherkerze für sage und schreibe unglaubliche 28 Yuan (zwei Gerichte plus Bier, ein feudales Abendessen) und widme sie vor der (hoffentlich echten) Götterstatue meiner Mutter. Immer wieder komme ich an Horden chinesischer Touristen vorbei, immer wieder schallt mir das vertraute „Hello“ entgegen. Ich antworte mit einem „Dajia hao“ (Ihnen allen einen guten Tag), und laufe gesenkten Hauptes weiter.
Die Landschaft ist unfassbar. All das Schöne fühlt sich an wie eine Art psychedelischer Traum, zu viel, zu schön, zu unbeschreiblich malerisch, um wahr zu sein.
Indessen wartet mein Fahrer. Was hat er mich auch laufen lassen, mich, der ich nun mal gerne laufe, alleine, ohne Führer, ohne Touristen. Ist ja nicht so, dass ich ihm das nicht gesagt hätte, oder? Mein Handy hatte ich bereits ausgeschaltet. Eigentlich, um Strom zu sparen. Ist ja auch mein Navi, da dachte ich mir, falls ich mich wirklich verlaufe, finde ich wenigstens zurück. Aber eben nur mit Akkuladung.
So ganz ganz hinten im Unterbewussten hatte ich wahrscheinlich auch keine Lust, von ihm telefonisch an die abgemachte Zeit erinnert zu werden. 20 Minuten nach der verabredeten Zeit schalte ich mein Handy wieder ein, schicke ihm eine SMS: "Ich habe mich verlaufen, es wird wohl später, werde so ungefähr um sechs da sein."
Gelogen. Schlecht gelogen, wie ich später feststelle. Alle Wege führen zurück zum Parkplatz.
Aber es ist mein Leben, in das er sich eingemischt hat, und ich, ich wollte ja gar nicht. Diese Landschaft sehe ich nur dieses eine Mal, also muss er warten.
Macht nix, mei guanxi, meint er, als ich mich bei ihm für die Verspätung entschuldige. Er bringt mich zum nächsten Highlight. Zum Regenbogen-Wasserfall. Hier mit „rinbow waterfall“ ausgeschildert.Die dicken, grünen Stämme und die feinen Blätter, die sich in 10-12 Metern Höhe im Wind wiegen, der blaue Himmel, der durch die Wipfel lugt. Dazwischen auf dem ausgeschilderten Weg – Achtung, jetzt wird’s kitschig – der Märchen- und der Schwanensee. Aua.
Ich gehe weiter, werde mit Bambusfähre über einen See gesetzt. Und dann sehe ich, dass das alles hier noch viel mehr als ein Meer aus Bambus ist. An einem Berg aus rotem Fels entlang ist ein Weg in den Hang geschlagen, von dem aus man ins Tal sieht.
500-800 Meter unter mir terrassierte Felder, hügeliges Land. Von weitem sehe ich eine Tempelruine. Malerisch fügt sie sich in den roten Stein. Bei falschen Mönchen kaufe ich eine echte Maxi-Räucherkerze für sage und schreibe unglaubliche 28 Yuan (zwei Gerichte plus Bier, ein feudales Abendessen) und widme sie vor der (hoffentlich echten) Götterstatue meiner Mutter. Immer wieder komme ich an Horden chinesischer Touristen vorbei, immer wieder schallt mir das vertraute „Hello“ entgegen. Ich antworte mit einem „Dajia hao“ (Ihnen allen einen guten Tag), und laufe gesenkten Hauptes weiter.
Die Landschaft ist unfassbar. All das Schöne fühlt sich an wie eine Art psychedelischer Traum, zu viel, zu schön, zu unbeschreiblich malerisch, um wahr zu sein.
Indessen wartet mein Fahrer. Was hat er mich auch laufen lassen, mich, der ich nun mal gerne laufe, alleine, ohne Führer, ohne Touristen. Ist ja nicht so, dass ich ihm das nicht gesagt hätte, oder? Mein Handy hatte ich bereits ausgeschaltet. Eigentlich, um Strom zu sparen. Ist ja auch mein Navi, da dachte ich mir, falls ich mich wirklich verlaufe, finde ich wenigstens zurück. Aber eben nur mit Akkuladung.
So ganz ganz hinten im Unterbewussten hatte ich wahrscheinlich auch keine Lust, von ihm telefonisch an die abgemachte Zeit erinnert zu werden. 20 Minuten nach der verabredeten Zeit schalte ich mein Handy wieder ein, schicke ihm eine SMS: "Ich habe mich verlaufen, es wird wohl später, werde so ungefähr um sechs da sein."
Gelogen. Schlecht gelogen, wie ich später feststelle. Alle Wege führen zurück zum Parkplatz.
Aber es ist mein Leben, in das er sich eingemischt hat, und ich, ich wollte ja gar nicht. Diese Landschaft sehe ich nur dieses eine Mal, also muss er warten.
Hihi.
Er kommt ein Stück des Weges mit mir, knipst noch ein – obligatorisches - Foto von mir vor dem Fall und dann macht er denselben Fehler noch einmal: Er lässt mich laufen.
