Wida Schina


Kaum da und schon wieder vertraut. Als wäre ich gestern das letzte Mal dieser Mentalität, dieser Art von Stadtleben begegnet.
In Peking habe ich drei Stunden Aufenthalt. Gehe mit meinem Netbook ins Internet, rufe meine Mutter und meinen Freund über Skype an, fühle, dass die Welt immer mehr zusammenschnurrt.
Ich meine, ich kann mal eben meine Lieben anrufen, für ein paar Cent, von Peking aus, sagen, dass ich nicht abgestürzt und auch sonst nicht verunglückt bin.

Dann mache ich mich auf, mein Gate zu suchen.
Als ich ankam, sagte mir eine freundliche Helferin noch: "To early!". Anscheinend werden die Gates in China erst kurz vor knapp bekannt. Rangieren die Flugzeuge nach Lust und Laune, suchen sich den ersten freien Parkplatz? Irgendwie so stell ich mir das vor.
Meinen Flug kann ich finden auf der Anzeigetafel, mein Gate nicht. Also gehe ich zum Check-In, obwohl ich bereits von Köln bis Chengdu durchgecheckt bin. Da bekomme ich ein neues Boarding Ticket - hab doch schon eins? - und die Gate-Nummer ist diesmal aufgedruckt.
Dann kommt eine unerwartete Frage: "Your baggage?"
Ja, meine ich, das sei bereits von Köln über Amsterdam bis zum Zielort durchgecheckt worden.
Das gehe in China nicht, heißt es, ich müsse in Peking mein Gepäck auschecken und damit durch den Zoll.
Aha? Hat mich irgendjemand vorgewarnt?

Und wie? Ich frage mich: Mein Flug ist bereits vor über drei Stunden angekommen, das Gepäck wird sicherlich auf dem Fließband irgendwo in diesem Großflughafen - Himmel, wie komm ich dahin zurück - warten. Und: Wenn ich jetzt in diesem Weltraum von Flughafen auf Gepäcksuche gehe, dann werde ich den Anschlussflug sicher nicht mehr bekommen.
Ich wiederhole meine Sätze (Gepäck sei bereits durchgecheckt, insofern habe ich keines bei mir), mein Gegenüber die Seinen (You have to get your baggage!). Stillstand. China.

Ich rufe laut um Hilfe. Die Sätze werden von einer anderen chinesischen Bodenstewardess wiederholt. Denn immer wenn es Missverständnisse zu geben scheint, dann wendet sich der eine Chinese an den vermeintlich des Englischen mächtigeren. Der Inhalt bleibt identisch. Nicht aufregen. Kurz vor drei. In etwas über einer halben Stunde fliege ich weiter.
Ich laufe durch den Flughafen, muss Wege, die man nur in eine Richtung durchlaufen darf, zurückgehen.
Und genau hier höre ich auf, zu berichten.
Wer mich und meine China-Erfahrungen kennt, kann sich ungefähr vorstellen, auf wieviel Granit ich dabei gestoßen werde.
Egal.

Ich schaue also brav auf dem Fließband nach, laufe einmal drumrum, sage mir: Na eben, war doch klar, dass mein Gepäck nicht ewig da liegenbleibt und vor Wiedersehensfreude mit den Rollen scharrt. Finde ein "Lost and found", nur ist niemand da.
15.00 Uhr. Dahinter finde ich ein Büro mit einer schlafenden Chinesin. Nachdem ich Dornröschen mit drängenden Rufen aus den Rosen geharkt habe, sagt sie, ich solle auf dem Band nachschauen. Fließband Nummer Vier.
Haha, denke ich.

Genau so geht all das weiter. Irgendwann habe ich es geschafft, mein Gepäck als vermisst zu melden und renne zum Gate. Letzter Aufruf.
An Bord setzt sich ein dicker Chinese neben mich, stößt meine Ellebogen von der Lehne, kuschelt seinen rechten an meinen linken Arm. Ohje, denke ich, ich muss mich ganz schnell wieder an die hiesigen Sitten gewöhnen. Und immer gaaaanz ruhig bleiben.
In der Sitzreihe neben mir schnarcht ein anderer Chinese so gottserbärmlich, dass es mich bei jedem Atemzug reißt.
Als er wach wird, wünsch ich ihn mir wieder schlafend. Er zieht ein ums andere Mal mit gefühlten 50 Dezibel seinen Rotz hoch und spuckt ihn in die Kotztüte. Das triggert weitere Chinesen, es ihm gleich zu tun.

Ich schließe die Augen und rechne zusammen, wie vieler hundert Euro ich mit meinem Koffer verlustig gegangen bin. Und ärgere mich. Warum muss man so viel mitnehmen, und so viel Teures. Stelle dabei fest, dass es mir eindeutig zu gut geht. Schäme mich ein wenig.

In Chengdu bleibe ich hartnäckig vor dem Fließband stehen und hoffe auf ein Wunder oder andere Irrtümer.
Und siehe da, mein Köfferchen fließt an mir vorbei.
Eben: Immer ganz ruhig bleiben.
Wida Schina!


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