Tja. Und los laufe ich. Immer weiter nach unten, dann wieder am Hang entlang, immer wieder von der (Sehn-) Sucht getrieben, zu gucken, was hinter der nächsten Weggabelung liegt. Aber diesmal schäme ich mich ein wenig, kehre zeitig wieder um.
Zwischendurch im Auto Smalltalk. Er ist 37 Jahre alt, hat einen Sohn von 14 Jahren und eine Frau. Er erfährt meine Daten und Nein, ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder. Diese Stats wechselt man hier immer aus. Ich kenne sie, ich könnte sie im Schlaf beantworten. Allerdings habe ich erhebliche Mühen, seinem Dialekt zu folgen. Sehr verwaschen, das. Ich meine, ich kann ja nicht annähernd anständig Chinesisch, aber das, das ist wirklich ein harter Brocken. Aber er bemüht sich, redet mit mir wie Deutsche Beamten mit iranischen Asylbewerbern. Ga-anz deut-lich! Ich komme einigermaßen mit.
Ach ja, ich bin übrigens sehr groß. Ich weiß nicht, wie oft ich das heute schon gehört habe. Auf meiner Wanderung so oft, dass ich am Ende bereits den erstaunten Ausrufen: „Mönsch, ist der groß – hen gao“ ein „1 Meter 90“ nachrief. Herr Wang Ji Cai ist übrigens 1 Meter 63.
Dann darf ich noch das Wolken-Meer sehen, eine Szenerie, wie mir die Tafel vor Ort versichert, die Eingang in die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele fand (per Videoeinspielung). Heute ohne Wolken. Nu habe ich genug...
Chifan. Zeit zum Essen. Er wirkt erleichtert. Innerlich wappne ich mich, ihm ganz nebenbei mitzuteilen, ich würde morgen bis 9 Uhr schlafen, ihn dann um 11 Uhr erwarten. Hoffe noch, von Sonnenaufgang bis zu seiner Ankunft die Gegend alleine und ausschließlich zu Fuß erkunden zu dürfen. Aber dann verkündet er, das Wolkenmeer sei morgen früh MIT Wolken zu sehen und er hole mich um 7.30 Uhr ab.
Hao de, meine ich. Okay. Ja spinn ich denn komplett?
Zurück im Familienbetrieb drängle ich mich in die Küche.
Man hatte mir doch allen Ernstes eine chinesische Speisekarte angetragen. Jaja, schön für die, die der Schriftzeichen mächtig sind. Ich jedenfalls bin es gewohnt, in der Küche auf das zu zeigen, was ich zu essen bereit bin.
In diesem Fall eine Art Kürbis und natürlich: Bambus! Und jiang, Ingwer, ganz viel. Chifu, der Chef, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Ingwer und ...-Kürbis, das gehe doch nicht zusammen. Ist mir schnuppe. Ich weiß, was für mich gut ist.
Fünf Minuten später, ich habe es gerade geschafft, mein Netbook und mein Handy an den Strom zu hängen und mir die Achseln auszuwaschen, erfolgt der Gong zum Abendessen in Form eines Schreis der Herbergsmutter.
Hen hao chi. Sehr, sehr gut gegessen.
Auf den …-Kürbis hätte ich auch verzichten können, aber der Bambus war zum Niederknien. Mit Ingwer und Knoblauch.
Ich frage noch, ob ich meine Wäsche waschen kann und werde hinter das Haus geführt. Ein Brunnen, zwei Eimer. Ich möchte wissen, wo das Schmutzwasser hinkommt. Auf den Boden.
Fließt dann in den nächsten Fluss, dann irgendwann in den Yangtze und letztlich ins Meer.
Alles China oder was?
Man hatte mir doch allen Ernstes eine chinesische Speisekarte angetragen. Jaja, schön für die, die der Schriftzeichen mächtig sind. Ich jedenfalls bin es gewohnt, in der Küche auf das zu zeigen, was ich zu essen bereit bin.
In diesem Fall eine Art Kürbis und natürlich: Bambus! Und jiang, Ingwer, ganz viel. Chifu, der Chef, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Ingwer und ...-Kürbis, das gehe doch nicht zusammen. Ist mir schnuppe. Ich weiß, was für mich gut ist.
Fünf Minuten später, ich habe es gerade geschafft, mein Netbook und mein Handy an den Strom zu hängen und mir die Achseln auszuwaschen, erfolgt der Gong zum Abendessen in Form eines Schreis der Herbergsmutter.
Hen hao chi. Sehr, sehr gut gegessen.
Auf den …-Kürbis hätte ich auch verzichten können, aber der Bambus war zum Niederknien. Mit Ingwer und Knoblauch.
Ich frage noch, ob ich meine Wäsche waschen kann und werde hinter das Haus geführt. Ein Brunnen, zwei Eimer. Ich möchte wissen, wo das Schmutzwasser hinkommt. Auf den Boden.
Fließt dann in den nächsten Fluss, dann irgendwann in den Yangtze und letztlich ins Meer.
Alles China oder was?
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